Das Online-Leben des Paul S.

Der befreite Junge aus Gunzgen SO war im Netz sehr aktiv. Er beschrieb sich als «kreativ» und «leicht reizbar». Sein Verschwinden hatte er geplant.

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90 Minuten lang hielt Urs Bartenschlager die Fassade des kontrollierten Ermittlers aufrecht, der nüchtern den Fahndungserfolg in ein Dutzend Mikrofone rapportiert und die «wichtige Zusammenarbeit» mit den Fahndern anderer Kantone lobt. Aber dann, ganz am Ende der Medienkonferenz, brach es aus dem Chef der Solothurner Kriminalpolizei heraus: «Wir haben wirklich alles gemacht, was wir konnten. Ich habe gestern 23 Stunden gearbeitet, bin ein paar Stunden ins Bett, schlief nur wenig – und dann dieses Warten. Können Sie sich vorstellen, wie erleichtert wir waren, als wir endlich Bescheid erhielten?»

Der Anruf kam aus Düsseldorf. Dort hatte ein Sondereinsatzkommando in der Nacht auf Sonntag um 1.30?Uhr die Tür einer Dachwohnung aufgebrochen. Und Paul S. gefunden. Jenen Jungen, der am Samstag vor einer Woche in Gunzgen SO verschwunden war. «Er ist körperlich wohlauf», hatte Bartenschlager gleich zu Beginn des gestrigen Medientermins betont. Die Düsseldorfer Polizei verhaftete in der Wohnung einen Mann, den die deutsche Zeitung «Express» als Werner C. identifizierte – deutscher Staatsbürger, 35-Jährig, Koch. Laut Markus Niesczery, Sprecher der Düsseldorfer Polizei ist C. wegen kleineren Betrugsdelikten vorbestraft – aber nicht wegen Sexual- oder Missbrauchsdelikten.

Was genau in dieser Wohnung geschehen ist, klärt die Polizei nun ab. «Wir gehen bei der Befragung des Jungen sehr vorsichtig vor», sagt Sprecher Niesczery.

Bis zu fünf Stunden online

Auf die Spur des Kochs waren die Schweizer Behörden gekommen. Eine Sonderkommission von 25 bis 30 Fahndern hatte nonstop ermittelt, selbst das FBI hatte man kurz beigezogen. Das Ergbenis: Paul S. hatte Werner C. im Internet auf einer Spielplattform kennengelernt. Der zwölfjährige Junge war offenbar ein begeisterter Minecraft-Spieler – ein harmloses Aufbauspiel, bei dem sich der Protagonist aus Blöcken eine eigene Welt erschafft, eine Art digitales Lego. Rund um das Spiel existieren im Netz zahlreiche Foren, Fachportale und Server, über die sich eine Vielzahl von Spielern zusammenschliessen.

TA-Recherchen zeigen, dass Paul auf verschiedenen solchen Plattformen überaus aktiv war. Auf mindestens vier Portalen hatte der Junge sich ein Profil zugelegt, teilweise versuchte er sogar, ein Ämtli als interner «Junior-Supporter» zu ergattern. Zwei Tage vor seinem Verschwinden stellte er sich auf einem Portal vor: Er spiele seit einem halben Jahr Minecraft, sei zwölf Jahre alt, wohne in der Schweiz und sei täglich eine bis fünf Stunden online. Hobbys: «Fussball/Computer/Mit Freunden gamen». Stärken: «bin kreativ und flexibel». Schwächen: «Leicht reizbar.»

Er wolle dafür sorgen, dass «die Serverregeln eingehalten werden und das unter den Siedlern ein ordentliches Klima herrscht». So lautet der Eintrag auf einem Server-Forum. Auf mindestens einer Plattform wurde seine Bewerbung abgelehnt. Er sei zu jung.

Paul muss sein Abtauchen über mehrere Wochen geplant haben. Die Polizei bestätigte gestern die Existenz einer «Strichliliste»: Der Junge hatte die Tage bis zu jenem Samstag heruntergezählt, an dem er verschwand. Klassenkameraden sagten aus, Paul habe ihnen gegenüber angekündigt, er werde bald nicht mehr da sein.

Wohl keine Auslieferung

Wie der Junge nach Düsseldorf gekommen ist, klären die Fahnder nun ab, die Befragungen laufen. Laut «Express» besitzt Werner C. keinen Führerschein. Die Solothurner Staatsanwaltschaft hat bereits letzte Woche ein Verfahren wegen Verdachts auf Entführung eingeleitet. Der Tatbestand ist bei Jugendlichen unter 16 Jahren auch dann anwendbar, wenn sich das Opfer freiwillig in die Obhut des Täters begibt. Werner C. befindet sich zurzeit in Polizeigewahrsam. Weil er deutscher Staatsbürger ist, wird er voraussichtlich nicht in die Schweiz ausgeliefert. Je nachdem, was die Einvernahmen ergeben, leitet die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ein Verfahren ein und führt die Schweizer Ermittlungen weiter.

Paul ist nun in Obhut seiner Eltern, die gestern nach Düsseldorf reisten. Die Familie werde von Fachpersonen betreut. Es sei ein freudiges Wiedersehen gewesen, sagte Kripo-Chef Bartenschlager. Er selbst brauche nun vor allem eines: Eine Pause. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 20:36 Uhr

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