Verschlossene Tore, vergitterte Fenster – 300 Tote

Zwei katastrophale Brandunfälle erschüttern Pakistan: Der Tod von über 300 Arbeitern in zwei Fabriken wirft erneut ein Schlaglicht auf die oft miserablen Arbeitsbedingungen in der dortigen Industrie.

Zwei Brände in Pakistan: Über 250 Menschen starben, viele wurden verletzt.
Video: Reuters

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Fehlende Notausgänge und Alarmanlagen haben bei verheerenden Bränden in zwei pakistanischen Fabriken über 300 Menschen das Leben gekostet. Allein aus der niedergebrannten Textilfabrik in Karachi wurden nach offiziellen Angaben 290 Leichen geborgen. Es handelt sich um eines der folgenschwersten Unglücke in einem Industriebetrieb in der 65-jährigen Geschichte des Landes. Bei dem Brand in einer Schuhfabrik in Lahore habe es weitere 25 Tote gegeben, sagte ein ranghoher Vertreter der pakistanischen Regierung, Roshnan Ali Sheikh.

Die meisten Opfer des tödlichen Feuers in der Textilfabrik in Karachi seien erstickt, weil sie nicht aus dem Keller des Gebäudes fliehen konnten, sagte der Chef der Feuerwehr, Ehtisham-ud-Din. Es gebe keine Notausgänge in dem Gebäude, und die Türen im Keller seien versperrt gewesen. Einige der Opfer seien bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, sagte der Leiter des Einsatzes, Tariq Kamal Ayubi. Das pakistanische Fernsehen zeigte Videoaufnahmen von dem fünfstöckigen Gebäude, aus dem die Flammen schlugen. Die Ursache des Brandes sei noch nicht bekannt, sagten Behördenvertreter gegenüber der «BBC». Doch man wisse, dass in der Fabrik brennbare Chemikalien unmittelbar neben Textilien gelagert gewesen seien. Offenbar wurde im Betrieb Unterwäsche produziert.

Aus den Fenstern gerettet

Die meisten Opfer erstickten nach Angaben der Feuerwehr, weil sie aus dem Untergeschoss nicht entkommen konnten. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt, als sie am Dienstag versuchten, sich vor den Flammen in Sicherheit zu bringen. Einige zwängten sich durch die mit Metallgittern versperrten Fenster und sprangen aus dem Gebäude. Andere blieben zwischen den Gittern stecken und verbrannten.

Ein verletzter Überlebender berichtete, vom Treppenhaus sei plötzlich ein Feuerball auf die Arbeiter zugekommen. Alle seien aufgesprungen und zu den Fenstern gerannt, doch hätten Eisengitter eine Flucht unmöglich gemacht. «Einige von uns griffen schnell Werkzeug und Maschinen, um die Eisenstangen zu durchbrechen. So konnten wir aus den Fenstern auf die Erde springen», sagte Mohammad Ilyas. Er verletzte sich bei dem Sprung am Bein.

Fabrikbesitzer sind flüchtig

Ein Polizeisprecher sagte, in dem Gebäude habe es keinerlei Sicherheitsvorkehrungen gegeben. «Es gab keinen Notausgang. All die Leute sassen fest», sagte Amjad Farooqi. Der Leiter der Feuerwehr von Karachi, Ehtesham Salim bezeichnete die Fabrik als äusserst gefährlich. Gegenüber dem pakistanischen Nachrichtenmagazin «The News» sagte er, die Fabrik sei äusserst schlecht gebaut gewesen; der Einsatz der Rettungskräfte sei sehr riskant gewesen.

Die Firmenleitung sei geflüchtet, nach den Managern werde gefahndet, sagte Rauf Siddiqui, Industrieminister der Region, im Nachrichtenportal «Dawn». «Wir haben eine Untersuchung angeordnet. Wir werden untersuchen, wie es zum Feuer kam und weshalb die Fabrik über keine Notausgänge verfügte.»

Ingenieur Nomad Ahmed von der Universität in Karachi zeigt gegenüber der Zeitung «The Nation» sich diesbezüglich nicht erstaunt. Nur wenige pakistanische Firmen und Fabriken hielten sich an die Sicherheitsregeln und sorgten für genügend Notausgänge. «Für die meisten Betriebe ist es einfach, sich durchzumogeln, weil eine staatliche Kontrolle weitgehend fehlt», so Ahmed.

Funken setzen Chemikalien in Brand

In Lahore kamen laut Polizeiangaben 25 Menschen ums Leben. Das Feuer brach demzufolge aus, als nach einem Stromausfall in der Fabrik versucht wurde, den Generator einzuschalten. Funken kamen mit Chemikalien in Kontakt und setzten sie in Brand. Einige der Opfer seien verbrannt, andere erstickt, sagte der Polizist Multan Khan. Die Fabrik war illegal in einem Wohnviertel betrieben worden. Auch dort gab es keine Fluchtwege. Die Garage des Gebäudes, in der auch der Brand ausbrach, sei der einzige Weg nach draussen gewesen, sagte einer der Arbeiter, der überlebte, Muhammad Shabbir.

Der pakistanische Ministerpräsident Raja Pervaiz Ashraf äusserte sich entsetzt über die Brände und sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus.

Wichtiger Industriezweig

Die Textilindustrie spielt für Pakistans Wirtschaft eine vitale Rolle. Der Zweig steuert mehr als 55 Prozent des Exportvolumens des Landes bei und beschäftigt fast 40 Prozent der Arbeitskräfte im Industriesektor. (kpn/wid/bru/sda/AFP)

Erstellt: 12.09.2012, 14:26 Uhr

Bildstrecke

Zahlreiche Tote bei Bränden in Pakstian

Zahlreiche Tote bei Bränden in Pakstian In Karachi ging eine Kleiderfabrik in Flammen auf.In Lahore brach ein Feuer in einer Schuhfabrik aus. Mehr als 250 Menschen kamen ums Leben.

Über 300 Tote bei Brand in zwei pakistanischen Fabriken. (Video: Reuters )

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