«Das Hauptproblem sind die Wasservorräte»

Zwei Seglerinnen trieben monatelang auf offener See. Unser Segelexperte beantwortet die wichtigsten Fragen zu dieser aussergewöhnlichen Irrfahrt auf dem Pazifik.

US-Navy rettet Seglerinnen und Hunde: Seit Mai war der Motor des Segelschiffes ausgefallen.

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Die beiden Seglerinnen wollten von Hawaii nach Tahiti segeln. Ist eine solche Reise riskant?
Nein, mit Erfahrung und einem gut ausgerüsteten Boot ist das Risiko minim. Für die 2350 Seemeilen (4300 Kilometer) braucht ein Segelschiff runde drei Wochen. Ganz ohne ist diese Strecke aber nicht, weil sie über den Äquator führt. Hier sind die Winde sehr unbeständig. Gewitter, Flauten, Regenschauer und Winddrehungen sind die Regel. Nördlich und südlich dieser gestörten Zone weht aber im Pazifik wunderbarer Passatwind, der ein Segelschiff fast automatisch Richtung Australien oder Asien treibt.

Die Seglerinnen hatten offenbar einen Motorschaden und sind deshalb Richtung Japan getrieben statt südlich nach Tahiti. Warum segelt ein Segelschiff nicht einfach mit dem Wind?
Das ist die zentrale Frage dieser irren Reise. Gemäss Angabe der Mutter einer der beiden Frauen hatten sie einen Mastbruch. Auf den Bildern sieht der Mast aber intakt aus, beide Segel sind angeschlagen. Der Motor dient auf Langstreckenfahrten höchstens zum Laden der Batterien, für Hafenmanöver und zum Zeitvertreib bei absoluter Flaute. Mit einem vollen Dieseltank schafft ein Segelschiff dieser Grösse nur runde 1000 Kilometer. Doch sogar mit defekten Segeln und Problemen mit dem Mast müsste dieses Schiff dank irgendeiner Notbesegelung – und wenns nur ein Baum oder Maststumpf ist oder ein paar Quadratmeter ausgerolltes Focksegel – noch immer vorwärtskommen und steuerbar sein, vor allem im Passatwind, der meistens schräg von hinten weht. Von Hawaii bis zum Punkt der Rettung hat die Jacht in über fünf Monaten rund 6000 Kilometer zurückgelegt, also keine 40 am Tag. Das ist sehr wenig – umso mehr, als in den Passatwindzonen auch der Strom von hinten kommt.

Die Seglerinnen versuchten vier Monate lang vergebens, Hilfe zu rufen, waren aber gemäss Rettungskräften nie genug nahe bei anderen Schiffen oder Inseln. Warum?
Das deutet auf ungenügende Ausrüstung hin. Offenbar hatten die Seglerinnen höchstens UKW-Funk an Bord, und da ist die Reichweite auf etwa 40 Kilometer begrenzt. Ein Kurzwellenfunkgerät reicht ein Vielfaches weiter. Zudem sollte jedes Schiff auf offenem Meer eine EPIRB-Seenotrufboje haben. Diese kostet runde 500 Franken und alarmiert innert Minuten über Satelliten die Rettungskräfte weltweit. Die Retter können dann ein Boot auf wenige Meter genau orten.

Was ist das Hauptproblem, wenn man lange Zeit auf dem offenen Meer treibt?
Ganz klar die Wasservorräte. Für die geplante dreiwöchige Überfahrt hatten die Seglerinnen wohl höchstens 500 bis 1000 Liter Wasser an Bord. Mehr hat in den Tanks nicht Platz. Gemäss Rettungskräften hatten sie aber eine Wasserentsalzungsanlage, die aus Meerwasser Trinkwasser macht. Doch diese braucht Strom. Auf den Bildern sieht man, dass das Boot mit einem Windgenerator und einer Solarzelle ausgerüstet ist. Zudem regnet es in diesen Breitengraden viel. Regenwasser lässt sich auf dem Deck oder mit einem Segel und einem Trichter einsammeln.

Wie viele Nahrungsvorräte brauchts für eine Ozeanüberquerung?
Nahrungsmittel sind weniger ein Problem. Reis, Teigwaren und Haferflocken für ein ganzes Jahr – das hatten die Seglerinnen gemäss Navy-Communiqué an Bord – sind leicht zu verstauen und gut haltbar. Auch Kartoffeln und Mehl, Eier, Zucker, Öl und Milch sind problemlos. Zudem kann man mit Büchsen – Erbsen, Bohnen, Schinken, Tomaten, Gemüse, Fruchtsalat – für Abwechslung sorgen. Segelboote haben sehr viel Platz zum Verstauen von Esswaren, und auch das Gewicht ist kein Problem. Und dann beisst immer wieder mal ein Fisch an, Goldmakrelen und Thunfische sind im Pazifik weitverbreitet.

Wie navigiert ein Boot über den Pazifik?
Genau gleich wie ein Tourist durch Zürich. Jedes Segelschiff sollte heute einen GPS-Plotter mit aktuellen Karten haben und als Reserve zum Beispiel ein iPad und ein Smartphone mit Navigationssoftware. Natürlich brauchen diese Geräte Strom. Vor allem fürs iPad tuts eine kleine Solarzelle. Ausgebildete Segler können zudem mit einem Sextanten umgehen, haben auch Papierkarten an Bord und finden ihre Position zur Not auch ohne GPS.

Die beiden Seglerinnen hatten Hunde dabei. Ist das nicht Tierquälerei?
Es gibt viele Segler mit Hunden oder Katzen. Sie erzählen alle, dass die Tiere sich an Bord wohlfühlten. Nur Australien ist für Tiere ein Problem, weil sie entweder monatelang in Quarantäne gehen oder an Bord bleiben müssen.

Ruedi Baumann ist Tagi-Redaktor und ist selber mit einem kleinen Segelschiff um die Welt gesegelt, unter anderem via Tahiti über den Pazifik. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2017, 19:05 Uhr

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