Alice im Kachelland: Ein Trauerspiel

Die Journalistin Alice Schwarzer soll im Vergewaltigungsverfahren gegen Jörg Kachelmann aussagen. Was soll das?

«Donnerwetter»: Alice Schwarzer vor dem Landgericht Mannheim.

«Donnerwetter»: Alice Schwarzer vor dem Landgericht Mannheim.

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Ginge es nicht um ein menschliches und strafrechtliches Drama, könnte man die Szene im Saal 1 des Mannheimer Landgerichts als grosses Theater bezeichnen. Alice Schwarzer, im löchrigen Pulli und doch immer sehr bedacht auf ihre Aussenwirkung, wird vom Richter rausgeschickt. Die Verteidigung hat sie soeben als Zeugin benannt. Schwarzer steht auf, lächelt, sagt «Donnerwetter» und zwei Sätze und zieht ungläubig von dannen.

Inzwischen wird auch sie den Grund ihres temporären Ausschlusses erfahren haben: Wer als Zeugin in einem Strafverfahren infrage kommt, hat auf den Zuschauerplätzen nichts zu suchen. Dort hat Schwarzer noch weniger Freunde als andere Pressevertreter. Das Gros des Publikums, Verschwörungstheorien nicht abgeneigt, teilt die Meinung des Defensivteams, die feministische Journalistin sei Kopf eines Feldzugs gegen Jörg Kachelmann.

Tatsächlich spielt die «Emma»-Herausgeberin eine unrühmliche Rolle im Verfahren gegen den Wettermoderator. Für das Blut-, Blech- und Busen-Blatt «Bild» berichtet die Frauenrechtlerin aus der Perspektive des mutmasslichen Opfers über den Fall. Zwar sass sie an den nun 26. Prozesstagen insgesamt nur wenige Stunden im Gerichtssaal. Doch das hindert sie nicht, die deutlichsten Meinungen zum Schweizer Wettermann zu äussern. «Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann», hatte sie schon vor Prozessauftakt den Angeklagten belehrt.

Ein mediales Trauerspiel

Schwarzer begründet ihr Anti-Angeklagten-Engagement damit, dass deutsche Leitmedien, allen voran «Die Zeit», voreingenommen mitverteidigen. Tatsächlich können sich Schweizer Beobachter nur wundern, wie sehr sich gestandene Berichterstatterinnen in Deutschland in dieser Sache auf die eine Seite schlagen – oder wie Schwarzer auf die andere. Die auffallendsten Protagonistinnen in diesem publizistischen Fernduell, allesamt Frauen, finden wohl, sie betrieben anwaltschaftlichen Journalismus. In Tat und Wahrheit machen sie mit ihrer Voreingenommenheit den Fall Kachelmann auch medial zu einem Trauerspiel.

Alice Schwarzer gesteht gerne ein, dass sie für ihre Recherchen Kontakt zum Therapeuten des mutmasslichen Opfers pflegt und auch zur Frau selber, die Kachelmann anzeigte. «Ich habe dann den E-Mail-Kontakt zu ihr abgebrochen», erzählt sie, «weil ich meine Objektivität nicht gefährden will.» Berufskollegen können über solche Sätze nur den Kopf schütteln. Eine der wichtigsten journalistischen Grundregeln lautet: Über meine Quellen äussere ich mich niemals. Auch nicht vor Gericht. Dort haben Medienschaffende Zeugnisverweigerungsrecht. Schwarzer im Zeugenstand kann sich darauf berufen. Doch das wirkt grotesk, wenn sie draussen vor der Gerichtstür bereitwillig Auskunft gibt über ihr Kontaktnetz.

Verzögerung und Spektakel

Doch selbst wenn Schwarzer auch drinnen auskunftsfreudig wäre, trägt das kaum zur Klärung dessen bei, was damals in der Dachwohnung in Schwetzingen geschah. Das weiss die Frauenrechtlerin nicht. Auch wenn sie manchmal so schreibt, als wüsste sie es.

Dem Angeklagten kann man nicht vorwerfen, dass er alle Hebel in Bewegung setzt, damit die Kammer ihn nicht verurteilt. Doch seine Anwälte haben die bislang unnötigste Zeugin aufgeboten. Weder kennt Alice Schwarzer Kachelmann gut, noch hat sie irgendetwas mit den Vorwürfen zu tun. Ihre Aussage lenkt auf Nebenschauplätze, bringt eine erneute Verfahrensverlängerung und noch mehr Spektakel. An all dem mangelt es nicht im oft grotesken Prozess.

Handelt es sich beim ganzen Manöver um einen «Versuch der Verteidigung, die Berichterstattung über den Prozess zu manipulieren», wie ein «Bild»-Anwalt behauptet? Zu diesem Eindruck könnte man kommen. Kachelmanns Verteidiger interveniert auch, wenn sich Journalisten in Prozesspausen erfrechen, Fragen an den Staatsanwalt zu stellen. Auch der TA hat dies zu spüren bekommen. Bemerkenswerterweise kritisierte Schwarzer kurz darauf die angeblich andauernd negative Berichtserstattung des «Tages-Anzeigers» über ihre Person – obwohl der TA bis zum Donnerstag nur einmal ihre Rolle im Verfahren thematisiert hatte. Sie drohte mit rechtlichen Schritten. Damit versuchte sie genau das, was sie Schwenn vorwirft: Journalisten mundtot zu machen.

Erstellt: 05.02.2011, 17:36 Uhr

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