Der falsche Tote im Grab – Bestatter vertauscht Leiche

Im Wallis hat ein Bestatter den falschen Toten aus der Leichenhalle geholt. Als der Fehler bemerkt wurde, war die Beerdigung bereits vorüber.

Trauern am falschen Grab: Bei der Herausgabe von Leichen kontrolliert niemand. (Archivbild)

Trauern am falschen Grab: Bei der Herausgabe von Leichen kontrolliert niemand. (Archivbild) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Seit 40 Jahren ist Eric Pagliotti Leichenbestatter in Martigny. Doch so etwas habe er noch nie erlebt, erzählt Pagliotti. Am Dienstag, den 12. Juli, wollte er in Sitten den Leichnam eines 48-jährigen Mannes abholen, der im Zentralinstitut der Spitäler einer Autopsie unterzogen worden war. Zwar lag in der Kühlhalle der Leichnam eines anderen Mannes — ebenfalls 48-jährig gestorben und ebenfalls aus Martigny. Doch Pagliottis Leiche war nicht da. Da Totenauferstehungen auch im Wallis selten sind, alarmierte Pagliotti die Polizei.

Diese klärte den Fall rasch auf. Noch gleichentags stand fest, dass Pagliottis Leichnam tags zuvor von einem anderen Bestatter aus Martigny abgeholt worden war. Der andere Bestatter hatte die Leichen verwechselt. Eigentlich, sagen alle involvierten Stellen, das sei gar nicht möglich. Die Leichenboxen im «Frigo», wie die Bestatter die Kühlhalle nennen, seien zweifelsfrei beschriftet. Allerdings wird die Herausgabe der Leichen in Sitten offenbar von niemandem kontrolliert. Man vertraut darauf, dass die Bestatter die richtige nehmen.

Messe für den Falschen

Als der Fehler ans Licht kam, war Pagliottis Leiche bereits bestattet. Ein Priester hatte am Tag zuvor für den falschen Toten die Messe gelesen, die falsche Familie hatte auf dem Friedhof Martigny Abschied genommen, das Grab war zugeschüttet.

Es war Pagliotti, der die Familie des Bestatteten darüber orientieren musste, dass ihr Sohn bereits unter falschem Namen auf dem Friedhof lag. «Als ich die Nachricht erhielt, konnte ich mich 45 Minuten lang nicht mehr bewegen», erzählte der Vater der Zeitung «Le Nouvelliste», die den Fall publik gemacht hat. Die Kantonsbehörden ordneten umgehend die Exhumierung an.

Am Donnerstag, drei Tage nach der ersten Beerdingung, wurde für Pagliottis Leichnam zum zweiten Mal die Messe gelesen – diesmal unter richtigem Namen, mit der richtigen Trauergemeinde. Die andere Familie, die bereits eine Abdankung hinter sich hatte, beschränkte sich im zweiten Anlauf auf eine Segnung. Die Trauerfamilie habe nicht mehr die Kraft gehabt, eine zweite Beerdigung durchzustehen, schreibt «Le Nouvelliste».

Bestatter unter Verdacht

Bei der Pfarrei Martigny will man um die Sache nicht viel Aufhebens machen. Beide Toten hätten eine Messe bekommen, der Leichnam sei umgebettet, die Sache sei erledigt, sagt ein Priester am Telefon. Auch bei den Bestattern sieht man keinen Handlungsbedarf. «Es war ganz einfach ein Fehler, das ist alles», sagt Patrick Quarroz, Präsident der Walliser Bestattungsdienste.

Für Unmut sorgt die Sache jedoch bei den Leichenbestattern von Martigny. Weil «Le Nouvelliste» in seinem Bericht die Namen der involvierten Firmen nicht nannte, stehen jetzt alle Bestatter unter Verdacht. Pagliotti schaltete deshalb in der heutigen Ausgabe zusammen mit zwei Berufskollegen eine Anzeige, in der sie den betroffenen Trauerfamilien ihr Mitgefühl ausdrücken und klarstellen, dass sie mit der Leichenverwechslung nichts zu tun hätten.

Der Bestatter, der die falsche Leiche beerdigte, sagte am Telefon: «Ich bin in den Ferien» – und legte den Hörer auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 19:25 Uhr

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