Hintergrund

Der Sonderling von Brülisau

Sepp Manser lebt 40 Jahre als Waldmensch in einer Hütte, er stirbt mit 80, vergangene Woche wird seine Leiche gefunden. Einer seiner Brüder erzählt die tragische Familiengeschichte, die dahintersteht.

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«40 Jahre Terror ist viel zu viel du Schwein». Die Sprayerei ist das Erste, was den Polizisten auffällt, als sie am Abend des 14.?August den Flurweg oberhalb von Brülisau im Kanton Appenzell Innerrhoden verlassen und in den Wald eindringen.

Der Satz steht auf der Mauer einer Unterkunft mitten im Wald, die mit einem Wellblechdach geschützt ist. Die Polizisten müssen Stacheldraht entfernen, dicke Schlösser aufknacken und eine massive Tür aufbrechen. Erst dann gelangen sie ins Haus.

100 Kilogramm Sprengstoff

Dort finden sie die Leiche eines Mannes, der schon mehrere Wochen tot ist. In einer bunkerähnlichen Anlage neben dem Haus, ebenfalls mit Wellblech ab­gedeckt, liegen 100?Kilogramm Sprengstoff.

Eine Woche später verschickt die Polizei eine Mitteilung: Beim Toten handle es sich um einen 80-Jährigen, der seit Jahrzehnten in der illegal erstellten Unterkunft gelebt habe. Der Mann habe in Brülisau zudem einen Keller gemietet gehabt, wo man Pistolen und Karabiner gefunden habe. Er sei eines natürlichen Todes gestorben.

Damit ist der Fall für die Polizei abgeschlossen. Auch in den Dörfern unterhalb des Hohen Kastens, einem beliebten Wandergebiet, möchten sich die wenigsten mit dem Toten beschäftigen. Der Mesmer der Kirche in Brülisau sagt: «Für Zürcher ist das schwer verständlich. Aber wir hier lassen die Toten ruhen und wühlen nicht in ihrer Vergangenheit.» Dann legt er den Hörer auf.

Manser hatte nie Besuch

Im Dorf war allen sofort klar, dass es sich beim Verstorbenen um Sepp Manser handelt. Man kannte ihn in der ganzen Region, bis hinab in den Kantonshauptort Appenzell. Und alle wussten, dass er im Wald lebte.

Vor vier Jahren zeigte ein Foto im «Appenzeller Volksfreund» Mansers Unterkunft. Der Kanton hatte damals dazu aufgerufen, illegale Bauten zu melden. Die Behörde schrieb Sepps Bruder Franz an, zu dessen Grundstück die Waldparzelle gehört. Franz wohnt nur 100?Meter entfernt auf einem Bauernhof. Er schrieb zurück: «Das geht mich nichts an. Fragt meinen Bruder.» Dann passierte nichts mehr.

Sepp Manser hatte die Unterkunft etappenweise und über die Jahre hinweg errichtet: zunächst die Mauern des Hauses, dann einen Liftschacht, schliesslich das Dach. Alles ohne Hilfe und ohne ­Bewilligung. Auf dem Dach befestigte er ein Windrad, das an einen Transformator angeschlossen war und Strom produzierte. Im Haus stand ein Diesel­aggregat. Das Heizöl transportierte er mit seinem Subaru Kombi. Im Bunker hortete er neben dem Sprengstoff auch Werkzeug, Traktorenteile, Maschinen, Fahrzeug­räder, Autoteile.

Sepp Manser hatte nie Besuch. Er wünschte auch keinen – vor allem nicht von seinem Bruder Franz.

«Ein flotter Mann»

Im Restaurant Schäfli in Steinegg bei ­Appenzell ist die Wirtin Esther Inauen seit Tagen damit beschäftigt, Medienleute abzuwimmeln. Schnell hat sich bis St. Gallen und Zürich herumgesprochen, dass Sepp Manser fast täglich dort zu Gast war. Darum gehen Journalisten auf Recherche zuerst dorthin.

Esther Inauen, eine liebenswürdige Mittfünfzigerin, will eigentlich nichts ­sagen. Nach dem Mittagessen, zu dem eine feine Broccolicremesuppe und anschliessend ein hervorragender Schüblig mit Kartoffelsalat serviert wird, lässt sie sich doch erweichen.

«Sepp war ein flotter Mann. Kein Waldmensch, wie Ihr Journalisten schreibt», sagt sie. Er habe oft im Schäfli zu Mittag gegessen – und immer bezahlt.

Hier holte er auch die Kaffeemaschinen ab, die ihm die Leute zum Reparieren gaben. Sepp Manser galt in der ­Region als derjenige, der eine Kaffee­maschine auch dann noch zum Laufen brachte, wenn Fachleute sie längst aufgegeben hatten. Er flickte sie in seinem Keller in Brülisau oder in seiner Unterkunft im Wald, brachte sie ins Schäfli ­zurück und nahm von Esther Inauen das Geld entgegen, das die Kunden hinterlassen hatten.

Stammtisch als Familienersatz

So verdiente er sich einen Zustupf zu seiner AHV, die an sein Postfach nach Brülisau geschickt wurde. Sepp Manser hatte sich ein Leben lang als Allrounder durchgeschlagen. Er arbeitete als Elektriker und Mechaniker für verschiedene Firmen. Lange Zeit war er für den Fuhrpark eines Baugeschäfts verantwortlich gewesen.

Der Stammtisch im Schäfli war für Sepp Manser ein Familienersatz. Wenn der Winter einmal gar streng war, übernachtete er dort. Man hörte sich seine Klagen über den Bruder Franz geduldig an. Auch Franz Manser verkehrte im Schäfli. Doch wenn er Sepps Auto auf dem Parkplatz sah, kam er nicht herein.

«Warum lebte Sepp Manser im Wald?» Esther Inauen blickt auf den Boden und sagt: «Bei uns sind ungewöhnliche ­Lebensformen noch möglich.» Und fügt an, dass sie nicht zu viel Privates über Sepp erzählen wolle. Im Bezirk Rüte, zu dem das Dorf Brülisau gehört, wohnen 3300 Menschen. Hier kennt fast jeder ­jeden – deshalb will man nicht über ­andere in der Öffentlichkeit reden.

«Konnte sehr wütend werden»

Auf mein Bitten ruft Esther Inauen jenen Bruder Sepp Mansers an, mit dem er am meisten Kontakt hatte. Toni wohnt allein in seinem Haus in Weissbad. Er ist ein kleiner, rundlicher Mann mit einem warmen Lächeln. Toni sagt, er müsse nachher den Rasen mähen. Aber etwas Zeit habe er. Dann nimmt er sich viel Zeit und erzählt die Geschichte der Familie.

Die Mansers waren eine Bauernfamilie mit elf Kindern. Die fünf Schwestern zogen nach der Heirat weg: drei in den Jura, eine ins Tessin, eine nach Italien. Die sechs Brüder blieben in der Region. Zwei waren bis zur Pensionierung Wirte, einer arbeitete im Spital. Toni, der drittjüngste, war Chauffeur von Viehtransportern. Franz bekam den Hof. Sepp, der Älteste, hatte keinen Beruf erlernt.

«Warum lebte er sein halbes Leben im Wald?» Toni zuckt zunächst mit den Schultern. Dann sagt er bestimmt: «Man durfte ihn nicht zu viel fragen. Sepp konnte sehr wütend werden.»

Sepp Manser war ein Töffliliebhaber. Er besass bis zuletzt eine Honda 125?cm3, auf der er mit Freunden in die Ferien nach Italien fuhr. Als Bub wollte er ­Motocrossfahrer werden. Doch das verbot ihm der Vater. Die Grossfamilie lebte bescheiden, deshalb mussten die Kinder Geld verdienen. Allen voran Sepp als ­Ältester, der als Knecht bei andern Bauern für ein paar Franken arbeitete.

Dort kam er mit Sprengstoff in Kontakt. Zu den Aufgaben des Knechts gehörte es unter anderem, Baumstrünke wegzusprengen. Dass Bauern Sprengstoff besassen, war in der Region bis noch vor wenigen Jahren nichts Ungewöhnliches, sagt einer, der nicht namentlich genannt werden will. Deshalb war auch die Polizei nicht beunruhigt, als sie im Wald den Sprengstoff fand. Ein Sprecher sagt, das Material sei Jahrzehnte alt. Zudem habe es Sepp Manser fachmännisch gelagert: den Sprengstoff getrennt von den Sprengmitteln, sodass nichts passieren konnte. Heute wird in Appenzell Innerrhoden allerdings kaum mehr Sprengstoff gebraucht: Die Gesetze sind strenger, und die Stockfräse macht es möglich, Baumstrünke ohne Knall zu entfernen.

Und die Waffen? Fast jeder Appenzeller sei Füsilier gewesen und habe seinen Karabiner unter dem Bett gehabt. Wahrscheinlich habe Sepp Manser einigen Leuten Waffen abgekauft, als der Kanton begonnen habe, diese einzusammeln, so der anonyme Informant.

Toni Manser sagt, sein Bruder habe Ende der 60er-Jahre ein Töffgeschäft in Appenzell eröffnet. Doch der Laden läuft nicht gut, er muss ihn nach wenigen Jahren wieder aufgeben. In die gleiche Zeit fällt die Scheidung von seiner Frau, mit der er einen Sohn hat. Sie zieht daraufhin mit dem 4-Jährigen in die ­Innerschweiz, Sepp Manser in den Wald. 25?Jahre hat er keinen Kontakt zu seinem Sohn. Die beiden werden auch später nicht warm miteinander.

Toni Manser erzählt die Geschichte so ruhig und distanziert, als handle es sich nicht um seine Familie, sondern um ­irgendwelche Leute. Doch wenn er auf Bruder Franz zu sprechen kommt, verwirft er die Hände. Dessen Namen erwähnt er kein einziges Mal. Bruder Franz ist einfach «der andere».

Er fühlte sich ausgenützt

«Der andere» habe sich später mit Sepp zerstritten, sagt Toni. Sepp habe wiederholt auf dem Bauernhof ausgeholfen, immer wieder Maschinen geflickt und sich dabei ausgenützt gefühlt. Gegenüber dem TA war Franz Manser nicht bereit, dazu Stellung zu nehmen.

Sepp habe mitansehen müssen, wie Franz alles bekam, sagt Toni. Zunächst den Hof, obwohl Sepp der Älteste war. Später, nachdem ein Föhnsturm das Dach weggerissen hatte, liess Franz das ­Elternhaus niederreissen und ein neues bauen. Der Bund finanzierte es zu 80?Prozent, den Rest des Geldes gab der Kanton als zinsloses Darlehen.

Ende der 80er-Jahre kommt es zum Bruch zwischen den beiden Brüdern. Nach dem Tod der Mutter – der Vater ist früher im Pflegeheim in Appenzell verstorben – will Sepp ins Elternhaus zurückkehren. Doch Franz ist ­dagegen. «Das hat ihn tief verletzt», sagt Toni.

Ein paar Jahre darauf findet Sepp die Scheiben seines alten Mercedes ein­geschlagen vor. Die Benzinkanister, in denen er das Heizöl für sein Dieselaggregat transportierte, sind verschwunden. Später sieht er sie vor der Scheune des Hofes seines Bruders liegen – und ­beschliesst, sein Waldhaus mit einem Stacheldraht zu umzäunen.

«40 Jahre Terror ist viel zu viel du Schwein». Sepp muss den Satz irgendwann in diesem Jahr auf seine Hausmauer gesprayt haben, sozusagen zum Jubiläum seines Einzugs in den Wald. Er hätte es Franz auch direkt ins Gesicht ­sagen können und dafür nur 100 Meter weit laufen müssen. Doch die beiden, die sich häufig, manchmal sogar täglich sahen, wechselten kein Wort mitein­ander.

Heute Freitag wird Sepp Manser in Brülisau beerdigt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten werden sich die Geschwister wieder einmal treffen. Mit Ausnahme der Schwester, die in Italien lebt. Toni sagt, er habe gehört, dass auch «der andere» nicht an die Beerdigung kommen werde. Das sei besser so.

Erstellt: 24.08.2012, 08:12 Uhr

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