Anthamatten entschuldigt sich angeblich für seine Tat

Bei seiner Verhaftung hat der Mörder von Adeline gegenüber den Polizisten Reue gezeigt. Derweil werden weitere fragwürdige Details zur psychiatrischen Abklärung des verurteilten Vergewaltigers bekannt.

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Kurz nach der polnischen Grenze endete gestern die Flucht von Fabrice Anthamatten. Deutsche Bundespolizisten hatten den weissen Citroën Berlingo mit dem Genfer Kennzeichen erkannt, mit dem er seit der Tötung von Adeline M. bei Genf unterwegs war.

Die Polizisten hielten den Wagen an, der 39-Jährige, der wegen zwei Vergewaltigungen zu insgesamt 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, liess sich widerstandslos festnehmen. Er zeigte den Beamten die Tatwaffe, die sich in seinem Rucksack befand. Mutmasslich handelt es sich um ein Messer – mit dem er Adeline M. die Kehle durchgeschnitten hatte. Die Deutschen übergaben den international zur Verhaftung Ausgeschriebenen ihren polnischen Kollegen.

Der Präsident der Bundespolizei, Dieter Romann, sagte gegenüber der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens, Anthamatten habe während der kurzen Wartezeit gegenüber den deutschen Fahndern Reue gezeigt: «Er hat sich in gebrochenem Englisch für seine schreckliche Tat im Waldstück bei Genf entschuldigt», sagte Romann.

Kein unabhängiges Gutachten

In Genf fand gestern Abend eine Gedenkveranstaltung statt. Das Unverständnis darüber, dass man Anthamatten alleine mit seiner Sozialtherapeutin in einen Freigang liess, war nach wie vor mit Händen zu greifen. Eine ehemalige Arbeitskollegin von Adeline M. kann es nicht fassen. «Ich wohne zehn Minuten vom Ort entfernt, an dem die Tat geschah. Ich kann nicht mehr schlafen», sagt die Frau zur «Tribune de Genève». Andere fordern mehr Schutz für die Mitarbeiter und Sanktionen für die Verantwortlichen.

Neue bekannt gewordene Details werden die Wut kaum dämpfen. Wie die «Tribune de Genève» schreibt, wurde Fabrice Anthamatten ohne unabhängige psychiatrische Abklärung in den Freigang gelassen. Einzig sein behandelnder Psychiater habe ein Gutachten abgegeben. Das ist nach Einschätzung des Leiters der psychiatrischen Abteilung des Genfer Universitätsspitals, Panteleimon Gianakopoulos, «keine psychiatrische Expertise im eigentlichen Sinn». Um mehr Objektivität zu erhalten, wäre demnach ein Blick von ausserhalb nötig gewesen. Für den emeritierten Kriminologieprofessor Christian-Nils Robert und Psychologieprofessor Philip Jaffé wären sogar zwei unabhängige Gutachten nötig gewesen. «Ich nehme an, dass die Einschätzung zu schnell vorgenommen wurde», sagt Jaffé. Gerade bei Fällen von mehrfach Rückfälligen müsse man die feinsten Mittel einsetzen.

Bei Fabrice Anthamatten entschied die für die Umsetzung von Strafen zuständige Behörde (Sapem) laut der «Tribune de Genève» aber lediglich gestützt auf den behandelnden Psychiater und das Gefängniszentrum La Pâquerette. Hätte das Sapem Zweifel an Freigängen für den Vergewaltiger gehegt, hätte es ein zusätzliches Gutachten anfordern können. Das geschah aber nicht – und Anthamatten hatte am letzten Donnerstag seinen zweiten Freigang für die Tötung von Adeline M. genutzt. (rub)

Erstellt: 17.09.2013, 10:35 Uhr

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