Interview

«Bei einer einmaligen Sprengung sind die Risiken höher»

Welche Gefahren gibt es bei der heutigen Sprengung bei Gurtnellen? Und weshalb bleiben die Verkehrswege am Gotthard unsicher? Der Geologe Beat Keller im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Herr Keller, wie aussergewöhnlich ist die heutige Sprengung?
Das kommt in der Schweiz so alle paar Jahre vor. Es braucht eine enge Zusammenarbeit zwischen Geologen und Sprengtechnikern. Die Geologen bestimmen, welcher Teil des Felsens wegzusprengen ist und auf welche stabile Fläche abgezielt wird. Die Sprengtechniker legen die Zündabfolge, die Ladungsmenge und das Bohrraster fest, also die Anordnung der Sprengladungen.

Führt eine Sprengung nicht zu weiteren Bewegungen im Fels? Und zu neuen Felsstürzen?
Bei einer einmaligen Sprengung sind die Risiken naturgemäss höher, als wenn man stückweise wegsprengt. Bei Grosssprengungen in einem Stück sieht man erst nach der Sprengung, wie der Stabilitätszustand der freigesprengten Felswand effektiv ist.

Warum arbeitet man dann am Gurtnellen nicht mit kleineren Teilsprengungen?
Dazu erlaube ich mir kein Urteil. Möglicherweise stehen die Verantwortlichen unter einem enormen Zeitdruck, da die sehr wichtige Bahnlinie möglichst bald wieder geöffnet werden muss. Und man will vermutlich auch die Autobahn nicht wiederholt wegen Sprengungen schliessen.

Weshalb haben sich im Gebiet Gurtnellen die Felsstürze in den letzten Jahren gehäuft?
Wissenschaftlich korrekt kann man über einen langen Zeitraum betrachtet wohl kaum von einer Häufung sprechen. Felsstürze und Steinschlag laufen über das Ganze gesehen immer etwa in vergleichbarem Rahmen ab, wobei örtlich zufällige Häufungen möglich sind. Felsstürze gehen mal unbemerkt in unbesiedelte Gebiete nieder, mal trifft es Siedlungen oder Infrastrukturanlagen – dann werden sie wahrgenommen. Und sofort kommt dann die Frage, ob die Klimaerwärmung daran schuld sei.

Und ist sie schuld?
Bei Rutschereignissen und sogenannten Murgängen, also wenn sich der Boden verflüssigt, führen die höheren Niederschlagsintensitäten und die zum Teil intensiveren Regenperioden in Folge der Klimaerwärmung zu häufigeren und auch grösseren Ereignissen. Auch in Gebieten, die bislang als sicher eingestuft wurden. Mit vermehrten und stärkeren Felsstürzen und Steinschlag muss wegen der steigenden Temperaturen vor allem aber in den abschmelzenden Permafrostgebieten der Alpen gerechnet werden.

Gurtnellen befindet sich aber nicht im Permafrostgebiet.
Linienbauwerke, also Bahnlinie und Autobahn, queren an verschiedenen Orten potentielle und den Fachleuten auch bekannte Gefahrenräume. Das ist sehr anspruchsvoll. Da schlägts mal an einer Stelle ein, kaum ist man fertig, schlägts vielleicht schon an einer anderen ein. Linienbauwerke zu planen und gegen Naturgefahren abzusichern, ist die hohe Schule mit viel Verantwortung. Sie sind im alpinen Raum naturgemäss exponiert, das müssen wir einfach akzeptieren.

Darf man denn in dieser Gegend überhaupt noch Verkehrwege bauen oder ist das viel zu gefährlich?
Die Linienführung der Bahn durchs Reusstal, die damals die Ingenieure gewählt haben, würde ich als optimal bezeichnen. Das schliesst aber nicht aus, dass nach 130 erfolgreichen Betriebsjahren und natürlichen Veränderungen durch die Gesteinsverwitterung an gewissen Stellen mit der Zeit bauliche Veränderungen zum Schutz vor Naturgefahren notwendig werden.

Also handelt es sich in der Region Gurtnellen um Felsbewegungen, die nichts mit der Klimaerwärmung zu tun haben?
Ich denke nein. Felsstürze werden von der Natur über Jahrzehnte oder gar Jahrtausende vorbereitet, in denen der Felsen durch die Verwitterung zunehmend geschwächt wird. Wann die labile Gesteinsmasse schliesslich herunterfällt, kann rein zufällig sein oder aber zum Beispiel durch einen strengen Winter mit Frost-Tau-Zyklen ausgelöst werden, wie wir ihn ja heuer hatten. Man weiss, dass sich die Alpen am Gotthard jährlich um über einen Millimeter heben. Und in der Region Gurtnellen um etwa 0.9 Millimeter. In 1000 Jahren ergibt das bildlich erklärt ungefähr einen Meter Gestein, das gewissermassen «überständig» wird. Und da die Alpen heute im Gleichgewicht sind, also nicht höher werden, muss das überständige Material durch Verwitterung und Abtrag wieder abgebaut werden. Daher kommt es im alpinen Raum fast gezwungenermassen und in bestimmter Regelmässigkeit zu Rutschungen, Steinschlag und Felsstürzen. Das gehört zum langfristigen Spiel der Natur, auch wenn es vielen Leuten schwerfällt, dies zu akzeptieren.

Aber sind die Verkehrswege sicher?
Bezüglich Steinschlag und Felssturz sind sie wohl ähnlich sicher wie in der Vergangenheit. Wie oft sich Steinschlag und Felssturz an einem Ort ereignen, untersuchen die Geologen und stellen dies in den Gefahrenkarten dar, was eine sehr anspruchsvolle Arbeit ist. Darauf basierend veranlassen die Verantwortlichen – hier die SBB – in Gebieten mit erkanntem Schutzdefizit allenfalls notwendige Sicherungsmassnahmen, wie sie im ganzen alpinen Raum laufend ausgeführt werden.

Haben die Erdbeben in Italien vom Mai einen Zusammenhang mit dem Felssturz?
Einen Zusammenhang kann man in diesem Fall nicht herstellen, auch zeitlich nicht. Die Erdbeben waren zu weit weg und folglich die Intensitäten in Gurtnellen zu schwach.

Dr. Beat Keller (56) ist CEO der Luzerner Firma Keller + Lorenz AG, die auf Geologie, Geotechnik und Hydrogeologie spezialisiert ist. Er beschäftigt sich unter anderem seit mehr als 20 Jahren mit Naturgefahren und ist Sachkundiger für praxisorientierte Weiterbildungen.

Erstellt: 18.06.2012, 07:24 Uhr

Live-Bericht aus Gurtnellen

Ab 12.00 Uhr berichtet Tagesanzeiger.ch/Newsnet von der Sprengung. Neben Bilder und Videos der Sprengung gibt es Gespräche mit Experten und Hintergründe.

Fachmann für Naturgefahren: Geologe Beat Keller. (Bild: zVg)

Chronologie der Felsstürze in der Region Gurtnellen

21. März 2005
Felssturz erreicht die A2 und verursacht Sachschaden.

31. Mai 2006
5000 Kubikmeter Fels lösen sich. Mehrere Grossblöcke stürzen auf die Autobahn A2 und einen Rastplatz. Zwei Todesopfer sind zu beklagen.

23. Juni 2006
5000 Kubikmeter Felsmasse werden gesprengt.

7. März 2012
Ungefähr 300 bis 400 Kubikmeter stürzen zu Tal. Ein Teil landet auf den Gleisen der Gotthard-Bahnlinie.

10. März 2012
Rund 250 Kubikmeter Fels werden in einer Sicherheitssprengung gelöst.

5. Juni 2012
Erneut ereignet sich ein Felsturz. Dieses mal beträgt das Volumen um die 2500 Kubikmeter. Die Gotthard-Bahnlinie wird verschüttet. Ein Bauarbeiter kommt ums Leben.

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