Porträt

Der Deutsche im Drogenkartell von Medellín

Vor 25 Jahren verhaftete die Polizei Carlos Lehder – einen der mächtigsten Drogenbosse aller Zeiten. Heute sitzt er in den USA im Gefängnis. Seine Tochter fordert, ihn endlich wieder einmal besuchen zu dürfen.

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Es ist der 4. Februar 1987, 5 Uhr morgens in Guarne, einem Städtchen im Westen Kolumbiens. Eine Sondereinheit kolumbianischer Elitepolizisten und mehrere Agenten der amerikanischen Drogenpolizei DEA (Drug Enforcement Administration) umstellen ein Landgut. Der Leiter der Operation spricht durch ein Megafon: «Ihr seid umzingelt. Ergebt euch.» Keiner der Killer, die das luxuriöse Anwesen bewachen, greift zu seiner Waffe. Nach einigen Minuten kommt ein Mann mit nacktem Oberkörper heraus, verschlafen, verkatert, verwirrt. Er schreit: «Nicht schiessen! Ich bin Carlos Lehder. Ich bin deutscher Staatsbürger.»

25 Jahre ist es her, dass die Karriere eines der grössten Drogendealer aller Zeiten zu Ende ging: Carlos Lehder, Sohn eines deutschen Ingenieurs und einer Kolumbianerin, Mitbegründer des Medellín-Kartells, Gefährte des Kokainbarons Pablo Escobar – und laut einem Zeugen von genau diesem an die Polizei verraten. Heute sitzt Lehder in einem amerikanischen Gefängnis. Zum Jahrestag seiner Verhaftung erinnert sich Kolumbien an die Zeit, als Escobar und Lehder drauf und dran waren, den Staat in die Knie zu zwingen. Mónica Lehder, die 29-jährige Tochter des einstigen Bosses, sagt in einem Interview mit der kolumbianischen Zeitung «El Tiempo»: «Ich wäre die glücklichste Frau der Welt, wenn ich meinen Vater umarmen könnte.»

Die Droge, die den wahren Reichtum bringt: Kokain

Carlos Lehder, geboren 1949, beginnt seine Verbrecherlaufbahn, indem er zwischen den USA und Kanada gestohlene Autos schmuggelt und die Werkstatt seiner Familie in Medellín mit Ersatzteilen amerikanischer Wagen versorgt. Als deutsch-kolumbianischer Doppelbürger besitzt er einen deutschen Pass und kann jederzeit ohne Visum in die Vereinigten Staaten reisen. Wegen eines Autodiebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, lernt er in der Haftanstalt von Danbury, Connecticut, den Amerikaner George Jung kennen. Dieser hat zuvor in Kleinflugzeugen Marihuana von Mexiko in die USA transportiert. Lehder ist von der Schmuggelmethode fasziniert, doch überredet er Jung, auf eine Droge umzusteigen, die unendlich mehr Reichtum abwirft: Kokain. Die Geschichte der Freundschaft zwischen Jung und Lehder wird im Film «Blow» aus dem Jahre 2001 erzählt, mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Der Deutschkolumbianer heisst darin Diego Delgado (gespielt von Jordi Mollà), Regisseur ist Ted Demme.

Um Kokain in die USA zu schmuggeln, haben lateinamerikanische Drogen-Capos bisher vor allem Kuriere eingesetzt, die in Linienflugzeugen reisen und den Stoff in ihren Koffern verstecken. Mit dem Duo Lehder/Jung beginnt eine neue Ära – die Ära der Kleinflugzeuge, die mit Kokain beladen von irgendeiner versteckten Piste im lateinamerikanischen Dschungel starten, so tief fliegen, dass sie für Radare unsichtbar bleiben und nördlich der Grenze landen, in der Wüste, in einem ausgetrockneten Flussbett, irgendwo in einer gottverlassenen Gegend. Die Menge des jährlich geschmuggelten Kokains explodiert, die Gewinne der Dealer auch.

Die Nase ist nie voll genug

Lehder gewinnt Pablo Escobar als Lieferanten, und obwohl die Beziehung zwischen den beiden stets von Misstrauen, ja sogar Antipathie geprägt ist, steigt der Deutsche zu einer der beherrschenden Figuren des Medellín-Kartells auf. Während Escobar vom Koksen die Finger lässt und höchstens einmal einen Joint raucht, kann Lehder von dem weissen Pulver die Nase nicht voll genug kriegen. Das macht ihn unberechenbar und gewalttätig.

Die grosse Zeit Carlos Lehders beginnt 1978. Er hat sich im Streit von seinem Partner Jung getrennt. Der Amerikaner wird sich fortan damit begnügen, für Escobar kleinere Mengen zu schmuggeln – ehe er in den USA verhaftet und zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Lehder hingegen erlebt einen kometenhaften Aufstieg. Er beginnt, auf der Bahamas-Insel Norman's Cay Ländereien zu kaufen, Häuser zu bauen und die Bewohner zu drangsalieren. Einmal treibt eine Jacht vor der Küste, darin liegt die Leiche ihres Besitzers. Nach und nach ziehen die Einwohner weg, Lehder wird zum allmächtigen Herrscher über die kleine Insel. Er macht aus dem 350 Kilometer vor der Küste Floridas gelegenen Norman's Cay den Stützpunkt für seine Millionengeschäfte. Er baut eine 1000 Meter lange Flugpiste, auf der täglich die Jets aus Kolumbien landen, mit 300 Kilogramm Kokain an Bord. Die Droge wird in Kleinflugzeuge umgeladen und nach Florida, Georgia, North- und South Carolina weitertransportiert. Man schätzt, dass Lehder jährlich 250 bis 300 Millionen Dollar verdient, was nach damaligem Wechselkurs mehr als einer Milliarde Franken entspricht.

Lehder besitzt eine Autosammlung, Flugzeuge und Helikopter, zwölf Anwesen und einen Tourismuskomplex, den er La Posada Alemana nennt, das deutsche Gasthaus. Die Anlage besteht aus Chalets im Schweizer Stil, sie verfügt über einen kleinen Privatzoo. In der Diskothek hat Lehder, ein fanatischer Beatles-Fan, Fotos von John Lennon aufgehängt. Wenn in Medellín oder anderswo in Kolumbien eine schwarze Limousine der Marke Mercedes-Benz herumfährt, bewacht von einer Eskorte und völlig unbehelligt von der Polizei, dann weiss jeder, wer drin sitzt: Carlos Lehder. Zweimal bietet der Drogenboss der kolumbianischen Regierung an, die gesamte Aussenschuld des Landes zu begleichen. Beim ersten Mal fordert er als Gegenleistung, dass man ihn bei seinen Drogengeschäften auch in Zukunft gewähren lasse. Beim zweiten Mal verlangt er die Zusicherung, im Falle seiner Verhaftung nicht an die USA ausgeliefert zu werden.

Der tiefe Fall des Capos

Als der amerikanische Fernsehsender CBS 1982 eine Dokumentation über Lehders Geschäfte ausstrahlt, gerät die durch und durch korrupte Regierung der Bahamas derart unter öffentlichen Druck, dass sie durchgreifen muss: Sie beschlagnahmt die Reichtümer des Capos und friert seine Bankkonten ein. Lehder flieht nach Kolumbien, wo er schwer an einem tropischen Fieber erkrankt. Pablo Escobar lässt ihn in Medellín gesund pflegen, doch ist Lehder nur noch ein Schatten seiner selbst: körperlich geschwächt und viel weniger reich als früher. Er ist nicht mehr ein unabhängiger Drogenboss, sondern nur noch ein von verblichenem Ruhm zehrender Dealer des Medellín-Kartells. Unablässig zerbricht er sich den Kopf darüber, wie er seine Macht wiedergewinnen könnte.

Über die Umstände von Lehders Verhaftung gibt es verschiedene Versionen. Ein Angestellter habe ihn an die Polizei verraten, lautet die offizielle Variante. Anders erinnert sich Jhon Jairo Velásquez Vásquez alias Popeye – ein Killer des Medellín-Kartells, der später im Gefängnis einer Journalistin seine blutige Lebensgeschichte erzählen wird. Popeye zufolge hat sich Lehder bei einem von Pablo Escobar organisierten Fest das eigene Grab geschaufelt: «Er trank und machte sich an eine der 15 Prostituierten heran, die für die Party verpflichtet worden waren. Irgendwann nahm er ein Briefchen Kokain heraus, zog eine Linie, seine Begleiterin tat dasselbe», berichtet Popeye. Ein Drogengangster mit dem Spitznamen Rollo bittet Lehder ebenfalls um eine Linie. Dieser nickt und gibt der Prostituierten ein Zeichen, sie solle dem anderen das Briefchen überreichen. Rollo schaut Lehders Begleiterin lüstern an, später bittet er sie mehrmals um eine zusätzliche Dosis, ohne Lehder zu fragen. Noch vor kurzem hätte er es nie gewagt, sich dem Deutschen gegenüber derart respektlos zu verhalten.

Versteckt und verraten

Selbst nachdem sich Lehder mit der Prostituierten auf sein Zimmer zurückgezogen hat, lässt Rollo einen seiner Untergebenen an die Türe klopfen. Beim zweiten Mal öffnet sie Lehder nur noch einen Spalt breit und wirft dem Störenfried wütend das Briefchen mit dem übrig gebliebenen Koks vor die Füsse. «Um halb neun Uhr morgens weckten uns zwei Schüsse», erzählt Popeye. Lehder hat Rollo getötet. «Er hat mir nicht den Respekt gezeigt, den ich verdiene», rechtfertigt sich der Mörder gegenüber Escobar. Der Boss der Bosse gibt seinem ehemaligen Partner und jetzigem Untergebenen recht – aber Popeye zufolge tut er es in einem Tonfall, als würde er mit einem Verrückten sprechen. Er bietet Lehder an, ihn in einem seiner Verstecke unterzubringen.

Kurz darauf erhält Escobar eine Botschaft. Die Regierung verlange den Kopf eines prominenten Drogen-Mafioso – andernfalls werde die Polizeiführung ausgetauscht und neue Ermittler würden in die Stadt entsandt, was dem Kartell von Medellín Probleme bereiten könnte. «Pablo Escobar präsentierte Lehder die Rechnung für Rollos Tod», wird Popeye später im Gefängnis sagen. «Er übergab der Polizei einen Lageplan, auf dem das Versteck eingezeichnet war.»

Lebenslang und 135 Jahre dazu

Noch am Tage seiner Festnahme wird Carlos Lehder an die amerikanische Justiz überstellt. Später verurteilt ihn ein Gericht zu lebenslanger Haft plus 135 Jahre. Ein absurdes Verdikt. Doch Lehder erklärt sich bereit, gegen Manuel Noriega auszusagen – den Diktator aus Panama, der zunächst ein Verbündeter der USA war und 1989 durch eine amerikanische Invasion gestürzt wurde. Dafür wird Lehders Strafe auf 55 Jahre reduziert. Allerdings sind seine Aussagen im Noriega-Prozess vage, konfus und von Hasstiraden gegen den amerikanischen Imperialismus durchsetzt. Irgendwann erwägt der Richter, durch ein psychiatrisches Gutachten abklären zu lassen, ob der frühere Drogenboss überhaupt noch zurechnungsfähig sei. Bis heute behauptet Lehder, er habe mit der amerikanischen Justiz einen viel besseren Deal ausgehandelt – nämlich eine Verringerung der Strafe auf 30 Jahre und die Überstellung nach Kolumbien oder nach Deutschland.

Seine Tochter Mónica arbeitet heute als Modedesignerin. Vor acht Jahren durfte sie ihren Vater zum letzten Mal besuchen, danach hat ihr die US-Botschaft in Bogotá das Einreisevisum stets verweigert. Einmal hat sich Mónica Lehder bei einem Auftritt des damaligen kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe von ihrem Sitz erhoben, hat ihren Namen genannt und gesagt, es sei eine Schande, dass die Regierung nichts für ihren Vater unternehme. Uribe habe seine Berater angewiesen, die Petition und die Dokumente der jungen Frau entgegenzunehmen – danach hat sie nie mehr etwas vom Staatschef gehört.

Es bleibt eine Jacke

«Ich habe Hunderte von Briefen geschrieben, an Botschafter, Präsidenten, Staatsanwälte, Richter», sagte Mónica Lehder gegenüber der Zeitung «El Tiempo». Bei ihrer letzten Visite im Gefängnis habe sie von ihrem Vater eine Jacke gegen die im Besucherraum herrschende Kälte bekommen. «Diese Jacke ist das Einzige, was von Lehders Imperium geblieben ist. Von seinem Traum, den er mit dem wahren Leben verwechselte.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2012, 15:38 Uhr

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