«Breivik wird bei verwirrten Geistern Kultstatus erlangen»

Für Psychiater Frank Urbaniok gibt es Anzeichen, dass der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik schizophren sein könnte. Das mache ihn aber noch nicht unzurechnungsfähig.

«Er will ein Idol werden, der das gemacht hat, was andere nur fantasieren»: Anders Behring Breivik mit provokativer, rechtsextremistischer Geste im Gerichtssaal in Oslo. (24. August 2012)

«Er will ein Idol werden, der das gemacht hat, was andere nur fantasieren»: Anders Behring Breivik mit provokativer, rechtsextremistischer Geste im Gerichtssaal in Oslo. (24. August 2012) Bild: AFP

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Anders Breivik wurde zu 21 Jahren Gefängnis mit anschliessender Sicherungsverwahrung verurteilt. Überrascht Sie das Urteil?
Ja, und zwar in dem Sinne, als das Gericht offenbar davon ausgeht, dass bei Breivik gar keine Schizophrenie vorliegt. Möglicherweise verfügten die Richter über mehr Informationen, als über die Medien bekannt wurde. Es hätte mich allerdings mehr überrascht und irritiert, wenn das Gericht von einer Schizophrenie mit völliger Schuldunfähigkeit ausgegangen wäre.

Warum?
Das Tatmuster zeigt eine extreme Planung und Vorbereitung, einen gesteuerten Tatablauf und ein flexibles Reagieren auf unterschiedliche Situationen. Wenn derart viele psychische Fähigkeiten zum Tatzeitpunkt intakt sind, lässt sich das mit einer völligen Unzurechnungsfähigkeit kaum vereinbaren – selbst wenn die Diagnose Schizophrenie richtig wäre.

Für Laien ist es nicht leicht zu verstehen, warum ein Mensch, der in einer Wahnwelt lebt, nicht unzurechnungsfähig sein soll.
Man kann die Welt wahnhaft wahrnehmen, was auch die damit zusammenhängenden Entscheidungen verzerrt. Und trotzdem kann ein Spielraum bestehen, der die Zurechnungsfähigkeit nicht völlig aufhebt. Ein Beispiel: Eine Person, die Stimmen hört, die ihr befehlen, Menschen zu töten, ist schuldunfähig. Denn sie hat unter dem Einfluss der Stimmen keine Entscheidungsfreiheit. Sie hat keine Alternative, handelt getrieben und wie ferngesteuert.

Das trifft auf Breivik nicht zu.
Eben. Breivik gehört zu jenen Menschen, die die Welt da draussen als bedroht und ihnen feindlich gesinnt empfinden und sich dann vornehmen: Irgendwann schlage ich zurück. Solche Personen haben zwar eine paranoide Wahrnehmung der Welt, weil sie nicht der Realität entspricht. Aber sie können weiterhin eine autonome Entscheidung treffen, beispielsweise den Zeitpunkt des Zuschlagens bestimmen. Solche Menschen sind zwar nicht normal, aber es ist auch nicht so, dass sie nicht anders handeln könnten. Es gäbe Alternativen. Weil ihre Fähigkeit, ihr Handeln zu steuern, nicht vollständig aufgehoben ist, sind sie auch nicht völlig unzurechnungsfähig.

Breivik wollte unbedingt für zurechnungsfähig erklärt werden. Warum war ihm das so wichtig?
Es gibt zwei Erklärungen: Einerseits passt das zum Bild von wahnhaft Schizophrenen: Sie empfinden sich häufig gar nicht als krank. Es passt anderseits aber auch zum fanatischen Überzeugungstäter. Er will ein Idol werden, der das gemacht hat, was andere nur fantasieren. Mir sind mehrere Briefe bekannt, in denen steht: Da hat jemand das getan, was ich mich nicht getraue zu tun. Es überrascht mich in keiner Weise, dass Breivik bei einigen verwirrten Geistern schon Kultstatus hat oder noch erlangen wird. Hätte man festgestellt, dass Breivik ein psychisch kranker Mensch ist, würde sein Kultstatus vermutlich schneller verblassen. Daran hat er natürlich kein Interesse.

Muss man dem Gericht demnach vorwerfen, sie hätten Breivik in seinen abstrusen und wahnhaften Vorstellungen bestätigt, indem sie ihn für zurechnungsfähig erklären?
Zumindest begünstigt es solche Vorstellungen. Auf eine solche Nebenwirkung aber darf das Gericht keine Rücksicht nehmen, wenn es in einer juristischen Beurteilung zum Schluss kommt, dass Breivik genau wusste, was er tut.

Oft hört man: Wer solche Taten verübt, muss doch verrückt sein. Kann man von der Monstrosität einer Tat auf den Krankheitszustand des Täters zurückschliessen?
Nein, die Schwere der Tat lässt absolut keine Rückschlüsse zu. Es ist verständlich, dass etwas nicht Nachvollziehbares für krank erklärt wird. Dieser Schutzmechanismus hilft, damit umzugehen. Aber man muss zwischen Gefährlichkeit und Krankheit sehr genau unterscheiden. Es gibt das, was ich die Delinquenz fördernde Weltanschauung nenne. Sie führt zu furchtbaren Taten, aber sie hat mit Krankheit gar nichts zu tun.

Abgesehen von der Todesstrafe: Hätte es im Fall Breivik eine Strafe gegeben, welche die Öffentlichkeit besser vor Breivik schützen könnte.
Das hängt nicht davon ab, ob Breivik schuldfähig ist oder nicht. Entscheidend ist, dass er nicht mehr auf die Strasse kommt. Es macht keinen Unterschied, ob er als Schuldunfähiger in eine Klinik kommt, wenn das richtig vollzogen wird, oder ob er als Schuldfähiger ins Gefängnis muss. Die Sicherungsverwahrung ist aber sicher das richtige Instrument. Norwegen müsste sich höchstens die Frage stellen, ob es für gewisse Delikte nicht eine lebenslängliche Freiheitsstrafe einführen will. Bei der Dimension einer Tat wie jener von Breivik muss man auch sagen können: Die Eintrittskarte in die Gesellschaft ist verspielt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2012, 18:51 Uhr

Sie empfinden sich häufig gar nicht als krank: Frank Urbaniok, Chefarzt Psychiatrisch-Pschychologischer Dienst des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich.(Archivbild) (Bild: Keystone )

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