«Als wäre mein Auto aus Plastik»

Überflutete Keller, weggeschwemmte Fahrzeuge und schlammüberfüllte Strassen: In der Rheintaler Stadt Altstätten herrscht nach dem Unwetter Ausnahmezustand. Ein Augenschein.

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Es regnet in Altstätten. Die Tropfen werden grösser und kräftiger. Der Stadtbach im Herzen der Rheintaler Kleinstadt schwillt an, bald läuft er über. Andreas Marquart sieht die Tragödie kommen. Er fährt sein Auto aus der Garage und parkiert es einige Meter oberhalb. Sicher ist sicher, denkt er. Kurz darauf muss er dabei zusehen, wie sein goldener Toyota an seinem Haus vorbeigeschwemmt wird - «so als wäre er aus Plastik», sagt er.

Andreas Marquart wohnt mit seiner Familie am Spangelnweg im Herzen von Altstätten. Hier, gleich neben dem Stadtbach, ist die Lage am Tag nach der verheerenden Flutwelle besonders prekär. Kein Keller blieb trocken, keine Garage verschont. «Die Schlammschicht in meiner Garage war eineinhalb Meter hoch», sagt Marquart und zeigt auf die Spuren an der Wand. Auch die Werkstatt im Erdgeschoss ist verwüstet. Seine Sommerferien hat sich der SBB-Angestellte etwas anders vorgestellt.

Ruedi Mattle weilt zurzeit im Ausland. Von der Flutwelle, die Altstätten in ein Krisengebiet verwandelt hat, hat der Stadtpräsident per Telefon erfahren. Die Szenen, die ihm sein Stellvertreter Reto Walser schildern muss, sind schlimm: Die historische Altstadt liegt brach, die Strassen sind braungefärbt vom Schlamm, überall liegt Schwemmholz und Geröll. «Ich lebe seit über 50 Jahren hier», sagt der Vizestadtpräsident. «Etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt.»

«Die Lage war prekär»: Peter Keel von der Feuerwehr Altstätten-Eichberg erläutert die Situation.

Alles begann am Montag um zwanzig vor sieben. Zu dieser Zeit ging bei der Feuerwehr die erste Meldung ein. «Keine zehn Minuten später war das erste Team vor Ort», sagt Peter Keel von der Feuerwehr Altstätten-Eichberg. Doch da bahnte sich das Bachwasser bereits seinen Weg über die Strassen – und mit ihm jede Menge Schlamm, Gestein und Holz. Die nächsten Stunden waren laut Keel prekär. Bis morgens um sechs Uhr meldeten 105 Menschen ihre Schäden.

Ausnahmezustand in Altstätten

Auch am Tag nach der Flut herrscht in Altstätten Ausnahmezustand. Feuerwehrautos fahren durch die Strassen, vorbei an Dutzenden Baggern und rund hundert Feuerwehrleuten, Zivilschützern und Helfern. «Um sieben Uhr abends meldete sich mein Pager. Seither sind wir dran», sagt Sandro Kobler. Zusammen mit anderen Feuerwehrmännern saugt der junge Mann mit dem Jauchefass Schlamm aus einem Keller an der Ringgasse. Die kleine Strasse hat eine Bar, eine Pizzeria und ein indisches Restaurant zu bieten. Statt wie sonst zur Mittagszeit Kunden zu bedienen, greifen die Betreiber zu Schaufeln, Besen und Wasserschläuchen.

Es scheint als wäre die ganze Stadt auf den Beinen. Wer selbst mit einem blauen Auge davon gekommen ist, hilft seinen Nachbarn. Ältere Menschen beobachten das hektische Treiben von ihren Fenstern aus – viele schütteln den Kopf über den Anblick der Verwüstung.

Die Aufräumarbeiten müssen rassig vorangehen. Denn die rund 10'000 Einwohner wissen, dass weitere Niederschläge den Stadtbach erneut über die Ufer treten lassen können. Inmitten der müden Mienen der Helfer verbreitet einer Zuversicht: Ralph Dietsche vom Regionalen Führungsstab Oberes Rheintal. «Wir kommen gut voran. Mit Baggern befreien wir die Bäche von Schlamm und Geröll. Die Ablaufschächte und Leitungen werden durchgespült. So, dass das angekündigte Regenwasser abfliessen kann.»

Langsam biegt ein Lastwagen um die Ecke. Dietschi bricht das Gespräch ab und ruft: «Macht Platz, tretet zur Seite». Andreas Marquarts weggeschwemmter Toyota ist bereit zum Abschleppen. Noch liegt er auf der Motorhaube des Autos seines Nachbarn.

Erstellt: 29.07.2014, 20:52 Uhr

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