Kopf des Tages

Der Etikettenschwindler

Der Indonesier Rudy Kurniawan fälschte teure französische Weine. Nun ist der 37-Jährige verurteilt worden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rudy Kurniawan hat sich sein Geschäftsfeld sorgfältig ausgesucht. Er spezialisierte sich auf das Burgund, eine Weingegend von grosser Klasse – und fast ebenso grosser Komplexität. Während sich reiche Amerikaner auf dem Gebiet des Bordeaux zumindest rudimentär auskennen, ist das Burgund mit seinen undurchsichtigen, komplizierten Besitzstrukturen den meisten doch zu anstrengend.

In der Szene der Weinsammler von Los Angeles tritt Rudy Kurniawan Anfang der Nullerjahre in Erscheinung. Ein Indonesier Ende zwanzig mit einem Faible für Luxus und teuren Wein. Bald nennen sie ihn Dr. Conti, seiner Vorliebe für Weine der Domaine de la Romanée-Conti wegen.

Lieferungen von Altglas

Kurniawan ist bekannt für sein «fotografisches Geschmacksgedächtnis». Für sein profundes Wissen. Für seine Nickerchen bei Degustationen (20 bis 30 Minuten Tiefschlaf am Tisch). Für seine Generosität (er begleicht in Weinlokalen auch einmal Rechnungen über 250'000 Dollar). Und für seinen Spleen, sich leere Flaschen nach Hause schicken zu lassen. Dass er das Altglas manchmal gar forsch einfordert und bei Transportschäden leicht die Fassung verliert, wird ihm nachgesehen.

Kurniawan bewegt den Markt für rare Burgunder wie kein anderer. Ab 2003 kauft er ihn praktisch leer und treibt so die Preise in die Höhe. Zum Beispiel kostet in dieser Zeit eine Flasche 1962er La Tâche 13'000 Dollar, über 30-mal mehr als zehn Jahre zuvor. 2006 präsentiert Kurniawan eine Auswahl aus seinem «magischen Keller» an der Auktion «The Cellar». Die 1700 Flaschen erzielen 10,6 Millionen, die Fachwelt gerät in Ekstase.

«The Cellar II» bringt im gleichen Jahr knapp 25 Millionen. In den beiden Auktionen präsentierte Kurniawan auch acht Magnumflaschen Château Lafleur, einen Bordeaux, Jahrgang 1947 – von denen aber nur deren fünf abgefüllt wurden. Diese Geschichte wird ihm später den Namen Mr. 47 einbringen, der Betrug bleibt jedoch unentdeckt – vorerst.

Der entscheidende Fehler

Den entscheidenden Fehler begeht Kurniawan 2008. Er lässt 38 Flaschen des Grand Cru Clos Saint-Denis versteigern, mit Jahrgängen zwischen 1945 und 1971. Was er ausser Acht lässt: Der Wein wurde erst in den frühen 80er-Jahren auf dem Weingut der Familie Ponsot abgefüllt. Das bleibt in Frankreich nicht unbemerkt. Das erste Mal wird Kurniawan hinterfragt. Das FBI nimmt Ermittlungen auf.

Vier Jahre später verhaften FBI-Beamte Rudy Kurniawan. Als sie das Haus in einem Vorort von Los Angeles durchsuchten, sind sie einigermassen überrascht. Nicht nur von der Unordnung. Kurniawans «magischer Keller» ist eine simple Küche. Dort füllte er günstigen Wein aus Frankreich und aus Kalifornien in alte Flaschen und versah diese mit teils echten, teils gefälschten Etiketten.

Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus: Kurniawan reiste mit einem Studentenvisum in die USA ein. Sein Antrag auf politisches Asyl wurde 2001 abgelehnt, seither hielt er sich illegal im Land auf.

Vor Weihnachten wird Rudy Kurniawan in erster Instanz verurteilt. Das Strafmass soll im März bekannt gegeben werden. Neben einem heillosen Durcheinander in seiner Vorortsvilla hinterlässt der 37-Jährige einen Berg Schulden. Trotz den Millionen aus seinen Weinverkäufen. Einige Fachleute zweifeln daran, dass Kurniawan allein gehandelt hat. Sie glauben, er sei Teil einer Fälscherorganisation, womöglich bloss eine kleine Nummer. Nr. 47, vielleicht.

Erstellt: 27.12.2013, 08:14 Uhr

«Fotografisches Geschmacksgedächtnis»: Weinhändler Rudy Kurniawan. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Falscher Zucker für 3 Millionen Franken

Schweizer Grenzwächter haben 150 Kilogramm der Partydroge 4-MEC beschlagnahmt. Wie es zu dem ausserordentlichen Fund kam. Mehr...

Die 16 Sicherheitsmerkmale bei Banknoten

Kennen Sie alle Sicherheitsmerkmale auf Schweizer Geldnoten? Ein Überblick. Mehr...

Der fast perfekte Betrug

Hintergrund Ein Thurgauer Unternehmer hat die SBB während Jahren um Millionen betrogen. Er schickte der SBB-Division Infrastruktur Rechnungen für fiktive Leistungen, welche seine Komplizen zur Zahlung freigaben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...