76-jährige Täterin kündigte Kindstötung vorgängig an

Die Tötung des 7-jährigen Basler Buben Ilias sorgte landesweit für Betroffenheit. Die Anklageschrift enthält brisante Details zum Leben der Täterin.

Grosse Betroffenheit: Nach der Tat legten Hunderte am Tatort Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Grosse Betroffenheit: Nach der Tat legten Hunderte am Tatort Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Bild: Nicole Pont

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Wenn Anfang April der Gerichtsprozess gegen die 76-jährige Schweizerin beginnt, die am 21. März 2019 den ihr unbekannten 7-jährigen Ilias mit einem Messer getötet hat, wird auch die Tatplanung ein Thema sein. In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, die der BaZ vorliegt, sind bereits Details zum Vorleben der Schweizerin enthalten.

Die Frau war den Behörden als langjährige Querulantin mit einer «chronifizierten schwerwiegend wahnhaften Störung» bekannt. Streitigkeiten von ihr und ihrem inzwischen verstorbenen Lebensgefährten mit den Behörden haben diese Störung ausgelöst. Nachdem die gemeinsame Wohnung des Paares 1992 zwangsgeräumt und drei Jahre später auch das Eigentum liquidiert wurde, fühlten sich die beiden in ihrer Haltung gegenüber Staat und Behörden bestätigt, die sie als ungerecht wahrnahmen.

Beschuldigte schrieb Querulanten-Briefe

Die Frau muss sich tief gekränkt gefühlt und in der Vergangenheit gelebt haben, denn sie wendete sich während 42 Jahren immer und immer wieder an die Behörden, die ab 1983 gar nicht mehr auf die Korrespondenz einging. Bereits in den Jahren vor 1992 schrieb das Paar «querulatorische Briefe an verschiedene Behörden», wie es die Staatsanwaltschaft nennt. Die Häufigkeit der verschickten Schreiben nahmen über die Jahre zu, auch der Ton verschärfte sich. «Gesamthaft häufte die Beschuldigte Korrespondenz von über zehn gefüllten Bananenkisten an», heisst es in der Anklage.

Weil das Paar mehrere Zivilprozesse verloren hatte, sprach es auch von einer «Justizkorruptionsaffäre». Auch wenn die Behörden ab 1983 die Briefe nicht mehr beantworteten, ohne Konsequenzen blieben die Schreiben nicht: In ihrem Leben musste die Beschuldigte bereits einen fürsorgerischen Freiheitsentzug über sich ergehen lassen, sie hatte zeitweise einen Beistand erhalten, war verhaftet worden und wegen ihren Drohungen in Strafverfahren verwickelt gewesen. 2004, 2006 sowie 2016 wurden psychiatrische Gutachten über sie erstellt.

Schuldeingeständnis bereits vor der Tat verfasst

Die Frau steigerte sich offenbar schon längere Zeit vor der eigentlichen Tat in eine Wahrnehmung hinein, in der sie eine Gewalttat als Notwehrhandlung einstufte. Im Februar 2019 teilte die Beschuldigte dem Bundesgericht mit, dass sie es als ihre Aufgabe ansehe, eine Tat zu begehen. Vor dieser Tat bereitete die 76-Jährige ein Couvert vor, das sie mit «Anwalt» beschriftete.

Ab dem 18. März lief die Frau ziellos durchs Gotthelf-Quartier «und spielte ihren Tatplan oder zumindest ihre Tötungsideen im Kopf durch», so die Staatsanwaltschaft. Im Vorfeld der Tat verfasste sie auch SMS-Entwürfe, in der sie ihre Tat gestand: «Hoi ihr Lieben, ich habe ein Kiind getötet, damit mein Justizfall aufgeklärt wird.» In dieser Phase verstaute sie auch ein Küchenmesser in der Handtasche.

Einen Tag vor der eigentlichen Tat führte die Frau das Messer nicht nur in der Handtasche mit, sondern hielt es sogar in der Nähe des Gotthelf-Schulhauses in der Hand. Und am Vorabend des Angriffes auf ein der Täterin unbekanntes Kind schrieb sie einer Freundin in einer SMS: «Hoi, bin jeden Tag morgens und nachmittags unterwegs und denke an mein Versprechen.» Dann bittet die Beschuldigte ihre Freundin noch, ein SMS zu löschen.

Frau stellte sich «ohne jegliche Reue»

Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau vor, die Tat akribisch geplant zu haben und in der Absicht vorgegangen zu sein, «Aufmerksamkeit bei den Behörden durch die Tötung eines ihr körperlich unterlegenen und völlig unbekannten Kindes zu erzwingen und auf diese Weise die Aufklärung ihrer Justizfälle zu erwirken».

Nach der Tat dann verschickte sie das SMS, in der sie sich zur Tat bekannte und hielt fest, dass sie die Verantwortung übernehme, «sofern sie nicht als Staatsfeind umgebracht werde». Nicht einmal eine Stunde nach der Tat stellte sich die Frau bei der Staatsanwaltschaft «und teilte ohne jegliche Reue zu zeigen mit, sie habe ein ihr unbekanntes Kind mit einem Messer getötet».

Die Anklage spricht von Mord, sieht aber die Schuldfähigkeit der Frau so sehr reduziert, dass statt der Strafe eine Zwangsmassnahme – sprich Verwahrung – ausgesprochen werden soll. Wie bei jedem Prozess gilt auch hier grundsätzlich für die Beschuldigte die Unschuldsvermutung. Das Gericht hat den Prozessauftakt am 2. April angesetzt.

Erstellt: 16.01.2020, 15:06 Uhr

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