Missbrauch-Serie, Teil 3

Der Prozess, der nicht enden will

Eine unerträgliche Geschichte, Teil 3: Wie der Täter mit allen Mitteln versuchte, die beiden Frauen wieder zu Opfern zu machen und wie sie am Prozess beinahe zugrunde gingen.

Versteckte sich beschämt: Nach den Übergriffen konnte Yvonne ihrer Familie nicht gleich unter die Augen treten.

Versteckte sich beschämt: Nach den Übergriffen konnte Yvonne ihrer Familie nicht gleich unter die Augen treten. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Während der Prozess in die zweite Runde geht, arbeitet Yvonne* Vollzeit. Sie hat einen neuen Job in einer neuen Stadt, die ihr gefällt. Morgens um sechs aufstehen, mit Tram oder Auto zur Arbeit, bis spät in die Nacht im Büro. Dazwischen gibt es Einvernahmen, Gegenüberstellungen, Aussagen. Es werden bohrende Fragen gestellt: «Wann genau, an welchem Datum hat er Sie angefasst? Wie genau? Letztes Mal haben Sie gesagt, Sie erinnern sich nicht.» Emily steht unter Psychopharmaka und Beruhigungsmitteln, oft bringt sie die Ereignisse durcheinander. Manchmal erscheint sie gar nicht vor Gericht. Yvonne gibt immer wieder Antwort auf dieselben Fragen: «Warum haben Sie sich nicht gewehrt? Warum sind Sie wieder da hingegangen? Warum haben Ihre Eltern nichts gemerkt?»

Im Büro kennt niemand Yvonnes Vergangenheit. Sie weiss inzwischen, dass ihre Geschichte die Leute überfordert, weshalb sie lieber schweigt. «Ich wollte nicht, dass alle denken, ich sei ein Freak.» Bei den Aussagen vor Gericht sitzt Huber jeweils im Nebenraum, abgeschirmt von den Opfern. Doch dann steht er eines Morgens, an einem Donnerstag im Frühjahr 2008, vor dem Eingang ihres Arbeitsorts. Yvonne kommt vom Parkplatz her. An der Tür steht er, sagt nichts, starrt nur. Sie kennt diesen Blick, aber sie ist nicht mehr das Kind, das sie war. Sie rennt am Täter vorbei, zum Lift, auf die Toilette. Dort bricht sie zusammen. Zittert, erbricht sich, erleidet Blutungen. Später holt ihre Schwester sie ab. Yvonne informiert die Polizei. Die kann nichts tun: Solange kein rechtskräftiges Urteil vorliegt, ist Huber ein freier Mann. Und seine Rechtsmittel scheinen unerschöpflich.

Widersprüchliche Aussagen

Am Montag wählt Yvonne vorsichtshalber den Hintereingang. Von ihrem Bürofenster aus sieht sie wieder Huber am Eingang stehen. Sie greift zum Telefon und ruft dessen Anwalt an. Er solle Huber zurückpfeifen, sagt sie. Sonst könne sie für nichts garantieren. Sie denkt an das Jagdgewehr des Vaters.

Juristisch läuft alles korrekt, aber der Fall ist kompliziert, eine Verurteilung eher unwahrscheinlich, glaubt der Staatsanwalt. In akribischer Kleinarbeit wird vor Gericht nach der Wahrheit gesucht. «Wir haben einen gigantischen Aufwand getrieben», sagt der Staatsanwalt heute. «Wäre die prozessführende Staatsanwältin nicht so ungeheuer hartnäckig und pflichtbewusst gewesen, wäre es wohl kaum zu einer Verurteilung gekommen.» Eine der Hauptschwierigkeiten liegt darin, dass sich die Anschuldigungen der beiden Frauen kaum objektivieren lassen. Emilys Aussagen sind teilweise verworren, enthalten Widersprüche. Das weiss auch die Verteidigung. «Es gab keine zusammenhängende Sachverhaltsdarstellung», sagt der Verteidiger des Täters, der die Gruppenvergewaltigung stark anzweifelt. «Ich vermute, dass die beiden Frauen tatsächlich Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind, aber nicht in der beschriebenen Weise und nicht im unverjährten Bereich.»

Gutachten zur Glaubwürdigkeit

Er verlangt eine Tatortbegehung des Kellers, in dem die Gruppenvergewaltigung stattgefunden haben soll. Doch der Keller wurde inzwischen umgebaut. Er verlangt eine Befragung von Yvonnes Eltern, das Gericht lehnt ab. Stattdessen lässt es ein umfangreiches Glaubwürdigkeitsgutachten erstellen, 76 Seiten, sehr differenziert. Die Gutachter kommen zum Schluss, dass die Aussagen Emilys nur eingeschränkt als Beweismittel taugen, eine Folge der Missbräuche. Zusammen mit Yvonnes Aussagen aber sind sie insgesamt glaubwürdig.

2008 ist ein dunkles Jahr für Yvonne. Den Prozess anzugehen, war eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Nach dem Vorfall mit dem Täter wird sie schwer suizidal, kündigt die Arbeitsstelle. Im Vorfeld der Gerichtsverhandlung hat sie einen Brief an ihre Eltern und die Schwestern geschrieben, sie aufgeklärt, was ihr als Kind geschehen ist. Der Brief wirkt auf die Familie wie ein Erdbeben. Die Ehe der Eltern wird erschüttert, jeder macht dem anderen Vorwürfe. Warum hat die Mutter nicht aufgepasst? Warum hat der Vater sich nicht gekümmert? Wurde im Dorf nicht über den Täter gemunkelt? Weltbilder brechen zusammen. Nicht immer sind die Dinge so, wie sie scheinen. Warum nur hatte niemand etwas gemerkt?

Versteck in der Hundehütte

Nach den Übergriffen versteckte Yvonne sich jeweils zutiefst verschreckt in der Hundehütte, beschämt und verängstigt. Bis man ihr nichts mehr anmerkte. Niemand durfte etwas wissen, das wäre die Katastrophe. Sie wartete darauf, bis alles wieder normal wurde. Und irgendwann ging sie wieder spielen zu Emily. Bis der Täter wieder diesen komischen Blick bekam. «So abartig es tönt, irgendwann stellt sich ein Gefühl von Normalität ein», erklärt sie heute.

Im November 2008 nimmt das Schweizer Stimmvolk eine Initiative an, welche die Unverjährbarkeit von Sexualstraftaten an Kindern vorsieht. Der Entscheid ist knapp. Aber die Einsicht, dass Missbrauchopfer oft Jahre brauchen, bis sie über die Taten reden oder überhaupt in Betracht ziehen, juristisch gegen die Täter vorzugehen, setzt sich durch. An Yvonnes Prozess zeigen sich aber auch die Schwierigkeiten in der Umsetzung, der Beweisführung.

Das Urteil

22 Monate nach der Anklageerhebung fällt das Kantonsgericht im Juni 2009 sein Urteil: schuldig. Im Unterschied zum Kreisgericht anerkennt das Kantonsgericht aber nur drei Fälle von Vergewaltigung. Auch das Strafmass fällt geringer aus. Im Urteil heisst es zur Begründung: «Die Anklagebehörde hat es insbesondere unterlassen, gerade die schwersten Vorwürfe durch gezieltes Befragen der Opfer und Abklärungen bei Behörden und Ämtern verlässlich zeitlich festzulegen. Dadurch konnten mehrere, im Grundsatz als historische Ereignisse nachgewiesene Tathandlungen, darunter zwei Vergewaltigungen, nicht mehr zweifelsfrei den noch nicht verjährten Zeitabschnitten zugeordnet werden, weshalb in diesen Fällen nach den strafprozessualen Beweisregeln kein Schuldspruch erfolgen durfte.»

Das Recht auf Vergessen

Trotzdem hält das Gericht das schwere Verschulden Hubers fest. Einzig die Beinahe-Verjährung wirkt strafmildernd. Das sagt der Staatsanwalt auch heute noch: «Das Gericht hat sich an der Maximalstrafe orientiert, das ist für unseren Rechtsstaat eine sehr harte Strafe, so kurz vor der Verjährung. Immerhin haben wir den Grundsatz eines Rechts auf Vergessen.»

Ein Recht auf Vergessen hätten auch die Opfer gern. Doch kein Rechtsstaat kann ihnen zurückgeben, was sie verloren haben. Oder sie zumindest vor den Erinnerungen bewahren. Noch können die Frauen nicht abschliessen, noch immer sind die Rechtsmittel nicht ausgeschöpft. Huber geht vor Bundesgericht. Zweieinhalb Jahre nach der Anklageerhebung heisst das Bundesgericht im März 2010 die Beschwerde gegen das zweite Urteil teilweise gut. Das Kantonsgericht muss den Fall erneut bearbeiten. Wieder vergeht ein Jahr. Im Juli 2011 bestätigt das Kantonsgericht sein früheres Urteil, spricht den Täter schuldig, verurteilt ihn zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren, verpflichtet ihn zu Schadenersatz- und Genugtuungszahlungen und zur Übernahme der Prozesskosten. Auch gegen dieses Urteil legt der Angeklagte Beschwerde ein.


* Alle Namen geändert.

Erstellt: 25.01.2013, 08:16 Uhr

Serie
Der entkommene Kinderschänder

Der «Tages-Anzeiger» berichtet in einer vierteiligen Serie von einem schockierenden Fall von Kindesmissbrauch. Der Täter, rechtskräftig verurteilt, konnte sich vor Strafantritt ins Ausland absetzen.

Der erste Teil: Wie ein zusammengeflickter Zombie.

Der zweite Teil: Ein extrem anspruchsvoller Fall.

Lesen Sie morgen Tei vier: Wie die Opfer recht bekamen und es dem Täter trotzdem gelang zu entkommen.

Artikel zum Thema

Wie ein zusammengeflickter Zombie

Serie Zwei Frauen wurden als Kinder jahrelang missbraucht. Nach 14 Jahren gingen sie vor Gericht. Sechs Jahre prozessierten sie und bekamen recht. Trotzdem entkam der Kinderschänder. Der Auftakt zu einer vierteiligen Serie. Mehr...

Ein extrem anspruchsvoller Fall

Missbrauch-Serie Eine unerträgliche Geschichte, Teil 2: Wie beweist man Taten, für die es keine objektiven Beweise mehr gibt? Mehr...

Dann verschwand der Kinderschänder

Missbrauch-Serie, Teil 4 Eine unerträgliche Geschichte, Teil 4: Nach sechs Jahren Prozess erhalten die Opfer des Vergewaltigers endlich recht, der Mann wird verurteilt. Im Gefängnis sitzt er bis heute nicht. Wie konnte das passieren? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Blogs

Sweet Home Trost aus der Pfanne

Mamablog Es gibt nicht nur Heteros!

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Stars and Stripes: Während einer Zusammenkunft von US-Kriegsveteranen in Louisville hört sich ein junger Besucher mit patriotischem Anzug die Rede von Präsident Trump an. (21. August 2019)
(Bild: Kevin Lamarque) Mehr...