Den Piloten blieben im Extremfall
5 Sekunden, um zu reagieren

Ob zu zweit oder alleine im Cockpit – ein mögliches Absturzszenario ist ein Druckabfall im Flugzeug. Experten erläutern, was geschieht, wenn den Piloten der Sauerstoff fehlt.

Erklärt vor den Medien die ersten Erkenntnisse: Remi Jouty, Direktor der französischen Untersuchungsbehörde.

Erklärt vor den Medien die ersten Erkenntnisse: Remi Jouty, Direktor der französischen Untersuchungsbehörde.

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Noch unbestätigten Informationen zufolge befand sich beim Absturz der Germanwings-Maschine nur ein Pilot im Cockpit. Der andere soll vergeblich versucht haben, in die Kanzel zurückzukehren. Unabhängig davon ist ein mögliches Szenario, dass es im Flugzeug zu einem Druckabfall kam. Experten bezweifeln zwar, dass ein Pilot im Moment eines solchen Notfalls das Cockpit verlässt. Denkbar ist aber, dass nur einer der Piloten am Steuerknüppel sass, als der Druck im Flieger nachliess. Thomas Steffen, Sprecher der Pilotengewerkschaft Aeropers und A320-Kapitän, und Daniel Knecht, Leiter des Untersuchungsdienstes der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle, erklären gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, was im Fall eines Druckabfalls in einer Höhe von 11'000 Metern über Meer geschieht.

Um 10.31,02 Uhr empfängt Flightradar24.com die ersten Radardaten, die einen Sinkflug dokumentieren. Ab diesem Zeitpunkt fliegt die Maschine auf einer nahezu linearverlaufenden Route abwärts. Um 10.40,36 Uhr registriert Flightradar24.com den letzten Kontakt mit dem Airbus der Germanwings, der sich auf der herkömmlichen Route zwischen Barcelona und Düsseldorf befand.

Das Warnsignal «Terrain!»

Für Daniel Knecht, Leiter des Untersuchungsdienstes der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle, sagt diese Form des Absinkens, ohne dass weitere Fakten vorliegen, nur wenig aus: «Die Kurve eines Abstiegs wegen eines Druckabfalls sieht nicht zwangsläufig so aus, denn meist werden bei einem Notabstieg viel grössere Sinkraten erreicht.» Beim Ausfall eines Triebwerkes würde der Flugverlauf ebenfalls anders aussehen. «Die Piloten streben dann in der Regel einen relativ flachen Sinkflug auf einer Höhe an, die das Flugzeug einmotorig noch halten kann.» Knecht mag aber nicht über die Unfallursache spekulieren, dazu lägen nicht genügend brauchbare Fakten vor. Klar sei aber, dass ein Bordcomputer von sich aus keinen derartigen Sinkflug anordnet. «Er muss von den Piloten vorher so programmiert werden oder es muss eine entsprechende kurzfristige Anweisung eingegeben werden.» Dazu definiert die Besatzung eine neue Höhe und bestimmt gleichzeitig, wie das Flugzeug dahin gelangen soll. Der Bordcomputer veranlasst auch nicht von sich aus, dass das Flugzeug dem Gelände – etwa einer Felswand – ausweicht. Er warnt die Piloten aber davor mit dem Ausruf: «Terrain!»

Nur wenige Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit

Auch Thomas Steffen, Pressesprecher von Aeropers und A320-Kapitän bei Swiss, will nicht über die Ursache des Unglücks spekulieren. Tatsache sei aber, dass die lineare abwärtsführende Flugroute einen kontrollierten Sinkflug darstellt. Demnach pilotierte entweder die Besatzung oder der Bordcomputer die Maschine. Die vorhandene Grafik sagt indes nichts darüber aus, ob es sich dabei um einen Notabstieg handelte. Für Steffen steht diesbezüglich einzig fest: «Die Sinkflugrate ist etwas steiler als in dieser Flugphase üblich.» Verlässt eine Linienmaschine ihre Reiseflughöhe, tue sie dies in der Regel mit einer Rate von 305 bis 610 Meter pro Minute. Der Airbus von Germanwings sank aber offenbar pro Minute 1068 Meter ab.

Vor dem Sinkflug befand sich die Maschine auf einer üblichen Reiseflughöhe von 11'582 Meter. Fällt dort der Druck in der Kabine ab, bleiben den Piloten zwischen 15 und 30 Sekunden, bevor sie aufgrund des Sauerstoffmangels nicht mehr handlungsfähig sind und bewusstlos werden. Es sei denn, sie verfügen über funktionierende Sauerstoffmasken. Man spricht dabei von der «time of useful consciousness». Laut Steffen versuchen die Piloten deshalb, bei einem Druckabfall abzusinken, bis die Luft mit genügend Sauerstoff angereichert ist, um ohne Sauerstoffmasken zu atmen. «In der Regel zielen wir dafür auf etwa 3000 Meter über Meer – dies hängt allerdings auch vom Gelände ab.»

Temperatursturz und Nebel

Für dieses Prozedere stellt der Flugzeughersteller eine Checkliste zur Verfügung, so auch Airbus. Einige der Punkte – die sogenannten Memory-Items – kennen die Piloten auswendig. Dazu gehören etwa die ersten drei Handlungen dieser Checkliste: Sauerstoffmaske anziehen, die Kabinenbesatzung informieren und anschliessend den Sinkflug einleiten.

Daniel Knecht unterscheidet den schlagartigen vom schleichenden Druckabfall. Fällt der Druck explosionsartig ab – etwa wenn ein Cockpitfenster birst – kommt es zu einem sofortigen Temperatursturz, was Nebel zur Folge hat. Die Luft wird aus der Lunge der Piloten gepresst. Die Zeit bis zur Handlungsunfähigkeit eines Menschen kann sich in einem solchen Fall bis zu 50 Prozent verkürzen – den Piloten bleiben dann also nur wenige Sekunden, bis sie ihre Sauerstoffmaske aufgesetzt haben müssen. Nicht ganz so spektakulär setzt ein schleichender Druckabfall ein. Üblicherweise werden in diesem Fall die Piloten durch Warnsysteme alarmiert.

Schwindel, Euphorie und Schläfrigkeit

«Es kann aber vorkommen, dass der Sauerstoffmangel von der Besatzung im ersten Moment unerkannt bleibt», sagt Knecht. Die Symptome einer sogenannten Hypoxie sind von Mensch zu Mensch verschieden und können von Euphorie über Schwindel bis hin zu Schläfrigkeit oder kribbelnden Händen reichen.

Gemäss den ersten Erkenntnissen haben die Lotsen vergeblich versucht, mit den Piloten in Kontakt zu treten. Schliesst man ein absichtliches Schweigen aus, lässt dies vermuten, dass die Besatzung nicht antwortete, weil sie physisch dazu nicht in der Lage war. Airbuspilot Thomas Steffen geht nicht davon aus, dass ein Funkdefekt für das Schweigen der Crew verantwortlich ist: «Es gibt andere technische Mittel, um bei der Flugsicherung einen Notfall zu melden – etwa über den Transponder.» Mit der Situation eines Druckabfalls umzugehen, lernen die Piloten in regelmässigen Übungen im Simulator. Laut Steffen findet dies bei der Swiss im Halbjahresrhythmus statt. Zur täglichen Routine gehört auch die Kontrolle des Systems der Sauerstoffmaske. «Wir prüfen sie jeweils vor, aber auch während des Flugs.»

A320-Absturz: Was bisher geschah. (Video: Lea Koch)

Erstellt: 26.03.2015, 11:12 Uhr

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