Air Glaciers und SAC üben scharfe Kritik an der Rega

Für einen dringenden Patiententransport von Interlaken nach Bern hatte die Rega keinen Helikopter in der Nähe – im Gegensatz zur Konkurrenz Air-Glaciers. Die Rega verhinderte aber den Transport mit Air-Glaciers.

Ein Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) landet auf dem Dach des Inselspitals. Die Vormachtstellung der Rega bröckelt.

Ein Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) landet auf dem Dach des Inselspitals. Die Vormachtstellung der Rega bröckelt. Bild: Walter Pfäffli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Rettungsflugwacht (Rega) muss von Air Glaciers und dem Schweizer Alpenclub (SAC) Kritik einstecken: Laut einer internen Weisung der Geschäftsleitung würde die Rega beim Aufbieten eines Rettungshubschraubers nicht den nächsten sondern in erster Linie den eigenen Helikopter losschicken, heisst es in einer Mitteilung der beiden Berner Organisationen. Das zeigt eine dringliche Patientenverlegung vom vergangenen Freitag. Das Spital Interlaken hatte einen Helikopter für den Transport eines Patienten ins Berner Inselspital bestellt.

Der Zustand des Patienten war prekär. Die Rega hat im Berner Oberland die Pflicht, bei Notfällen schnellstens einen Heli loszuschicken. Sie kann, wenn kein eigener zur Verfügung steht, ein Helikopterteam der Air-Glaciers aufbieten, welche im Oberland Bodenstationen betreibt.

Heli aus Lausanne

An jenem Freitag hatte die Rega für die Spitalverlegung offenbar im ganzen Oberland keinen Helikopter frei. Bei der Air-Glaciers wäre hingegen ein Team mit ausgerüstetem Hubschrauber zur Verfügung gestanden. Das muss der Rega egal gewesen sein. Sie wollte den Flug offenbar um jeden Preis selber durchführen und bot deshalb einen Helikopter aus dem rund 100 Kilometer entfernten Lausanne auf.

Diese Geschehnisse wurden dieser Zeitung zugetragen. Markus Hächler, Sprecher des Inselspitals, bestätigt den Flug zu besagter Zeit aus Interlaken. Er hält Folgendes fest: Bei Flügen ins Inselspital gehe es immer um eine medizinische Notwendigkeit. Und: Wenn der Heli zum Einsatz komme, sei es immer dringend. Die Rega dürfte mit dem Umweg via Lausanne in diesem dringenden Fall vor allem wertvolle Zeit verschwendet haben.

Aber nicht nur das: Eine Flugminute kostet 90 Franken. Reicht die Spitalpauschale für einen Patiententransport nicht aus, zahlen die Gönner der Rega mit ihrem Beitrag den unnötigen Aufwand. Kosten für den wohl unnötigen Retourflug Lausanne–Interlaken betragen rund 4500 Franken. Auch ökologisch betrachtet scheint die Bestellung des Helikopters aus Lausanne unsinnig. Wie weit die Rega mit ihrem Verhalten die Gesundheit des zu transportierenden Patienten gefährdet hat, ist nicht bekannt.

Spital verweigert Auskunft

Im öffentlichen Spital Interlaken will man den Fall unter dem Deckel halten. Dies, obwohl die Spitalverantwortlichen wie kantonale Behörden der Auskunftspflicht unterstehen. Spitalsprecher Sandro Hügli wimmelt Fragen zum Vorfall vom Freitag ab: Man unterhalte «mit den Luftrettungsgesellschaften sehr gute Kontakte». Das Spital Interlaken äussere sich deshalb nicht zu deren Beziehungen. «Wir bitten Sie, sich in dem von Ihnen geschilderten Fall direkt an die Rega zu wenden.» Doch auch die Rega nimmt – ohne überhaupt auf den konkreten Fall einzugehen – bloss mit floskelhaften Sätzen Stellung: «Bei Verlegungsflügen handelt es sich in der Regel um medizinisch hoch anspruchsvolle Transporte mit komplexem Monitoring, welche die Rega im Auftrag der Spitäler ausführt.»

Das Monopol wankt

Die Rega hat in den meisten Kantonen bis heute ein Luftrettungsmonopol. In jüngster Zeit geriet sie damit aber unter Druck: Seit zwei Jahren bietet auch der TCS Rettungsflüge an. Das führte im Kanton Aargau zum erbitterten Streit zwischen Rega und TCS.

Seit längerem bahnt sich auch im Berner Oberland ein Zwist an: Hier ist es die Air-Glaciers, die der Rega die Stirn bietet. Sie hat vor allem im Wallis, aber auch im Berner Oberland jahrelange Erfahrung im Luftrettungswesen. Der Streit scheint nun zu eskalieren: «Es geht um sehr viel Geld», sagt ein Betroffener, der anonym bleiben will. Beide Helikoptergesellschaften haben für Rettungen und Notfälle gut ausgerüstete Helikopter. Beide verfügen über die nötigen Bewilligungen. Und beide verfügen auch über eigenes medizinisches Personal. Bei Air-Glaciers ist es unter anderen der bekannte Berner Oberländer Notarzt und Bergsteiger Bruno Durrer.

Der entscheidende Unterschied: Die Rega hat nach wie vor auch im Berner Oberland de facto uneingeschränkte Monopolmacht: Die unabhängige Notrufzentrale 144 muss bis heute alle im Berner Oberland eingehenden Notfälle zuerst der Rega-Zentrale in Zürich melden. Diese darf dann triagieren – das heisst, entweder einen eigenen Heli losschicken oder Air-Glaciers aufbieten. Air-Glaciers-Notarzt Durrer kritisierte kürzlich in einem Interview: «Klar gibt die Rega hin und wieder Einsätze an die Air-Glaciers weiter»

Aber: Es könne nicht sein, dass im Berner Oberland bei Notfällen Helikopter aus Bern, Erstfeld, Sitten oder Zermatt eingesetzt werden, solange näher gelegene einsatzfähige Rettungshelikopter am Boden stehen. «Patienten müssen so länger auf ärztliche Versorgung warten, und die Einsätze kosten deutlich mehr», so Durrer. Eine Motion auf kantonaler Ebene verlangt, dass die Ungleichbehandlung zwischen Rega und Air-Glaciers behoben wird. Laut den Betroffenen ist aber die Behörde im Verzug mit der Ausarbeitung einer entsprechenden Vorlage.

Nachdem diese Zeitung mit Recherchen zum Thema bereits begonnen hatte, hat Air-Glaciers am Dienstag beschlossen, zusammen mit dem SAC an die Öffentlichkeit zu treten: Die beiden wollen heute an einer Medienkonferenz auf Missstände im Rettungswesen hinweisen.

Erstellt: 25.07.2013, 07:46 Uhr

Angekündigte Medienkonferen

An einer Medienkonferenz in Lauterbrunnen wollen Air Glaciers und der Schweizer Alpen Club (SAC) Fälle publik machen, bei welchen Helikopter des bernischen Unternehmens gegenüber den Rega-Helis das Nachsehen gehabt haben, obwohl sie der Unfallstelle näher gewesen waren.(pia)

Artikel zum Thema

Rettet bald der TCS-Heli in Zürich?

Hintergrund Seit kurzem darf der gelbe Helikopter des Touring-Clubs Schweiz auch im Kanton Zürich aufgeboten werden. Die neue Konkurrenz führt offenbar zu Tarifsenkungen bei der Rega. Mehr...

«Wir sehen einander überhaupt nicht als Konkurrenten»

Hintergrund Die Rega kämpft im Aargau mit der Konkurrenz TCS. Auch im Berner Oberland läuft die Flugrettungskoordination nicht reibungslos. Warum es im Wallis rund läuft, sagen die Chefs von Air Zermatt und Air Glaciers. Mehr...

Die Rega verliert im Aargau ihre Vorrangstellung

Hintergrund Der Aargauer Regierungsrat hat entschieden: Der TCS hat in der Luftrettung definitiv Priorität. Die Rega hat das Nachsehen. Experten äussern ihre Bedenken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...