Brutale Strafen treiben Japans Schüler in den Suizid

Besonders im Sporttraining gehen Lehrer mit grosser Härte gegen Schüler vor. Es gibt auch Zehntausende Fälle von Mobbing. Dahinter steckt enormer Druck zur Konformität.

Auf Konformität gedrillt: Schüler in Japan in Reih und Glied, hier bei der Abschlussfeier der Okirai Junior High School. (25. März 2011)

Auf Konformität gedrillt: Schüler in Japan in Reih und Glied, hier bei der Abschlussfeier der Okirai Junior High School. (25. März 2011) Bild: Reuters

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In Osaka hat der Basketballcoach einer Mittelschule den Kapitän seiner Mannschaft vor Weihnachten in den Selbstmord getrieben. Er schlug den 17-Jährigen regelmässig mit beiden Händen ins Gesicht und auf den Kopf. 38 seiner 50 Mannschaftskameraden geben an, sie seien von diesem Coach ebenfalls verprügelt worden.

Wie jetzt bekannt wurde, rechtfertigte sich der 47-Jährige vor der Schulleitung, das sei «eine notwendige Massnahme, um das Team stärker zu machen». Zwei junge Assistenten hatten zugeschaut, aber nicht eingegriffen. Sie hätten sich nicht in die Trainingsmethoden des Coaches einmischen wollen.

Prügel als «Ansporn»

Aus der Sport-Elite der Sakuranomiya-Schule stammen mehrere Basketballprofis und einige Gewinner von Olympiamedaillen. In der ersten Reaktion hatte die Schulleitung gesagt, die Prügel sollten die Schüler «anspornen». Inzwischen entschuldigte sie sich.

Der 17-Jährige hatte seiner Mutter erzählt, der Coach habe ihn «schon wieder 30- bis 40-mal geschlagen». Kurz zuvor hatte sich das Opfer in einem Brief an den Coach beklagt, den Brief aber nicht abgeschickt. Seine Mitschüler hatten befürchtet, der Coach würde sonst noch gröber. Am nächsten Morgen fand die Familie den Jungen erhängt in seinem Zimmer.

Strafen von Lehrern, Mobbing von Schülern

Die Prügelstrafe ist auch in Japan verboten. Doch sie werde nach wie vor eingesetzt, räumen die Schulbehörden von Osaka ein. Gerade im Männer-Milieu des Sports wird viel geschlagen: «zur Abhärtung». Nach einem ähnlichen Selbstmord vor einem Jahr in einem Basketballteam in der Präfektur Aichi sagte ein Mitschüler des Toten, als Schüler nähmen sie die Prügel hin, weil sie sonst ihre sportlichen Ambitionen aufgeben müssten.

Japans Schüler werden nicht nur von Sportlehrern gequält. 2011 haben die Behörden 70'000 Fälle von Schüler-Mobbing durch Mitschüler registriert, 3000 davon in Grundschulen. 2010 waren es sogar 77'000. Und die Dunkelziffer ist hoch. Von vier Kindern ist fürs Vorjahr amtlich bestätigt, dass sie keinen andern Ausweg aus dem Mobbing mehr sahen als den Selbstmord. Es dürften mehr sein: Die Schulleitungen und -Behörden versuchen solche Fälle zu vertuschen.

Büffeln bis zum Umfallen

In Otsu in der Präfektur Shiga zwangen die Mitschüler einen 13-Jährigen immer wieder, seinen Suizid zu üben. Schliesslich stürzte er sich von einem Gebäude zu Tode. Die Schulleitung wies anfangs jede Verantwortung von sich, der Junge sei nie gemobbt worden. Nach drei erfolglosen Anläufen gelang es dem Vater des Opfers, die Polizei zu einer Untersuchung des Falles zu überreden. Plötzlich gab die Schulleitung das Mobbing zu.

Die Ursachen des in Japan so weit verbreiteten Mobbings an Schulen werden kaum untersucht. Schon die Kleinen im Kindergarten werden auf Konformität gedrillt. In Japan stösst man mit jedem Anderssein an, zumal die Regierung die Fiktion einer ethnischen Homogenität Japans hochhält.

Als Entschuldigung hört man auch, die Aufnahmeprüfungen guter Privatschulen seien so hart, dass die Kinder, vor allem die Jungs, bis spät in die Nacht büffeln müssten. Die Mütter fänden daher gar keine Gelegenheit, sie zur Menschlichkeit zu erziehen.

Erstellt: 15.01.2013, 11:05 Uhr

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