36 Jahre Haft für Sewol-Kapitän

295 Menschen waren beim Untergang der Sewol ums Leben gekommen. Ein Gericht verurteilte den Kapitän der südkoreanischen Fähre nun zu einer langen Haftstrafe. Viele Fragen bleiben offen.

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Zu 36 Jahren Gefängnis hat ein Bezirksgericht im südkoreanischen Gwangju den Kapitän Leen Joon Seok der “Sewol” verurteilt, der Fähre, die im April vor der Insel Jindo gesunken ist. 295 Menschen waren dabei ums Leben gekommen, die meisten von ihnen Mittelschüler. Neun werden noch vermisst. Der Chef-Ingenieur der Fähre erhielt 30 Jahre, weitere Crew-Mitglieder Gefängnisstrafen von fünf bis 20 Jahren.

Der Kapitän hatte das krängende Schiff als einer der ersten verlassen. Und zuvor sogar seine Uniform abgelegt. Derweil forderte seine Mannschaft die Passagiere auf, in ihren Kabinen zu bleiben. Nach seiner eigenen Rettung leistete Lee keinerlei Hilfe zur Befreiung von Passagieren aus der sinkenden Fähre. Der Staatsanwalt beantragte für ihn deshalb die Todesstrafe wegen mehrfachen Mordes. Lee bekannte sich der fahrlässigen Tötung und schwerer Pflichtverletzung schuldig, wehrte sich aber gegen den Vorwurf der Tötungsabsicht. Er sei verwirrt und überfordert gewesen. Die drei Richter folgten seiner Argumentation und sprachen ihn von der Mordanklage frei.

Südkorea hat seit 1997 niemanden mehr hingerichtet und seit fünf Jahren auch niemanden mehr zum Tode verurteilt. Derzeit sitzen 60 Häftlinge in der Todeszelle, ihre Strafen sind de facto in lebenslänglich umgewandelt worden.

Behörden haten Umbau sanktioniert

Die Sewol war instabil, weil ihr Reeder sie hatte umbauen lassen, um mehr Profit zu machen. Die Behörden hatten diesen Umbau wider besseres Wissen sanktioniert. In Seoul macht man die enge Verfilzung von Behörden und Wirtschaft dafür verantwortlich. Der Milliardär Yoo Byung Eun, der Besitzer der Sewol, hat zu Südkoreas Machtelite gehört.

Am 16, April war die Sewol überides falsch beladen, als sie aus Incheon auslief; die Ladung war nicht korrekt gesichert; ausserdem trug das Schiff zuwenig Ballast mit. Als es in Seenot geriet, versagten die Küstenwache und die Rettungsdienste. An all diesen Faktoren, die die Katastrophe erst möglich machten, dann verschlimmerten, hat Kapitän Lee keinen oder fast keinen Anteil. Er war nur Aushilfe, eingesprungen für den erkrankten Skipper. Dennoch richtete sich die Wut der Koreaner anfänglich ganz gegen ihn, er wurde zum Sündenbock der Nation. Manche Koreaner glauben, die Staatsanwaltschaft habe mit ihrer Forderung nach der Todesstrafe dieser Wut Rechnung tragen wollen. Sie kündigte nach der Urteilsverkündung an, sie gehe in die Berufung.

Wie sehr Korruption und Schluddrigkeit der Institutionen zum Tod von fast 300 Mittelschülern beigetragen haben, wurde den Koreanern erst allmählich klar, zumal die Regierungspartei von Präsidentin Park Geun Hye ernsthafte Ermittlungen lange verhinderte. Das Parlament hat erst vorige Woche eine Untersuchungskommission einberufen.

Die Reaktionen der Koreaner auf das Urteil gegen Lee spiegeln dies. Die einen sind empört, dass Lee nicht zum Tode verurteilt wurde, vor allem manche Angehörige. Andere, insbesondere auch Lees Anwälte, verlangen Strafuntersuchungen gegen die Küstenwache und die Reederei. Deren Eigner hat sich allerdings bereits selber gerichtet. Yoos Leiche wurde nach einer Menschenjagd durchs ganze Land im Juni halbverwest in einem Wald gefunden.

Wenige Stunden vor der Urteilsverkündung erklärte die Regierung in Seoul die Bergung von Leichen aus der Sewol für beendet, obwohl neun Opfer noch vermisst werden. Das Herbstwetter sei zu gefährlich für die Taucher. Die letzte Leiche war am 28. Oktober aus dem Schiffsrumpf geborgen worden. Nun soll das Heben des Wracks vorbereitet werden.

36 Jahre Haft für Fährkapitän Lee Joon Seok. (Video: Reuters)

Der Moment der Schande: Lee Jun-seok steigt mithilfe der Küstenwache von seinem Schiff. (Quelle: Republic of Korea Coast Guard)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2014, 06:42 Uhr

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