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Das Grauen ist zurück in Ciudad Juárez

In den 90er-Jahren hat eine Serie von Frauenmorden in der mexikanischen Grenzstadt die Öffentlichkeit erschüttert. Jetzt wüten Unbekannte noch schlimmer – und niemanden scheint es zu kümmern.

Das Töten nimmt kein Ende: Kreuze in Ciudad Juárez erinnern an die Opfer der 90er-Jahre.

Das Töten nimmt kein Ende: Kreuze in Ciudad Juárez erinnern an die Opfer der 90er-Jahre. Bild: Keystone

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Das letzte Mal, dass Olga Esparza die Stimme ihrer Tochter Mónica hörte, war am 26. März 2009 um vier Uhr nachmittags. Die Betriebswirtschaftsstudentin hatte gesagt, sie würde nach den Vorlesungen zu einer Freundin gehen, um mit ihr an einer Seminararbeit zu schreiben. Sie rief ihre Mutter vom Handy aus an und sagte, es sei alles in Ordnung, sie und ihre Freundin seien zu Fuss unterwegs, sie würden gleich in deren Wohnung ankommen.

Olga Esparza fragte nach einer Festnetznummer. Stets zu wissen, wo genau sich eine Achtzehnjährige aufhält, mit wem sie unterwegs und wie sie zu erreichen ist, gehört für Eltern zu den obersten Geboten in Ciudad Juárez. Mónica antwortete kurz angebunden, sie müsse jetzt aufhängen. Seither ist sie verschwunden.

Alles Menschenmögliche für die Tochter getan

Im Wohnzimmer ihres Reihenhäuschens in einem Arbeiterquartier breitet Olga Esparza Fotos von ihrer Tochter aus. Flugblätter, die sie und ihr Mann nach dem Verschwinden in der Stadt verteilt haben. Zeitungsartikel über Demonstrationen, an denen sie gemeinsam mit den Eltern von anderen vermissten jungen Frauen teilgenommen haben, vor Amtsgebäuden und auf Plätzen in Ciudad Juárez, und einmal in Mexiko-Stadt.

Es ist, als wollte die Mutter beweisen, dass sie alles Menschenmögliche für ihre Tochter getan hat. Jedes Blatt, jede Aufnahme, jedes Dokument auf dem Wohnzimmertisch ist ein Schnipsel enttäuschter Hoffnung. Ein Foto zeigt Esparza mit einem Plakat, dessen Aufschrift lautet: «Ich werde nie aufhören, nach dir zu suchen.»

Der seltsame letzte Anruf

Irgendetwas sei seltsam gewesen an jenem letzten Anruf, erinnert sich die Mutter. Mónica habe offensichtlich gelogen, denn später sollte sich herausstellen, dass sie nicht mit einer Studienkollegin verabredet war. Ausserdem hätten die Hintergrundgeräusche geklungen, als sei sie in einem Auto auf einer dicht befahrenen Strasse unterwegs.

Ciudad Juárez, Stadt der verschwundenen, gefolterten, ermordeten Frauen – das ist im kollektiven Bewusstsein mit den 1990er-Jahren verknüpft. Am 23. Januar 1993 fand ein Passant auf einem unbebauten Grundstück die Leiche von Alma Chavira Farel. Die 13-Jährige war vergewaltigt und erwürgt worden.

Es entstand der Eindruck, Ciudad Juárez selbst ermorde die Frauen

Es war der Auftakt zu einer der unheimlichsten Mordserien, die weltweit je begangen wurden. Während der folgenden Jahre stiess man auf Dutzende misshandelter und ermordeter Frauen, vorwiegend Arbeiterinnen in einer der Montagefabriken, in denen amerikanische Konzerne ihre Produkte zu mexikanischen Billiglöhnen zusammensetzen lassen. Die meisten Leichen wurden auf einer Brachfläche namens Lote Bravo und einem Baumwollfeld zurückgelassen, und fast alle trugen sie ein grässliches Merkmal, das auf Serienmorde hindeutete: Die rechte Brustwarze war abgeschnitten, die linke abgebissen. Anderen Opfern hatten der oder die Täter auf dem Rücken dreieckige Figuren eingeritzt.

1995 verhaftete die Polizei den Ägypter Abdul Latif Sharif als angeblichen Killer, doch die Morde gingen weiter. Steckten Nachahmungstäter dahinter? Oder gelangweilte Angehörige der Oberschicht, die Vergewaltigung, Folter und Mord als Hobby betrieben? Wurden die Opfer als Darstellerinnen für Snuff-Movies missbraucht, quälten sie die Täter vor laufender Kamera zu Tode? Es kam zu weiteren Festnahmen, ohne dass die Blutorgie abriss oder deren Motiv geklärt wurde. Irgendwann entstand der Eindruck, es sei Ciudad Juárez selber, das seine Frauen ermorde.

Der mexikanische Staat wurde wegen Untätigkeit verurteilt

Um die Jahrtausendwende brach die Serie ab – zumindest jene ritualisierten, mutmasslich vom selben Täter oder derselben Tätergruppe begangenen Sexualverbrechen. Über die Frauenmorde von Ciudad Juárez sind Hunderte von Artikeln erschienen, es sind Dutzende Romane und Sachbücher geschrieben und ebenso viele Dokumentarfilme gedreht worden. 2006 erschien der Kinofilm «Bordertown» mit Jennifer López in der Hauptrolle. In seinem von der Kritik mehrheitlich als Jahrhundertwerk gefeierten Roman «2666» gibt der chilenische Autor Roberto Bolaño das Grauen wieder, indem er die einzelnen Mordfälle über Dutzende vonseiten mit der Nüchternheit eines Polizeirapports schildert.

Die Eltern der Opfer schlossen sich zusammen und kritisierten die Nachlässigkeit der Behörden. Mexiko geriet international unter Druck, es protestierten die UNO, die Europäische Union, Amnesty International und andere Organisationen. 2009 verurteilte der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte den mexikanischen Staat wegen Untätigkeit.

2012 sind bisher 60 Mädchen und junge Frauen getötet worden

Die Gewalt gegen Frauen hat niemals aufgehört in Ciudad Juárez, genauso wenig wie in vielen anderen Regionen und Ländern Lateinamerikas. Seit einiger Zeit jedoch hat in der Grenzstadt eine neue Mordserie begonnen, die in vielem an jene der 1990er-Jahre erinnert. Bloss kümmern sich diesmal die internationale Öffentlichkeit und ausländische Medien kaum darum. Vielleicht, weil auf den Redaktionen das Thema Ciudad Juárez und ermordete Frauen als «abgegrast» gilt, oder weil es gegenwärtig vor allem der mexikanische Drogenkrieg ist, der weltweit für erschütternde Berichte sorgt. Dabei ist das erneute Gemetzel an jungen Frauen in Ciudad Juárez noch schlimmer als das letzte. Wahrscheinlich ist ihm auch Mónica Esparza zum Opfer gefallen.

2012 sind bisher rund 60 Mädchen und junge Frauen getötet worden, während der letzten beiden Jahre wurden über hundert als vermisst gemeldet. Es lässt sich nicht in jedem Fall sagen, ob sie in die Hände der mutmasslichen neuen Serientäter gefallen sind oder ob sie ihr Ehemann, Vater, Freund oder ein Bekannter ermordet und irgendwo in der Wüste verscharrt hat.

«Die Ermordeten oder Verschwundenen hatten die Chance, sozial aufzusteigen»

Auffallend ist jedoch die Ähnlichkeit vieler Getöteter und Verschwundener. Wie die Opfer aus den 1990er-Jahren gehören sie zur Unterschicht, arbeiten aber nicht in Fertigungsbetrieben, sondern gehen zur Schule oder studieren. Sie sind zwischen fünfzehn und zwanzig Jahre alt, dunkelhaarig, hübsch, relativ gross gewachsen, schlank und weiss. Mestizinnen oder Eingeborene sind keine darunter. Verschwunden sind sie fast alle tagsüber im Stadtzentrum, in den engen, belebten, schmuddeligen Strassen rund um die Kathedrale mit ihren Arkadengängen, Verkaufsständen und Imbissbuden. Laut der Hilfsorganisation Mesa de Mujeres (Frauentisch) waren es 2011 rund 30 Fälle – das wären doppelt so viele wie 1996, dem schlimmsten Jahr der alten Serie.

Im April hat man in der Wüste Überreste von 12 Frauen gefunden. 6 konnten bisher identifiziert werden. Sie waren zwischen fünfzehn und neunzehn Jahre alt. Alfredo Velazco arbeitet bei der Staatsanwaltschaft als Psycho-Profiler, seine Spezialität sind Serienmorde. «Neben der äusseren Ähnlichkeit hatten die Ermordeten oder Verschwundenen nicht nur das Bedürfnis, sondern auch die Chance, sozial aufzusteigen. Sie studierten oder waren dabei, einen Beruf zu erlernen. Aber um ihre Ausbildung zu vollenden, brauchten sie Geld.»

Eine Frau als Lockvogel

Velazco vermutet, dass eine Gruppe sexuell motivierter Triebtäter in den Strassen des Zentrums systematisch nach Opfern Ausschau hält und ihnen einen Nebenjob oder Geld anbietet, etwa für einen Botengang oder Ähnliches – und dass es eine Frau ist, die den Lockvogel spielt. «Die Opfer werden nicht gewaltsam verschleppt, sondern überredet, mit jemandem mitzugehen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich eine Jugendliche in Ciudad Juárez darauf einlässt, einen fremden Mann zu begleiten – geschweige denn, in sein Auto zu steigen.»

Von den Verbrechen, die sich seit 2008 ereignet haben, ist kein Einziges aufgeklärt. In den 1990er-Jahren versuchte die Polizei manchmal, den Ermordeten eine Mitschuld unterzuschieben, indem sie behauptete, die Frauen hätten einen unseriösen Lebenswandel geführt. Jetzt heisst es, sie hätten möglicherweise etwas mit Drogen zu tun gehabt und seien von einem verfeindeten Kartell getötet worden.

Mónicas Mutter klammert sich an eine hauchdünne Hoffnung

Von den Überresten in der Wüste liessen sich keine Mónica Esparza zuordnen. Nach ihrem Verschwinden haben die Ermittler zunächst ihren Freund verdächtigt. Später gruben sie den Innenhof ihres Wohnhauses um, weil sie sicher sein wollten, dass die junge Frau nicht Opfer der eigenen Familie geworden war.

Ihre Mutter klammert sich an eine hauchdünne und wohl illusorische Hoffnung: Mónica verschwand nicht im Stadtzentrum, sondern vor der Universität. Darum habe ihr Fall vielleicht nichts mit der neuen Mordserie zu tun. Aber alle übrigen Opfermerkmale passen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2012, 10:49 Uhr

Mónica Esparza
Die Studentin ist seit dem 26. März 2009 verschwunden. Bei ihrem letzten Anruf zu Hause hat sie ihre Mutter angelogen. Weshalb, ist ein Rätsel. (Bild: PD)

Die Grenzstadt Ciudad Juárez in Mexiko.
(Bild: TA-Grafik mrue)

34'000 Frauen getötet seit 1985

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) hat die mexikanischen Behörden beschuldigt, zu wenig gegen die zunehmende Gewalt gegen Frauen zu tun. Zwischen 1985 und 2010 seien rund 34'000 Frauen in Mexiko getötet worden. Allein 2010 seien 2418 Frauen Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, schrieb AI in einem in Mexiko-Stadt veröffentlichten Bericht. Die meisten Frauenmorde seien in Ciudad Juárez verübt worden. 2010 wurden dort 320 Frauen getötet. AI führte die Gewalt auf mangelnde Strafverfolgung zurück. (SDA)

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