Der Drogenboss und die Telenovelas

Kolumbianerinnen und Kolumbianer werden im Ausland ständig auf Pablo Escobar angesprochen und als Dealer oder Prostituierte verunglimpft. Schuld daran seien die Seifenopern im Fernsehen.

Der Trailer zu «El Patrón del Mal», einer der sogenannten Narconovelas. (Video: Youtube/Telemundo)


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Haben Sie sich schon einmal über folgende Situation geärgert? Sie landen auf einem internationalen Flughafen, in Tokio, New York oder Buenos Aires, nehmen ein Taxi, der Fahrer möchte Konversation betreiben, fragt Sie nach Ihrer Nationalität und beginnt mit Klischees um sich zu werfen: Schokolade, Kuckucksuhren, das Land der Banken und des Geldes – dies womöglich in der Erwartung, dass Sie ihn für seine Kenntnisse bewundern. Oder, schlimmer noch, er gibt irgendeinen tierisch anmutenden Laut von sich, den Sie nach verdutztem Nachfragen als das Wort «Chuchichäschtli» zu identifizieren glauben.

Wenn Sie die Frage mit Ja beantworten müssen – und das wird höchstwahrscheinlich der Fall sein –, können Sie sich damit trösten, dass es Ihnen immer noch besser ergeht als der bekannten kolumbianischen Journalistin María Jimena Duzán, die ihr Unglück so schildert: «Noch nie hat mir ein Taxifahrer gesagt, ich komme aus dem Land mit den schönsten Smaragden, mit zwei Ozeanen oder mit der ältesten Demokratie Lateinamerikas. Es hat auch noch nie einer gesagt, ich stamme aus demselben Land wie Gabriel García Márquez oder der Maler Fernando Botero. Stattdessen gestehen sie immer, und manche tun es leicht verschämt, dass sie einzig und allein Pablo Escobar kennen. Dabei sprechen sie den Namen aus, als handle es sich um einen Helden, nicht um einen Mörder. Kürzlich fragte mich ein Taxifahrer in Buenos Aires, ob er wirklich so böse gewesen sei, oder ob er nicht vielmehr den Reichen das Geld weggenommen habe, um es den Armen zu geben.»

«Ohne Titten kein Paradies»

Mehr als zwanzig Jahre ist es her, seit eine Eliteeinheit den Kokainbaron in seiner Heimatstadt Medellín aufstöberte und erschoss. Laut Duzán nimmt jedoch die Häufigkeit, mit der sie auf Escobar angesprochen wird, nicht ab, sondern zu. Schuld daran sei eine spezifische Form der Telenovela, die vorwiegend in Kolumbien produziert und mit grossem Erfolg in andere spanischsprachige Länder sowie in die USA, nach Europa und Asien exportiert wird: Die Narconovela. Die Fernsehserien tragen Titel wie «Die Puppen der Mafia», «Das Kartell der Kröten», «Ohne Titten kein Paradies», und sie handeln von Drogenbossen und ihren Geliebten, von Killern, Schmuggelrouten, märchenhaftem Reichtum, kurz: Von der tatsächlichen oder angeblichen Welt der kolumbianischen Drogenmafia.

Wie in derartigen Fällen üblich, sprechen Kritiker von Verharmlosung oder gar Verherrlichung, während die Produzenten beteuern, lediglich die Realität darzustellen. Die international bekannteste kolumbianische Narconovela zeigt unter dem Titel «Der Patron des Bösen» Escobars Leben. Der Schauspieler Andrés Parra spielt darin den Drogenbaron ähnlich überzeugend und lebensecht, wie Bruno Ganz in «Der Untergang» Hitler darstellt.

Das Problem scheint jedoch tiefer zu liegen, als man aufgrund einiger patziger Taxifahrer-Sprüche denken könnte. «Das Phänomen des Antikolumbianismus», betitelte die kolumbianische Zeitschrift «Semana» vor kurzem einen langen Artikel, in dem von Üblem zu lesen war: Überall in Lateinamerika werden Kolumbianer als Verbrecher und Kolumbianerinnen als Prostituierte verunglimpft. «Semana» präsentiert eine lange Liste von Beispielen. 12 kolumbianische Passagiere, denen die Flughafenpolizei in Buenos Aires ohne stichhaltige Begründung die Einreise verweigert. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, der «eine Bande kolumbianischer Paramilitärs» für die Ermordung eines Abgeordneten seiner sozialistischen Partei verantwortlich macht. In Panama lebende Kolumbianerinnen, die in der Öffentlichkeit möglichst wenig sprechen, damit man ihren Akzent nicht erkennt. Antikolumbianische Umzüge in der chilenischen Stadt Antofagasta. Der Ausspruch des chilenischen Politikers Waldo Mora: «Für die Häufung sexuell übertragener Krankheiten sind kolumbianische Nutten verantwortlich.» Ein argentinischer Senator, der die von einer Kriminalitätswelle heimgesuchte Stadt Santa Fe als «das neue Medellín» bezeichnet.

Höhere Mieten für Kolumbianer

Bei einem Experiment in Ecuador riefen eine Ecuadorianerin und eine Kolumbianerin Wohnungsvermieter an, weil sie sich angeblich für eine Wohnung interessierten. Resultat: In jedem dritten Fall erhöhte der Hausbesitzer bei der Kolumbianerin spontan die Mietforderung, während er in 13 Prozent der Fälle rassistische Bemerkungen machte.

«Semana» räumt zwar ein, dass «sich viele Landsleute alles andere als mustergültig verhalten und die Möglichkeit, ohne Visum ins Ausland zu reisen, für kriminelle Tätigkeiten missbrauchen». Dennoch sei in den Verbrechensstatistiken der Nachbarländer kein signifikanter Anstieg verhafteter oder verurteilter Kolumbianer festzustellen. Auch die angesehene Zeitschrift macht deshalb die vielen Narconovelas für die Vorurteile verantwortlich. Selbst die kolumbianische Aussenministerin María Ángela Holguin äusserte sich kürzlich besorgt: «Fernsehserien sind ein gutes Geschäft, aber das Publikum im Ausland versteht die Narconovelas falsch, und das richtet enormen Schaden an. Es ist unglaublich, dass wir Kolumbianer Dinge herstellen, die unser Ansehen schädigen.»

Als böse zu gelten hat auch Vorteile

Holguin fordert internationale Kampagnen, um das Narco-Image ihres Landes zu korrigieren. Diese seien umso notwendiger, als Kolumbianerinnen und Kolumbianer künftig visumsfrei in den Schengen-Raum einreisen können. Kolumbiens Regierung hatte jahrelang dafür lobbyiert und den im Februar gefällten Entscheid des EU-Parlaments als grossen Erfolg gefeiert.

Immerhin gibt es auch Situationen, in denen sich Kolumbiens zweifelhafter Ruf als nützlich erweist. Ein in Brasilien lebender kolumbianischer Student erzählt gegenüber «Semana», er sei von einem bewaffneten Mann überfallen worden. «Er richtete die Waffe auf mich und forderte Geld. Ich antwortete, ich hätte nur einen Studentenausweis. Er bemerkte meinen ausländischen Akzent, und als ich ihm sagte, ich sei aus Kolumbien, erschrak er, steckte die Waffe ein und entfernte sich.»

Erstellt: 28.12.2014, 12:30 Uhr

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