«Das Image der Piloten wird leiden»

Nach dem Germanwings-Unglück: Wie ticken Piloten? Was können sie bei Problemen tun? Worüber reden sie im Cockpit? Dazu Piloten-Ausbildner Henri Leuzinger.

Traurige Konsequenz: Henri Leuzinger ist überzeugt, dass das Vertrauen der Reisenden in die Piloten nun abnehmen wird. (Symbolbild)

Traurige Konsequenz: Henri Leuzinger ist überzeugt, dass das Vertrauen der Reisenden in die Piloten nun abnehmen wird. (Symbolbild) Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Der Co-Pilot des Germanwings-Fluges 4U 9525 hat laut den französischen Behörden das Flugzeug willentlich zum Absturz gebracht. Die BaZ unterhielt sich mit Henri Leuzinger aus Schönenbuch über diese schockierende Entwicklung. Er ist ehemaliger Flugkapitän der Balair und Swissair und heute als Ausbildner bei Swiss Aviation Training tätig. Unter anderem befasst er sich auch mit Flugunfällen.

Herr Leuzinger, es deutet vieles auf einen erweiterten Suizid hin. Was waren Ihre ersten Gedanken und Eindrücke, als Sie das hörten?
Das ist eine ganz schlimme und beunruhigende Neuig­keit, ich bin schockiert und kann es fast nicht glauben. Was geht in einem solchen Menschen vor? Leider ist es nicht das erste Mal, dass ein Pilot auf diese Weise sich und viele andere mit in den Tod reisst. Letztmals im vergangenen Jahr, geschehen bei Air Moçambique mit 30 Toten.

Wie ist das möglich? Werden Piloten nicht psychologischen Checks unter­zogen?
Piloten müssen regelmässig zum Gesundheitscheck. Da geht es aber vor allem um die physische Konstitution. Einen Psychologen aufsuchen muss ein Pilot – das ist bei jeder Airline gleich – vor dem Stellenantritt. Das heisst: Bevor ein Pilot fliegen darf, muss er zu einem Psychologen, der ihn untersucht. Dieser entscheidet dann auch, ob einer fliegen darf oder nicht. Zudem wird auch während der Ausbildung die psychische Verfassung untersucht.

Denken Sie, dass das Vertrauen der Reisenden in die Piloten nach diesem Unglück leiden wird?
Ja, davon bin ich leider überzeugt. Das Image der Piloten wird leiden – auch wenn es sich hier um einen Einzelfall handelt. Es stimmt mich sehr traurig.

Kam es während Ihrer Tätigkeit oft vor, dass ein Pilot aufgrund eines psychologischen Befundes nicht fliegen durfte?
Nicht oft, aber es gab schon immer wieder solche Fälle. Das konnte auch nur aus dem doch harmlosen Grund erfolgen, weil der Psychologe zum Schluss kam, dass der Betroffene nicht genug teamfähig ist. Und das ist ja das Wichtigste in unserem Job. Es mussten also nicht immer schwerwiegende Gründe sein, es brauchte nicht viel, um den Test nicht zu bestehen. Manchmal fanden wir, die Gründe waren an den Haaren herbei gezogen.

Können Piloten auch während ihrer Tätigkeit psychologische Hilfe in Anspruch nehmen?
Selbstverständlich. Manchmal gingen Kollegen von mir freiwillig zum Psychologen, etwa wegen familiärer Probleme. Wir sind alle auch nur Menschen!

Der Co-Pilot hat laut Lufthansa-CEO Carsten Spohr alle Tests fliegerisch als auch psychologisch bestanden. Könnte es sein, dass den Ergebnissen dieser psychologischen Checks bei Lufthansa zu wenig Bedeutung beigemessen wird?
Das kann ich mir nicht vorstellen, diese Tests werden sehr gründlich durchgeführt! Zu bedenken gebe ich aber, dass der betroffene Pilot erst ein paar Hundert Flugstunden absolviert hatte. Das bedeutet, der psychologische Check kann nicht so lange her sein, etwa zwei Jahre.

Man sagt, der Co-Pilot habe seine Ausbildung, die zwischen 2008 und 2013 stattfand, für mehrere Monate unterbrochen. Hätte man bei Lufthansa da nicht hellhörig werden müssen?
Ich kenne die Hintergründe dieses Unterbruchs nicht, deshalb will ich mich dazu nicht äussern.

Piloten stehen heute deutlich mehr unter Druck als früher. Tiefere Löhne oder deutlich mehr Rotationen am Tag sind nur ein Teil davon. Stellen Sie das in Ihrer Tätigkeit als Ausbildner auch fest?
Piloten stehen heute insofern mehr unter Druck, als sie keine Jobsicherheit mehr haben. Aber das ist in vielen Branchen so.

Könnte es sein, dass der Co-Pilot von 4U 9525 Angst um seinen Job hatte?
Das ist Spekulation, aber möglich wäre es schon.

Reden Piloten untereinander über ihre persönlichen Probleme? Oder ist das im Cockpit tabu?
Ich war bei Swissair und der Swiss auf der Langstrecke unterwegs. Da hatte man sicherlich Zeit, sich auch über private Dinge zu unterhalten. Sowohl beim Aufenthalt im Hotel als auch im Cockpit. Auf den Europastrecken ist das sicher anders; da absolviert man mehrere Flüge pro Tag und ist nicht so lange in der Luft, hat nicht viel Zeit für Unterhaltungen.

Muss die Lufthansa für sich und ihre Tochterfirmen nun die Rekrutierung der Piloten und das Ausbildungssystem anpassen oder ändern?
Nein. Das System hat sich bewährt, hier handelt es sich um einen Einzelfall. Ich halte es zudem für un­möglich, dass Piloten beispielsweise jeden Monat zu einem psycho­logischen Check müssten. Da würde sich etwa die Pilotengewerkschaft Aeropers in der Schweiz dagegen wehren.

Sollte nun die Regel der Verschliessung der Cockpit-Türen gelockert werden?
Nein, ich hoffe das nicht. Ohne diesen Verschliessungsmechanismus würde sicherlich die Entführungsgefahr steigen. Klar, der Nachteil ist, wenn ein Pilot nicht will, dass jemand ins Cockpit kommt, ist es unmöglich, reinzukommen. Aber damit müssen wir leben! Die absolute Sicherheit gibt es nirgends.

Erstellt: 27.03.2015, 14:03 Uhr

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