Der Tod des «King of Pop» wird zum Prozessspektakel

Der Prozess gegen Michael Jacksons Leibarzt Conrad Murray kommt live im Fernsehen. Vor Gericht sollen zwei Kinder von Jackson aussagen und Fotos des toten «King of Pop» gezeigt werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Vorwürfe gegen Conrad Murray wiegen schwer. Dem 58-jährigen Arzt wirft die Staatsanwaltschaft vor, er habe fahrlässig gehandelt, als er Michael Jackson in der Nacht auf den 25. Juni 2009 in dessen Schlafzimmer eine tödliche Dosis des Anästhetikums Propofol verabreicht habe. Zudem habe Jacksons Leibarzt nicht über die richtige Ausrüstung für eine Wiederbelebung verfügt. Seit heute Dienstag versucht ein Gericht in Los Angeles zu klären, ob Murray Schuld am Tod des «King of Pop» trägt.

Der rund fünf Wochen dauernde Prozess wird live im amerikanischen Fernsehen und im Internet übertragen. Allerdings sollen die Geschworenen selbst nicht zu sehen sein. «Zu keiner Zeit werden Geschworene fotografiert, gefilmt und anderswie abgebildet», sagte Richter Michael Pastor zu den Ausgewählten. «Wir nehmen Ihre Privatsphäre sehr ernst.» US-Medienberichten zufolge werden unter anderem Autopsie-Fotos des toten Popstars gezeigt. Ausserdem sollen zwei der drei Kinder von Jackson, der 14-jährige Prince und die 13-jährige Paris, vor Gericht auftreten. Zum Prozess in Los Angeles werden auch Jacksons Eltern und viele seiner Geschwister erwartet. Am Montagabend parkten bereits 15 Übertragungswagen in der Nähe des Gerichts.

Heftige Kontroverse um Freispruch von Football-Star O.J. Simpson

Der Prozess sollte ursprünglich schon im Mai beginnen, Murrays Anwälte hatten aber einen Aufschub verlangt, weil sie nach eigenen Angaben mehr Zeit für die Vorbereitung auf das Verfahren benötigten. Prozessbeobachter rechnen mit einem nie dagewesenen Interesse der Öffentlichkeit. Und sie zogen Vergleiche zum spektakulären Mordprozess gegen den früheren US-Footballstar O.J. Simpson Mitte der Neunziger Jahre.

In der Tat: Der Fall von O.J. Simpson hatte mehr als ein Jahr lang die USA in Atem gehalten. Millionen Amerikaner verfolgten das Drama des schwarzen Aufsteigers, der aus Eifersucht seine Ex-Frau Nicole Brown und ihren Bekannten Ron Goldman ermordet haben soll. Das Geschworenengremium, dessen Zusammensetzung sich während des Indizienprozesses mehrfach änderte, verfolgte insgesamt 126 Zeugenaussagen und nahm 857 Beweisstücke zur Kenntnis. Danach folgte es dem Antrag der Verteidigung, die Simpson als Opfer einer rassistischen Verschwörung dargestellt hatte. Schliesslich wurde Simpson am 3. Oktober 1995 freigesprochen. Der Freispruch Simpsons war Anlass für heftige Kritik am amerikanischen Justizsystem. Dabei wurde insbesondere die Tauglichkeit von Laien als Mitglieder eines Gerichts in Frage gestellt.

Mittlerweile verbüsst der frühere Football-Star eine Freiheitsstrafe in einem Gefängnis in Nevada. Nach einem bewaffneten Raubüberfall in Las Vegas im September 2007 wurde Simpson zu einer Haftstrafe von mindestens neun Jahren verurteilt.

Verteidigung: Jackson verabreichte sich selber Überdosis Propofol

Das Riesenspektakel im Fall O.J. Simpson dürfte sich wiederholen im Prozess um den Tod von Michael Jackson, der diesen Morgen in Los Angeles begonnen hat. Die Staatsanwaltschaft wird zunächst Jacksons Choreografen Kenny Ortega in den Zeugenstand rufen. Ortega und weitere Zeugen, unter anderen Wachleute, Sanitäter und Notärzte, sollen den Geschworenen Auskunft über die letzten Tage und Stunden Jacksons geben. Zum ersten Mal dürfte die Öffentlichkeit auch Murrays Version der Ereignisse am Todestag in dessen eigenen Worten hören.

Die Verteidigung wird auf Freispruch plädieren. Der medikamentenabhängige «King of Pop» habe sich selber eine Extradosis des Narkosemittels verabreicht, behauptet Murrays Anwälte-Team um Edward Chernoff, wie die «Los Angeles Times» berichtet. Jackson sei es sehr schlecht gegangen, betont die Verteidigung. Die Rede ist von finanziellen Problemen, vom Druck, wieder auf Tournee zu gehen, und von Ängsten vor dem Comeback. Murrays Anwälte haben diverse Theorien ins Spiel gebracht, nach denen sich Jackson die tödliche Dosis selbst verabreicht haben könnte. Der Arzt hätte ihm nie etwas gegeben, was ihn getötet hätte.

Die Hälfte der Geschworenen sollen Jackson-Fans sein

Die zwölf Geschworenen, die letztlich das entscheidende Wort haben, wurden unter 74 Kandidaten so ausgesucht, dass sie einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft bilden. Unter den Geschworenen, die anonym bleiben, sind nach Justizangaben sechs Weisse, fünf Amerikaner hispanischer Herkunft und ein Afroamerikaner. Ihr Bildungsniveau reicht vom einfachen High School-Abschluss bis zum Master. Die Hälfte der Geschworenen seien Jackson-Fans, hiess es.

Der Prozess wirft auch ein Schlaglicht auf das Privatleben eines Superstars, der sich von der Öffentlichkeit abzuschotten versuchte. In jenem Sommer 2009 stand der 50-jährige Jackson kurz vor der Rückkehr auf die Bühne, nachdem seine Karriere in den Jahren zuvor von finanziellen und juristischen Problemen und vor allem von künstlerischem Niedergang gekennzeichnet war. Die gross angekündigte Konzertreihe «This is it» in London sollte die schwarze Serie beenden und an die früheren Erfolge des «Moonwalk»-Erfinders anknüpfen.

Der «King of Pop» musste sich 2005 vor Gericht verantworten

Ein Tiefpunkt im Leben des «King of Pop» war vor über sechs Jahren ein Prozess, bei dem er selbst angeklagt gewesen war. Jackson wurde vorgeworfen, im Frühjahr 2003 einen 13-jährigen Jungen sexuell missbraucht und ihm Alkohol gegeben zu haben. Ausserdem soll Jackson die Familie des Jugendlichen unter Druck gesetzt und quasi gefangen gehalten haben. Im Falle eines Schuldspruchs hätten dem Popstar bis zu 20 Jahre Haft gedroht.

Das Geschworenengericht in Santa Maria sprach Jackson im Juni 2005 vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen frei. Das Gericht befand ihn auch in allen anderen neun Anklagepunkten für nicht schuldig.

Mit Material der Nachrichtenagenturen sda, dapd und afp. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2011, 18:19 Uhr

Der Prozess hat begonen

Der Prozess gegen Michael Jacksons früheren Leibarzt ist in Los Angeles eröffnet worden. Der Herzspezialist Conrad Murray ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Unter seiner Obhut war Jackson am 25. Juni 2009 im Alter von 50 Jahren an einer Überdosis des Narkosemittels Propofol gestorben, dessen Wirkung durch Schlaf- und Beruhigungsmittel noch verstärkt wurde.

Jacksons Eltern Joe und Katherine sowie mehrere Geschwister des Popstars waren zur Prozesseröffnung am Dienstagvormittag (Ortszeit) im Gerichtssaal. Vor dem Gebäude drängten sich Schaulustige und eine grosse Schar von Reportern. Auf Plakaten und mit lauten Rufen forderten Jackson-Fans «Gerechtigkeit für Michael».

Nach den Eröffnungsplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung wurden erste Zeugenaussagen erwartet. Das Verfahren vor einer Jury von sieben Männern und fünf Frauen soll rund einen Monat dauern. Im Falle eines Schuldspruchs drohen dem 58-jährigen Mediziner bis zu vier Jahre Haft.

Artikel zum Thema

Letzter Akt im Drama um den King of Pop

Mit dem Prozess gegen Conrad Murray wird das rätselhafte Ableben von Michael Jackson nochmals aufgerollt. Die Anklage wies bereits im Vorfeld auf die charakterlichen Schwächen des Arztes hin. Mehr...

Ein Arzt mit Geltungsdrang

Unter den Händen von Conrad Murray starb Michael Jackson vor fast zwei Jahren. Popstar und Kardiologe haben viel gemeinsam: Schwere Jugend, Geldprobleme, Liebeswirren. Ende Monat steht Murray vor Gericht. Mehr...

Jacksons Arzt plädiert auf nicht schuldig

Er habe keine Fehler begannen, betonte Conrad Murray bei einer Anhörung vor Gericht. Der eigentliche Prozess gegen ihn beginnt im März. Dem Arzt droht eine Strafe von bis zu vier Jahren. Mehr...

(Quelle: Reuters)

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Mamablog «Papa, darf ich etwas Süsses?»

Geldblog Wertschriften brauchen Sitzfleisch

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...