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Aus Frust eine neue Strasse gebaut

Ganz England spricht über die neue Verbindungsstrasse zwischen zwei kleinen Städtchen: Weil ein Erdrutsch die alte versperrte, hat sie der Autofahrer Mike Watts kurzerhand selber gebaut.

Road closed: Kein offizieller Weg führt nach Bath. Foto: Mr. Standfast, Alamy Live News

Road closed: Kein offizieller Weg führt nach Bath. Foto: Mr. Standfast, Alamy Live News

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Mike Watts macht seine Frau verantwortlich. Wendy, sagt er, habe ihm in den Ohren gelegen, doch «endlich etwas zu tun». Das tat Watts. Er nahm Geld auf, bestellte eine Baufirma und liess eine Strasse über einen Acker legen. Von dieser Strasse redet nun das ganze Vereinigte Königreich.

Begonnen hatte die Sache im Februar mit einem Erdrutsch. Der erzwang die Schliessung eines Abschnitts der südenglischen Landstrasse A 431 von der Ortschaft Kelston ins nahe Städtchen Bath. Diese Strecke aber musste Mike Watts täglich fahren. Weil er in Kelston wohnte und in Bath eine kleine Espresso-Bar betrieb.

Die einzige Möglichkeit, um von Kelston nach Bath zu kommen, war eine 20 Kilometer lange Umleitung, die für eine Bath-­Fahrt eine Extrastunde Fahrzeit – und natürlich Extra­benzinkosten – bedeutete. Das fand nicht nur Watts eine Zumutung. Auch andere Bewohner der Gegend regten sich mächtig auf, als die Kreisverwaltung ankündigte, die Strassenarbeiten würden sich bis Ende Jahr hinziehen.

Einige Fahrer suchten sich parallel der gesperrten Strasse über einen Acker des dortigen Landwirts John Dinham durchzuschlagen, um das Hindernis zu umgehen. Aber immer mehr blieben im Morast stecken. Die Ackertour war kein Ersatz. Das brachte Mike Watts auf seine Idee.

Simpel, aber stabil

Er pachtete diesen Sommer von Dinham das Stück Acker und liess in Rekordzeit eine 365 Meter lange Behelfsstrasse anlegen. Simpel, aber stabil. Ohne Asphalt. Nur mit ausgewalzten Steinen aus einer Baugrube in der Nachbarschaft. Drei Monate Vorbereitungen waren nötig. Zehn Tage dauerte der Bau.

Über einem Pint im Old Crown Pub in Kelston, erzählt Watts, hätten er und Dinham die Sache mit der Strasse vereinbart. Die Idee mit den Gebühren habe seine Frau Wendy gehabt. An jedem Ende der Mautstrasse steht nun ein Tickethäuschen. 2 Pfund kostet die Durchfahrt pro Wagen, 1 Pfund pro Motorrad. Mit dem Geld sucht Watts die 150'000 Pfund wieder hereinzuholen, die er in den Strassenbau gesteckt hat. Plus die 150'000 Pfund, die der Betrieb der Strasse bis Weihnachten voraussichtlich kostet. Watts Berechnungen zufolge braucht er 1000 Wagen pro Tag, um wieder zu seinem Geld zu kommen. In den ersten Tagen waren es aber nur 500. Das reicht noch nicht ganz. Sollte die Sache schiefgehen, ist die Familie Watts dumm dran. «Wenn es nicht funktioniert», sagt Watts, «verlieren wir unser Haus.» Vorerst ist er allerdings noch «ganz optimistisch». Wird die Strasse ein Erfolg, will Watts den Gewinn mit Farmer Dinham teilen. Auf jeden Fall wird die Strecke nach der Reparatur der Landstrasse wieder abgetragen. Sie soll erneut zu Ackerland werden.

Noch nicht genehmigt

Optimismus kann Mike Watts zweifellos brauchen. Zuerst einmal muss er die Behörden davon überzeugen, dass seine Strasse verkehrstauglich ist. Einen Antrag auf nachträgliche Baugenehmigung hat er eingereicht. Die Kreisverwaltung selbst ist sich nicht ganz schlüssig, was sie von der ersten gebührenpflichtigen Privatstrasse in England seit über 100 Jahren halten soll. Die einen sehen in Watts einen unternehmungslustigen Pfiffikus. Die anderen halten ihn für einen Wegelagerer, der einen Notstand zur Bereicherung nutzt.

Watts Geschäftssinn ist jedenfalls ansteckend. Das Old Crown Pub, in dem der Streich ja ursprünglich ausgeheckt wurde, hat selbst schwere Einbussen verzeichnet, seit es von Bath abgeschnitten wurde. Mike Watts’ Mautstrasse hat das Pub nun wieder «mit der Welt» verbunden. Im Gegenzug erstattet es allen Kunden, die bei einem Besuch mehr als 20 Pfund ausgeben, die Strassengebühr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2014, 07:48 Uhr

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