Attentat auf dem Höhepunkt der Wahlparty

Zuerst fielen Schüsse, dann herrschte Chaos: In der kanadischen Provinz Québec ist eine Wahlparty von einem Attentat überschattet worden. Ein maskierter Mann tötete einen Menschen. Doch wer war das Ziel?

Die Separatistenpartei Parti québécois ist als stärkste Partei aus den Wahlen hervorgegangen: Sicherheitsleute bringen Parteichefin Pauline Marois nach den Schüssen in Sicherheit. (4. September 2012)
Video: Reuters

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Gerührte Kanadier haben Tränen in den Augen, rufen immer wieder «Pauline, Pauline» und freuen sich auf die politische Zukunft ihrer Provinz Québec. In der Konzerthalle Métropolis in Montreal ist die Siegesfeier der Parti Québécois (PQ) gerade in vollem Gange. Doch dann stürmen gegen Mitternacht schwarzgekleidete Sicherheitsleute auf die Bühne und ziehen Parteichefin Pauline Marois hinter die Kulissen. Zuvor waren Schüsse gefallen, ein Mensch stirbt.

Das Motiv ist unklar, womöglich war der Attentäter ein Gegner der Befürworter einer Unabhängigkeit Québecs. «Was ist denn los?», fragt ein Parteianhänger in den Minuten, nachdem Marois in Sicherheit gebracht wurde. Sofort herrscht Chaos in der Menge. Journalisten und Polizisten laufen aufgeregt hin und her, Fernsehmoderatoren stellen sich vor die Kameras und übertragen live, Fotografen versuchen, die Türen einiger Notausgänge zu öffnen. Doch da quillt Rauch herein. «Sofort schliessen!», ruft eine Beamtin. Erste Gerüchte gehen um, dann erhält ein Parteimitglied eine Nachricht auf dem Handy: Ein Mann habe um sich geschossen und versucht, das Gebäude anzuzünden.

«Es gibt Menschen, die dafür noch nicht bereit sind»

Die Polizei berichtet später, dass der Schütze erst in die Halle kam, dort Schüsse abfeuerte und draussen erneut zur Waffe griff. Ein Mann wird getötet, ein weiterer schwer verletzt. Der Täter wird binnen Sekunden überwältigt, die Polizei beschlagnahmt mehrere Waffen. Bei seiner Festnahme schreit er auf Französisch mit starkem englischem Akzent: «Die Engländer wachen auf» und schwört in derben Worten Rache. Offenbar steht das Attentat in Verbindung mit Ängsten der englischsprachigen Minderheit der Provinz, dass sich diese von Kanada lossagen könnte.

Einige glauben hingegen, dass Marois getroffen werden sollte – weil sie die erste Frau ist, die die kanadische Provinz Québec regieren dürfte. «Es gibt Menschen, die dafür noch nicht bereit sind», sagt die 22-jährige Maryse Chaussée, während sie den Saal verlässt. Die Polizei hat noch keinen Hinweis auf Motive des rund 50-Jährigen und leitet Mordermittlungen ein.

«Wartet!»

Marois selbst bleibt unverletzt. Die 63-Jährige stets adrett gekleidete Politikerin mit den kurzgeschnittenen blonden Haaren kehrt nach nur kurzer Zeit auf die Bühne zurück. Erst bittet sie die Menge, ruhig den Saal zu verlassen, dann ruft sie doch «Wartet!» und setzt ihre Rede fort. Marois gilt als energische Politikerin mit langjähriger Erfahrung in diversen Ministerien der Provinz. Sie dürfte nicht nur Québecs erste Regierungschefin werden, sondern sie war 2007 auch die erste Frau, die an die Spitze der PQ gewählt wurde.

Ihre Partei verfolgt die Unabhängigkeit der überwiegend französischsprachigen Provinz, obgleich derzeit nur gut ein Drittel der «Québecois» einen eigenen Staat befürwortet. Kurz vor Beginn der Schiesserei hatte Marois in ihrer Rede gerade betont, dass die Zukunft Québecs die eines «souveränen Landes» sei. Die Politikerin und vierfache Mutter hat einen ambitionierten Plan - und von dem lässt sie sich nicht abbringen. (bru/AFP)

Erstellt: 05.09.2012, 14:22 Uhr

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