Das einzige Urteil, das zu rechtfertigen war

Oscar Pistorius wurde nicht «laufen gelassen», wie Hobby-Scharfrichter im Internet spotten. Warum das Urteil der Richterin Thokozile Masipa richtig ist.

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Die Twitterwelt steht Kopf. Ob das ein «kranker Witz» sei, will ein Kommentator im sozialen Netzwerk wissen. Ein anderer erregt sich: «Er wollte sie töten. Ganz egal, was alle anderen dazu sagen.» Nun könne er endlich seine Frau «ungestraft um die Ecke bringen», spottet ein Dritter. Und ein Witzbold flunkert, der Papst wolle die südafrikanische Richterin Thokozile Masipa heilig sprechen, weil sie «Krüppel laufen liess».

Dass diese den beinamputierten Ausnahmesportler Oscar Pistorius jetzt lediglich der fahrlässigen Tötung und nicht des Mordes für schuldig befand, hat Tausende von Netzwerkern in aller Welt auf die Palme gebracht: Sie hatten offensichtlich erwartet, dass der 27-jährige gefallene Olympionike fürs nächste Vierteljahrhundert hinter Gittern schmachten muss. Er war für sie von vornherein des Mordes schuldig.

Die Reste eines funktionierenden Rechtssystems

Doch zum Glück gibt es in Südafrika zumindest noch die Reste eines funktionierenden Rechtssystems. Die besonnene Thokozile Masipa fällte das einzige Urteil, das auf der Grundlage der Beweislage zu rechtfertigen war: Denn der wegen seiner Unerbittlichkeit zum Helden erhobene Staatsanwalt Gerrie Nel vermochte trotz seiner Bissigkeit schlicht nicht genügend unumstössliche Indizien zu präsentieren, um eine Verurteilung des Angeklagten wegen vorsätzlichen Mordes zu erzwingen. In dubio pro reo: Nicht zu Unrecht hat dieser Grundsatz universale Gültigkeit. Zumindest die Fachwelt ist denn auch überzeugt, dass Richterin Masipas Urteil im Fall der Berufung Bestand haben würde.

Warum sind sich trotzdem so viele Hobby-Scharfrichter sicher, dass der Angeklagte seine Geliebte absichtlich umgebracht hat? Die Antwort auf diese Frage ist im psychologischen, nicht im juristischen Bereich zu suchen. Oscar Pistorius wurde einst genauso emphatisch zum supermenschlichen Vorbild in den olympischen Götterhimmel erhoben, wie er nun wieder auf die Erde, gar in den Keller herabgezogen wird: Offensichtlich ist es genauso süss, ein Idol auf ein Podest zu stellen, wie es anschliessend wieder vom Sockel zu stossen. Spätestens dann wissen wir nämlich, dass auch wir gute Menschen sind, sogar noch bessere als unsere Idole.

Der wirkliche Oscar Pistorius – der Junge ohne Beine, der seinen Verlust auf Teufel komm raus zu überwinden suchte – hat noch nie jemanden interessiert: Das ist die eigentliche Tragik seines Falls.

Erstellt: 12.09.2014, 10:46 Uhr

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