Reportage

Der Killer von Ciudad Juárez

Santo Álvarez arbeitet als Dealer und Killer für ein mexikanisches Drogenkartell. Das Leben bezeichnet er als wertlos – sein eigenes, und das der anderen erst recht.

Tatortfoto aus Ciudad Juárez vom Januar 2010. Unbekannte Bewaffnete stürmten eine Studentenparty und erschossen 13 Feiernde. Foto: AP Photo

Tatortfoto aus Ciudad Juárez vom Januar 2010. Unbekannte Bewaffnete stürmten eine Studentenparty und erschossen 13 Feiernde. Foto: AP Photo

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Der Killer hat ein Lachen, wie wenn er gleich einen Staubsauger aus dem Kofferraum nehmen und ihn anpreisen würde. Stattdessen schliesst er sein Auto ab, tritt ein und setzt sich.

Es ist Nachmittag in Ciudad Juárez, draussen hecheln vor Hitze die Strassenköter, während sich Santo Álvarez (Name geändert), Kokaindealer und Killer beim Drogenkartell von Sinaloa, in der chaotischen, von einem ratternden Ventilator gekühlten Wohnung einer Fotografin anschickt, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Er trägt einen hufeisenförmigen Bart, einen mächtigen Bauch und ein gelbes T-Shirt, unter dem er manchmal ein Metallkreuz hervorzieht, um es zu küssen. Als er sich erhebt, um auf die Toilette zu gehen, wird die Pistole sichtbar, die er sich hinten in die Jeans gesteckt hat. Er redet viel und schnell, lacht häufig, lehnt sich hinüber, berührt einen am Knie und am Ellenbogen.

Kokain im Bauchnabel

Sein Lachen ist jetzt nicht mehr schmierig, sondern herzlich. Es fällt schwer, ihn nicht sympathisch zu finden, auch wenn man sich bewusst ist, dass das eigentlich nicht geht, bei allem, was er angerichtet hat. Nach zehn Minuten zieht sich Álvarez ein langes Plastiksäckchen mit vielen weissen Zellophankügelchen aus dem Bauchnabel. Sein Nabel muss erstaunlich tief sein, oder er hat ihn operativ aushöhlen lassen, jedenfalls dient er ihm als Versteck. Er öffnet ein Kügelchen, schüttet eine grosse Portion Kokain auf die Stelle zwischen Daumen und Handfläche und zieht mit einem gierigen Zischen die eine Hälfte ins rechte, die andere ins linke Nasenloch. Die Geste wird sich während des Gesprächs alle fünfzehn, zwanzig Minuten wiederholen. «Ich kokse, seit ich dreizehn Jahre alt bin», sagt Álvarez. «Ich bin fast immer bekokst.»

Die Fotografin, in deren Wohnung wir sitzen, kennt berufsbedingt viele Leute in Ciudad Juárez, auch aus dem Drogenmilieu. Sie hat lange gebraucht, um den Killer zu diesem Gespräch zu überreden, sie musste ihm immer wieder versichern, dass sein Name nicht genannt und seine Geschichte nicht in Mexiko, sondern in der Schweiz erzählt würde. Eigentlich wollte man sich schon um elf Uhr morgens treffen, aber Álvarez hat uns stundenlang hingehalten, sich am Handy immer wieder entschuldigt, ehe er mit seinem kleinen blauen Nissan vorfuhr. Bevor er zu sprechen begann, hat er noch einmal seine Bedingungen genannt: keine Namen, keine Tonaufzeichnung, keine Fotos. Dafür akzeptiert er, dass er für das Interview kein Geld erhalten wird.

Früher waren sie arm, jetzt versanken sie im Elend

Geboren wurde Álvarez vor 32 Jahren in Los Mochis – einer Stadt an der Pazifikküste im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa, aus dem fast alle grossen Drogenbosse und Mafiadynastien stammen. Álvarez’ schildert seine Jugend als Hölle, aber es klingt nie, als wolle er seine heutigen Taten rechtfertigen, indem er sich zum Opfer früherer Umstände stilisiert. Mitleid gibt es längst nicht mehr in seinem Leben, weder mit anderen noch mit sich selber. Neun Geschwister, beide Eltern schwere Alkoholiker, der Vater gewalttätig. Als Álvarez sieben Jahre alt war, ging die Autowerkstatt, in der sein Vater als Mechaniker gearbeitet hatte, in Konkurs. «Zwei Wochen später kam er einfach nicht mehr nach Hause. Wir haben nie erfahren, ob er geflohen war oder ob ihn jemand umgebracht und irgendwo verscharrt hatte.»

Zuvor war die Familie arm gewesen, jetzt versank sie im Elend. Da die Mutter in ihrer Alkoholsucht nicht arbeitete, prostituierte sich eine der älteren Schwestern. Es ging erst wieder etwas besser, als Santo Álvarez’ älterer Bruder für das Kartell von Sinaloa zu arbeiten begann, auf der untersten Hierarchiestufe. Er wurde, was man in der Welt der mexikanischen Drogenmafia einen Falken nennt: ein Späher, der die Umschlagplätze und Verkaufsstellen überwacht und seinen Vorgesetzten meldet, wenn sich die Polizei oder Angehörige einer verfeindeten Gruppe nähern. «Mein Bruder verdiente in einer Woche mehr als mein Vater vor seinem Verschwinden in einem Monat. Er war der Einzige der Familie, den die Nachbarn mit Respekt behandelten. Ich war damals dreizehn Jahre alt und bewunderte ihn.»

Das oberste Gesetz: die absolute Loyalität

Álvarez zieht sein Kreuz hervor und küsst es. Sein Bruder sei kurz vor dem zwanzigsten Geburtstag ermordet worden. «Er ruhe in Frieden.» Die Geste wirkt theatralisch, aber sie ist bezeichnend für die Mischung aus Todeskult und religiöser Inbrunst, die mexikanische Drogenkriminelle umtreibt. Nachdem eine Sondereinheit der Marine im Dezember 2009 den Boss des Beltrán-Leyva-Kartells, Arturo Beltrán-Leyva, erschossen hatte, fand sie in dessen Wohnung einen Hausaltar mit Marienstatuen und Heiligenbildchen. In Sinaloas Hauptstadt Culiacán gibt es eine Kultstätte zu Ehren des einstigen Banditen und heutigen Volksheiligen Jesús Malverde. Ihm bringen die Drogenverbrecher Geschenke dar, ihn bitten sie auf vergoldeten Plaketten und ungelenk vollgekritzelten Zetteln um Schutz.

«Es war mein Bruder, der mir zum ersten Mal Kokain gab, mich seinem Chef vorstellte und ebenfalls als Falke empfahl. Er half mir, zu dem zu werden, was ich heute bin», sagt Álvarez. Es klingt nicht bedauernd, sondern stolz. Nach einem Jahr als Späher erklomm er die nächste Hierarchiestufe, wurde zunächst Kleindealer im Quartier, in dem die Familie wohnte. Später, als er grössere Drogentransporte vom Hafen von Los Mochis ins Landesinnere begleitete, erhielt er seine erste Waffe. Irgendwann erfuhr sein Vorgesetzter, dass ein junger Kleindealer ab und zu etwas Geld oder Kokain unterschlug. «Er gab mir den Auftrag, ihn zu erschiessen.» Álvarez war siebzehn Jahre alt und wusste: Wenn er sich weigerte, würde er alles verlieren. Das Geld und den Respekt, der ihm so viel bedeutete, nachdem ihn seine eigenen Eltern stets wie einen Hund behandelt hatten. Die Komplizenschaft der anderen. Die Familie, zu der das Kartell für ihn geworden war. Vielleicht sogar sein Leben. «Ich sagte mir, dass der andere selber schuld war und nichts Besseres verdient hatte. Er wusste genau, was ihn erwarten würde, als er gegen das oberste Gesetz verstiess: die absolute Loyalität.»

Zwei bis drei Mordaufträge monatlich

Er habe mehr Kokain konsumiert als üblich und sei erstaunt gewesen, wie leicht es ging, erzählt Álvarez. Der knapp Sechzehnjährige kam kurz nach Mitternacht von der Geburtstagsparty eines Freundes nach Hause. Álvarez wartete mit zwei Komplizen in einem zuvor gestohlenen Auto, stieg aus, hob die Pistole, drückte ab. Was ihm von seinem ersten Mord am deutlichsten in Erinnerung blieb, war der vor Schreck weit geöffnete Mund seines Opfers, kurz bevor die Kugel in seine Stirne eindrang. Und der Schrei seiner Mutter oder Schwester, den Álvarez noch aus dem Hause gellen hörte, ehe er davonfuhr.

Höher stieg Álvarez innerhalb der Kartellhierarchie offensichtlich nicht. Vor fünf Jahren sandte man ihn nach Ciudad Juárez, wo er noch immer Dealer und Killer ist. Er erhält zwei bis drei Mordaufträge monatlich. Zumeist sind seine Opfer selber Kartellmitglieder, die gegen ein Gebot verstossen haben. Oder korrupte Polizisten, die sich nicht an Vereinbarungen hielten. Manchmal muss Álvarez auch deren Familie umbringen, um die abschreckende Wirkung auf all jene zu erhöhen, die ebenfalls mit dem Gedanken an Verrat spielen. Er erhält pro Mord zwischen 2000 und 15'000 Dollar, je nachdem, wie schwierig und gefährlich es ist, den Auftrag auszuführen. Befolgt er wirklich alle Anordnungen? «Ja, und manchmal nehme ich auch Aufträge an, die nichts mit dem Drogenkrieg zu tun haben. Wenn du mir in diesem Moment 2000 Dollar auf den Tisch legst und sagst, ich solle sie erschiessen, dann tue ich es.» Dabei deutet er auf die Fotografin, die ungläubig den Kopf schüttelt. Als sie sich kurz darauf eine Zigarette anzündet, zittern ihre Hände.

Das Leben, bedeutungslos

Tötet er auch Kinder? «Gott möge mir verzeihen, ja. Ich bin verheiratet und habe selber drei Kinder. Wenn ich mich weigern würde, einen Auftrag auszuführen, bei dem ich eine ganze Familie umbringen muss, brächte ich meine eigene Familie in Gefahr. Ich lebe in einer Welt, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Was kann man schon machen?» Töten sei nur schwierig, wenn man daran glaube, dass das Leben einen Wert besitze oder eine Bedeutung habe. Daran glaube er schon lange nicht mehr. Vielleicht habe er nie daran geglaubt.

«Was kann man schon machen?», ist Álvarez’ häufigster Satz. Er wisse, dass der Moment seines eigenen Todes vorherbestimmt sei und wahrscheinlich bald eintreten werde. Wenn er jemanden umbringe, dann achte er darauf, ihm vorher nicht in die Augen zu sehen. Er versuche, abzudrücken, während sich das Opfer noch in Schockstarre befinde. Wenn es beginne, zu schreien, um sein Leben zu flehen, von Frau und Kindern zu erzählen, dann komme es manchmal vor, dass er nachher etwas Ähnliches verspüre wie ein schlechtes Gewissen. Ein ungutes Gefühl, das er mit einer besonders hohen Dosis Kokain vertreiben müsse.

Der Albtraum aller Berufskiller

Es gebe ein Phänomen, von dem fast alle Killer erzählen, vor dem sie fast alle Angst hätten: «Manchmal kommt ein Ermordeter nachts zurück. Man wacht auf, und es ist, als wäre er physisch anwesend. Er geht einfach nicht mehr weg, starrt einen wortlos an. Jemand, der plötzlich im Schlafzimmer steht und den man nicht rauswerfen kann. Stattdessen macht man die Augen zu, aber man weiss, er ist immer noch da.»

Befürchtet Álvarez, der sich als gläubig bezeichnet und ständig das Kreuz küsst, nach dem Tode für seine irdischen Taten bestraft zu werden? Der Killer lacht. «Falls es die Hölle gibt, dann ist sie sicher nicht schlimmer als das da», sagt er und deutet mit dem Kinn nach draussen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2012, 06:39 Uhr

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