341 zu breite Züge gekauft

Frankreichs Staatsbahnen haben Hunderte Regionalzüge bestellt. Nur passen die in viele Bahnhöfe gar nicht rein.

Dieser Zug des Typs Régiolis ist zu breit für alte Bahnhöfe. Foto: Reuters

Dieser Zug des Typs Régiolis ist zu breit für alte Bahnhöfe. Foto: Reuters

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«Grotesk», «absurd», «kafkaesk», «tragikomisch»: Die französischen Politiker und Medien griffen am Mittwoch tief ins Vokabular des blanken Erstaunens und Entsetzens, um eine Enthüllungsgeschichte der Wochenzeitung «Canard Enchaîné» zu kommentieren. Die Staatsbahnen SNCF, so erfährt man da, haben von ­Alstom und Bombardier insgesamt 341 Züge gekauft, die viele Bahnhöfe im Land nicht bedienen können. Sie sind komfortabler als die alten und deshalb auch breiter. Zwar nur um einige Zentimeter, aber einige Zentimeter sind in diesem Fall entscheidend. Nun müssen die Mauern von 1300 Bahnhofquais in aller Eile angepasst und geschliffen werden, mit Presslufthämmern und Fräsen – für 50 bis 80 Millionen Euro.

Die Hauptverantwortung für diesen «bestürzend dummen Fehler», wie ihn Umwelt- und Transportministerin Ségolène Royal nannte, liegt beim Réseau Ferré de France (RFF), dem staatlichen Betreiber des nationalen Schienennetzes. Deren Chef, Jacques Rapoport, räumte ein, dass er das Problem «etwas spät» erkannt habe. Rapoport ist erst seit eineinhalb Jahren im Amt. Das Problem ist denn auch ein gesamthaftes, politisches und bürokratisches.

Wer soll das bezahlen?

Seit RFF und die SNCF vor 17 Jahren getrennt wurden, rivalisieren Verwalter und Transporteur um Budgets und Kompetenzen. Man hört, die Spitzen der beiden Unternehmen redeten kaum miteinander. Zum denkwürdigen Fehler kam es wohl so: Die Regionalverwaltungen, die diese Züge aus ihren Etats bezahlen müssen, orderten bei der SNCF die neue Flotte. Die SNCF bestellte modernes Material, den TER Régiolis vom französischen Fabrikanten Alstom und den Regio 2N vom kanadischen Konzern Bombardier. Die Modelle entsprechen den internationalen Standardgrössen. Die Perrons in den grossen Stadtbahnhöfen sind mittlerweile modifiziert und rollstuhlgängig.

In der Provinz aber genügen viele Gares den modernen Normen nicht. RFF hätte die SNCF unterrichten müssen. Und diese hätte vielleicht ihrerseits auf die Idee kommen können, einmal die Masse von allen Bahnhöfen der Republik kontrollieren zu lassen – von RFF. Aber eben: Die Firmen pflegen nun mal keine regelmässige Kommunikation untereinander. Ministerin Royal forderte in ihrem Ärger «diese Leute in ihren Pariser Büros» auf, mal rauszugehen und sich die Bahnhöfe anzusehen. Dann würden ihnen gewisse Probleme eher auffallen. Es soll nun schnell eine Untersuchung geben, die allen Verantwortlichkeiten in diesem Dossier nachgeht.

Konsumentenorganisationen kündigen unterdessen schon an, sie würden die Entwicklung der Ticketpreise in den nächsten Jahren ganz genau beobachten: Man sei nicht bereit, für die abstrusen und kostspieligen Fehler zu bezahlen. Die Regionalverwaltungen liessen ausrichten, sie würden keinen Cent an die Bauarbeiten beitragen. Und da und dort wurde moniert, dass Chefs von Privatunternehmen, die sich eine solche Dummheit leisteten, auf der Stelle entlassen würden – im Gegensatz zu solchen von politisch geschützten Staatsbetrieben.

Erstellt: 22.05.2014, 07:13 Uhr

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