Demontage einer Lichtgestalt

Oscar Pistorius steht seit zwei Wochen vor Gericht, weil er seine Freundin erschossen hat. Was spricht für seine Unfallversion? Und was für die Mordthese der Anklage? Eine Zwischenbilanz.

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Eigentlich sollte das Verfahren der südafrikanischen Bevölkerung wie der ganzen Welt zeigen, dass das Rechtssystem am Kap der Guten Hoffnung besser als sein Ruf ist – zu diesem Zweck hatte ein Richter auch der Liveübertragung des Prozesses zugestimmt. Doch zwei Wochen nach Beginn des «Jahrhundertverfahrens» in Pretoria sitzen die Ermittlungsbehörden fast genauso angeschwärzt im Gerichtssaal wie der Angeklagte selbst: Polizeibeamte sollen sogar zwei teure Armbanduhren aus Oscar Pistorius’ Besitz geklaut haben, während sie in dessen Villa der Spurensuche nachgingen.

Pannen und Diebstahl der Polizei

Die zweite Woche des Verfahrens vor dem Landgericht in Pretoria wird als Canossa der südafrikanischen Polizei in die Rechtsgeschichte eingehen. Der mittlerweile pensionierte Polizeioberst Giliam van Rensburg musste einräumen, dass während der Ermittlungen in der Villa des beinamputierten Spitzensportlers zwei wertvolle Uhren aus dessen Schlafzimmer abhandenkamen, die trotz der Leibesvisitation sämtlicher Ermittler und der Durchsuchung ihrer Fahrzeuge nicht wieder aufzutreiben waren.

Ausserdem musste ein Polizeiexperte bekennen, dass er die Toilettentür, durch die hindurch Pistorius seine Geliebte Reeva Steenkamp erschossen hatte, nicht auf Abdrücke der Prothesen des Angeklagten hin untersuchte – stattdessen waren mehrere Beamte über das wichtigste aller Beweisstücke getrampelt und hatten ausserdem Splitter der Tür verschlampt. Ein Fachmann für Ballistik nahm sogar die Tatwaffe des «Blade Runners» ohne Handschuhe in die Hand, obendrein fanden sich in den Berichten der Ermittler zahlreiche Widersprüche.

Pistorius-Verteidiger im Rampenlicht

Für Barry Roux ein gefundenes Fressen. Genüsslich nahm der scharfzüngige Verteidiger von Pistorius einzelne Aspekte der Aussagen der Ermittler auseinander: Die stundenlangen, live im Fernsehen übertragenen Kreuzverhöre geben dem 58-jährigen Anwalt die Gelegenheit, sich weiter als messerscharfer Retter in Not geratener prominenter Angeklagter zu profilieren. Roux hat inzwischen weit über Südafrikas Grenzen hinaus selbst Prominentenstatus erreicht: Eine Radiostation widmete dem Anwalt einen Rap mit dem Titel «I put it to you», auf Twitter wurde gar eine eigene Raute für Roux-Parodien eingerichtet (#BarryRouxLaw).

Roux’ Kampfhundstil sichert ihm allerdings nicht unbedingt Sympathien: Einer Auswertung der über Twitter gesandten Kurzbotschaften zufolge wird «Rottweiler Roux» lediglich von 16 Prozent der sozialen Netzbenutzer positiv beurteilt, über 34 Prozent finden seinen oft überheblichen Stil schwer zu ertragen. Letztlich wird das Urteil über Pistorius aber weder von Twitter-Benutzern noch von einer Jury aus Laien, sondern von Richterin Thokozile Masipa gefällt – und die scheint gegen die Allüren des über Nacht zu Weltruhm gelangten Staranwalts immun zu sein.

Immer mehr Zeugen widersprechen Pistorius

Fachleute bezweifeln auch, dass die Polizeipannen dem Angeklagten notwendigerweise zugute kommen. Viele Ermittlungsfehler haben – wie das Hinterlassen von Fingerabdrücken auf der Tatwaffe – mit der Frage, ob Pistorius seine Freundin mit Absicht oder aus Versehen umbrachte, gar nichts zu tun: Dass der schiesswütige Sportler Steenkamp mit seiner 9-mm-Pistole tötete, ist schliesslich unbestritten.

Unterdessen schwillt die Zahl der Zeugen immer weiter an, die der Version des Angeklagten widersprechen: Mehrere Nachbarn wollen in der Tatnacht Schreie einer in Todesangst befindlichen Frau gehört haben; ein Pathologe sagte aus, dass Reeva noch zwei Stunden vor ihrem Tod etwas gegessen habe – und deshalb nicht, wie Pistorius behauptet, um zehn Uhr schlafen gegangen sein kann. Ein Sachverständiger beteuerte, dass der Sportler die Toilettentür auf seinen Beinstümpfen – und nicht auf seinen Prothesen stehend – eingeschlagen haben muss.

Darstellung der Anklage wirkt glaubwürdiger

Schleierhaft bleibt nach der Version des Angeklagten auch, warum Pistorius beim Vernehmen verdächtiger Geräusche nicht seine vermeintlich neben ihm schlafende Geliebte geweckt hat, und warum er, ohne auch nur eine Frage zu stellen oder einen Warnschuss abzugeben, viermal in die verschlossene Toilette schoss.

Obwohl es Roux verstand, in jede bisher abgegebene Zeugenaussage mehr oder weniger grosse Löcher zu reissen, konnte er bisher nicht sicherstellen, dass die Darstellung seines Mandanten glaubwürdiger klingt als die vom Staatsanwalt präsentierte Erklärung: Und darauf kommt es schliesslich an, wenn er Pistorius vor einer langjährigen Haftstrafe wegen Mordes bewahren will.

Prozess dauert mindestens zwei Wochen länger

Der Dauerbeschuss der Sachverständigen wird auch in dieser Woche weitergehen. Ein Polizeifotograf zeigte am Montag Bilder vom Tatort, auf denen Steenkamps Blutspuren selbst in Pistorius’ Wohn- und Schlafzimmer zu sehen sind: Ein weiteres Detail, das mit der Schilderung des Angeklagten nicht zusammenpasst. Und noch immer steht die Auswertung der verschiedenen Mobiltelefone des Opfers und des Täters aus, von der besonders aufschlussreiche Erkenntnisse erwartet werden.

Schon heute steht fest, dass der Prozess nicht wie ursprünglich beabsichtigt nach drei Wochen abgeschlossen sein wird: Inzwischen ist von einer mindestens zweiwöchigen Verlängerung die Rede.

Erstellt: 17.03.2014, 15:26 Uhr

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