«Charlene nimmt kein Blatt vor den Mund»

Dieses Wochenende wird in Monaco geheiratet. Die deutsche Adels-Expertin Julia Melchior sagt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, wie die Stimmung vor Ort ist und ob es eine Liebes- oder eine Zweckhochzeit ist.

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Erst die Schweden, dann die Briten, jetzt die Monegassen, haben Sie nicht langsam genug von königlichen und fürstlichen Hochzeiten?
Nein, davon kann ich nicht genug bekommen. Allein schon die Gästeliste von Fürst Albert und Charlene ist bemerkenswert. Das hat es bei der Hochzeit von Grace Kelly und Fürst Rainer noch nicht gegeben. Damals galten die Grimaldis im europäischen Hochadel als nicht ebenbürtig, sondern als Piratendynastie, die man belächelte. Inzwischen geniesst die Fürstenfamilie ein hohes Ansehen.

Wer ist denn alles auf der Gästeliste?
Alle europäischen Königshäuser sind vertreten. Die schwedische Königsfamilie wird komplett dabei sein, Mary und Frederik von Dänemark sind da, der belgische König und die Engländer sind durch Edward und Sophie vertreten; Kate und William weilen zurzeit ja in Kanada. Auch verschiedene Prominente wie Roger Moore, Karl Lagerfeld, Andrea Bocelli, Gerhard Berger, Naomi Campbell oder Karolina Kurkova sind dabei, und ich glaube, es gibt kein europäisches Land, das keinen Abgesandten nach Monaco geschickt hat.

Wie ist die Stimmung heute in Monaco?
Man spürt, dass die Monegassen sich riesig auf die Hochzeit freuen, immerhin heiratet ihr Fürst. Nach vielen Schicksalsschlägen und negativen Ereignissen gibt es wieder mal ein Happy End im Hause Grimaldi. Wenn ich hier aus meinem Fenster schaue, hängt aus jeder Wohnung eine monegassische Flagge, vor den Häusern liegen überall rote Rosen und weisse Liliengestecke. Monaco hat sich herausgeputzt.

In Grossbritannien soll das Interesse an Kate und Williams Hochzeit ja nicht so gross gewesen sein in der Bevölkerung. Warum ist das in Monaco anders?
Der Fürst ist so etwas wie das Familienoberhaupt für die Monegassen. Die Grimaldis regieren hier seit über 700 Jahren. Alle haben irgendeinen Bezug zur Familie. Fürst Albert hat die öffentliche Schule besucht und ist Mitglied in verschiedenen Sportclubs. Die einen haben mit ihm die Schulbank gedrückt, andere Tennis mit ihm gespielt oder waren mit ihm segeln. Er ist für viele wie ein Familienmitglied, deshalb freuen sich die Menschen auch so für ihn.

Was halten die Monegassen von Charlene Wittstock?
Sie ist 2007 in ein kleines Apartment im Fürstentum gezogen und hat für Albert ihre Schwimmkarriere aufgegeben, weil sie der Liebe eine Chance geben wollte. Es war anfangs nicht leicht für sie. Immerhin hatte sie keinen Status, keine Aufgabe, keine Freunde und sprach auch kein Französisch. In den vergangenen Jahren ist sie jedoch ein fester Bestandteil der Fürstenfamilie geworden. Man kennt sie, sieht sie beim Einkaufen oder wie sie mit ihrem kleinen Elektroauto durch die Gassen fährt. Sie bringt frischen Wind in das Fürstenhaus, ist als Tochter eines Kaufmanns in einem rauen Vorort von Johannesburg aufgewachsen, hatte eine erfolgreiche Karriere, ist diszipliniert und ehrgeizig. Das alles rechnen ihr die Monegassen hoch an.

Darf sie sich selber sein, oder ist der Druck da, eine zweite Grace Kelly zu werden?
Natürlich drängt sich der Vergleich mit Grace Kelly auf, immerhin ist Charlene die erste Fürstin seit deren Tod vor 30 Jahren. Beides sind Stilikonen, wobei Charlene erst eine geworden ist. Aber eigentlich kann man die beiden nicht vergleichen. Grace Kelly stammte aus reichem Elternhaus, war die wohl begehrenswerteste Frau ihrer Zeit und eine geborene Fürstin. Auch ihre Liebesgeschichten sind völlig unterschiedlich. Rainer und Grace kannten sich kaum, als sie heirateten, und haben auch beide zugegeben, dass ihre Liebe erst über die Jahre gewachsen ist. Charlene und Albert dagegen kennen sich seit Jahren.

Die grosse Liebe scheint es jedoch auch bei ihnen nicht zu sein. Ist die Ehe nicht eine Zweckgemeinschaft?
Nein, das ist sie nicht. Niemand zwingt sie zu heiraten. Die beiden haben sich das über Jahre überlegt und pflegen eine gute Partnerschaft. Er geniesst es, eine Frau an seiner Seite zu haben.

Haben Sie die beiden schon zusammen erlebt?
Ja. Sie sind ein sehr vertrautes Paar. Auch wenn die Kameras aus sind, haben sie es sehr lustig miteinander und machen immer wieder Spässchen. Fürst Albert habe ich persönlich kennengelernt. Er ist wahnsinnig charmant, interessant und originell, was sie an ihm schätzt. Charlene ist eine authentische Person, die kein Blatt vor den Mund nimmt und Albert um seiner selbst willen liebt.

Bei öffentlichen Auftritten wirkt das aber nicht immer so.
Das könnte damit zu tun haben, dass Fürst Albert sich lieber abseits der Kameras aufhalten würde, wenn er könnte. Und Charlene ist nicht die selbstbewusste Person, wie Grace Kelly es war. Deshalb wirkt das alles vielleicht manchmal ein wenig steif. Charlene ist allerdings schon aufgeblüht seit der Verlobung und wirkt bei jedem Auftritt souveräner.

Wie sieht das Programm aus?
Heute um 17 Uhr findet die zivile Trauung im Thronsaal des Palastes statt, wo damals auch Fürst Rainier und Grace Kelly geheiratet haben. Ich werde die Trauung live über eine Grossleinwand auf dem Vorplatz des Palastes verfolgen. Danach gibt es drei verschiedene Veranstaltungen für drei verschiedene Gruppen. Als Erstes werden die Frischvermählten auf dem Vorplatz des Palastes zusammen mit ihren 8000 Einheimischen anstossen, die einen monegassischen Pass besitzen. Zeitgleich sind die Ehrengäste im Hotel Hermitage zum Cocktail geladen, wo das Fürstenpaar ebenfalls hingehen wird. Um 20 Uhr sind die übrigen Bewohner Monacos an den Hafen eingeladen, etwa 25'000 an der Zahl. Schliesslich sind alle drei Gruppen zum riesigen Musik- und Lichtspektakel von Jean-Michel Jarre hier im Hafen eingeladen.

Dann mag ja morgen niemand mehr heiraten…
Doch, feiern, das können die Monegassen. Die Fürstenfamilie und die anderen Königshäuser auch. Ausserdem ist die kirchliche Hochzeit ja erst morgen Nachmittag. Bis Charlene am Arm ihres Vaters über den 103 Meter langen roten Teppich zum Altar schreiten wird, sind alle wieder fit.

Was weiss man über das Hochzeitskleid?
Die Braut hat neulich ausgeplaudert, dass Giorgio Armani ihr Kleid geschneidert hat. Es wird sicher ein schlichtes und zeitloses sein, vermutlich schulterfrei und aus einem leichten Stoff. Immerhin muss Charlene morgen vermutlich bei grosser Hitze Ja sagen. Wobei, gestern hat es hier noch gehagelt. Aber Fürst Albert hat vorgesorgt. Der Innenhof des Palastes, wo die Trauung mit 800 geladenen Gästen stattfindet, hat ein Zeltdach bekommen und schützt vor Regen, strahlender Sonne und Hagel ebenso. Es kann also nichts mehr schiefgehen.

Erstellt: 01.07.2011, 14:04 Uhr

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Die Adels-Expertin Julia Melchior wird live für das ZDF aus Monaco von der Fürstenhochzeit zwischen Fürst Albert und Charlene Wittstock berichten. Melchior studierte BWL und wechselte 2003 von der Unternehmensberatung zum Dokumentarfilm. Als Autorin war sie für diverse ZDF-Dokumentationen über Königshäuser verantwortlich, in deren Rahmen sie zahlreiche Interviews mit dem europäischen Hochadel führte. 2010 berichtete sie für das ZDF live aus Stockholm von der Hochzeit zwischen Kronprinzessin Victoria von Schweden und Daniel Westling.

Gemeinsam mit Friederike Haedecke hat Julia Melchior den Bestseller «Royal Weddings – Königliche Hochzeiten» geschrieben, der im Mai 2011 in aktualisierter Neuauflage im Te Neues Verlag erschienen ist.

Julia Melchior & Friederike Haedecke: Royal Weddings. Te Neues. 168 Seiten, Text in Englisch und Deutsch. ISBN: 978-3-8327-9252-7. (Bild: zvg / © getty images)

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