Der grösste Justiz-Thriller der Nachkriegszeit

In Frankreich steht derzeit André Bamberski vor Gericht. Er liess den Mann entführen, der seine Tochter tötete. Ins Gefängnis muss er kaum.

«Kann man einen Menschen verurteilen, der es der Justiz ermöglichte, ihre Aufgabe wahrzunehmen?»: André Bamberski vor Gericht. (22. Mai 2014)

«Kann man einen Menschen verurteilen, der es der Justiz ermöglichte, ihre Aufgabe wahrzunehmen?»: André Bamberski vor Gericht. (22. Mai 2014) Bild: AFP

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André Bamberski lächelte verschmitzt von der Anklagebank. Der 76-Jährige befand sich gestern im Palais de Justice von Mulhouse vor Gericht. Ihm drohte eine mehrjährige Haftstrafe wegen Entführung, Freiheitsberaubung, Körperverletzung und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Trotzdem sah der Franzose nicht niedergeschlagen aus. Sein Gesicht strahlte eine tiefe Zufriedenheit aus. Sein Jahrzehnte dauernder Kampf hatte sich am Ende gelohnt, er hatte bekommen, was er wollte. Und jetzt fühlt er eine innere Genugtuung, die offensichtlich grösser war als die Furcht, ­hinter Gitter zu müssen.

Vor dem Richter gab Bamberski zu, «die Entscheidung zur Entführung getroffen zu haben» und der Kopf der Gruppe gewesen zu sein. Den Elsässer Richtern erklärte Bamberski, die Behörden hätten nichts gemacht, und Dieter Krombach, den er seit 30 Jahren für den Mörder seiner Tochter hält, sei davor gestanden, nach Ruanda auszuwandern. Damit drohte, dass Krombach niemals der französischen Justiz zugeführt würde. Ausserdem wäre das Delikt 2015 verjährt. «Ich hatte Panik, ich hatte so was von genug, ich habe meinen Kopf ver­loren», sagte Bamberski den Richtern.

Genugtuung nach drei Jahrzehnten

Doch richtige Reue klingt anders, und diese wird Bamberski ohnehin nie zeigen. Zu überzeugt ist er davon, im Sinne einer höheren, menschlichen Gerechtigkeit vorgegangen zu sein. «Ich stehe dazu und schäme mich nur, dass ich nicht den Mut hatte, selber zu handeln», sagte er in einem Interview mit France 2.

Statt Bamberski fuhren zwei Gehilfen nach Deutschland und erledigten die Entführung. Ein Kosovare und ein Georgier packten Dieter Krombach am 17. Oktober 2009 in Deutschland und brachten ihn nach Mulhouse, wo sie ihn gefesselt, geknebelt und mit Verletzungen im Gesicht vor einem Gebäude zurückliessen. Die Polizei fand rasch heraus, dass es sich um den Deutschen handelt, dem die französische Justiz wegen der Vorfälle vor fast drei Jahrzehnten gerne den Prozess machen würde – und klagte ihn an. Am 22. Oktober 2011 verurteilten Pariser Richter Krombach wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 15 Jahren Gefängnis. Dieses Urteil wurde 2012 nach einem Berufungsverfahren bestätigt.

Todesursache nie genau geklärt

Der wohl grösste Justiz-Thriller der europäischen Nachkriegszeit begann 1982. Damals lebte Bamberskis 14-jährige Tochter Kalinka in Lindau am Bodensee. Ihre Mutter hatte in zweiter Ehe den deutschen Arzt Dieter Krombach geheiratet. Am Abend des 9. Juli kommt Kalinka vom Schwimmen und Surfen zurück – am nächsten Morgen ist sie tot. Erbrochenes steckt in ihrem Hals, und sie hat Einstichstellen im Arm. Irgendwann zwischen drei und vier Uhr morgens war sie gestorben.

Was genau mit Kalinka geschehen und woran sie gestorben ist, wurde von offizieller Seite her nie einwandfrei geklärt. Für die Einstiche tischte Krombach unterschiedliche Versionen auf. Einmal war das Mädchen sehr erschöpft gewesen und hatte an einer Anämie gelitten, ein anderes Mal soll sie mit ihrer Bräune nicht zufrieden gewesen sein. In beiden Fällen habe er ihr ein Eisenpräparat gespritzt und dann erst am nächsten Morgen nach ihr gesehen.

Keine richtige Obduktion

Eine Obduktion, welche diesen Namen wirklich verdient hätte, gab es nie. Als am 17. August 1982 die Akte Kalinka geschlossen wurde, hiess es, die genaue Todesursache sei nicht mehr zu ermitteln. Der Vater liess darauf vom Pharmakologen Peter Schönhofer ein Gutachten erstellen. Das Resultat nährte das Misstrauen von Bamberski. Schönhofer schrieb, dass das Mädchen möglicherweise an dem von Krombach verabreichten Eisenpräparat gestorben ist. Und er stellte die intravenöse Verabreichung von Eisen infrage. Vor allem war die Geschichte, dass das Mittel die Hautbräunung beschleunigen soll, ein Märchen.

Krombachs Aussagen bekamen immer mehr Löcher. In einer Aussage wollte er erst am Morgen den leblosen Zustand des Mädchens festgestellt und sofort damit begonnen haben, sie zu reanimieren. Unter anderem mit einem Mittel, das er ihr spritzte. Ärzte kritisierten hier Krombach grundsätzlich. Denn hätte der Arzt die Regeln der Kunst eingehalten, so hätte er bei einer Injektion dieses Mittels das Mädchen überwachen müssen. Das Medikament galt als nicht ungefährlich, es konnte zu Nebenwirkungen wie Atemstillstand oder Herzversagen kommen.

Eine weitere Bestätigung für sein Misstrauen fand André Bamberski aber im Obduktionsbericht selbst: Dort stand, dass der Leichnam des Mädchen im Bereich der Genitalien eine einen Zentimeter lange Wunde mit Blut aufgewiesen hatte. Trotz all den Widersprüchen und offenen Fragen stellten die deutschen Behörden das Verfahren nach vier Jahren wegen ungenügenden Tatverdachts ein. Dass ausgerechnet ein mit Krombach befreundeter Arzt die erste Kurzobduktion durchgeführt hatte und dass Krombach im Laufe einer Befragung plötzlich auch sagte, er habe dem Mädchen noch ein Beruhigungsmittel gespritzt, schien die Ermittler nicht hellhörig zu machen.

Der Leiche fehlten die Geschlechtsteile

Kalinka wurde in Frankreich begraben. Doch damit begann die Geschichte erst richtig. Es war nicht nur das schmerzende Herz eines Vaters, das Bamberski antrieb und nicht ruhen liess, sondern auch der Wunsch nach Gerechtigkeit. Er war davon überzeugt: Dieter Krombach hatte seine Tochter vergewaltigt und danach getötet – und dafür soll er verurteilt werden.

Fortan begann Bamberski, viele eingeschriebene Briefe zu schreiben. Bis 2014 sollten es Hunderte werden. Für ihn sei das keine Obsession gewesen, sagte Bamberski kürzlich. «Für mich waren es Gebete und Fürbitten.» Mittlerweile ist das ganze ehemalige Zimmer von Kalinka voll mit Dokumenten.

Mit viel Hoffnung verfolgte Bamberski 1985, wie seine Tochter zwanzig Tage vor Weihnachten exhumiert wurde. Die Leiche wies keine Geschlechtsteile mehr auf, und für eine feingewebliche Untersuchung war es zu spät. In der ersten Obduktion hätten allenfalls noch Spuren von anderen Flüssigkeiten – zum Beispiel Sperma – am Körper von Kalinka festgestellt werden können. Aber aus unbekannten Gründen hatte das der Arzt damals nicht getan. Für Bamberski waren die Genitalteile der Tochter nicht einfach verwest, sondern Krombach oder sein befreundeter Arzt hatten sie bewusst entfernt, um Spuren zu verwischen.

Patientin missbraucht

Im Jahr 1995 überzeugte der Vater ein Pariser Schwurgericht von der Tat und den Widersprüchen in den Aussagen. Krombach wurde in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt – ein Urteil, das später vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wieder aufgehoben wurde. Nicht nur, dass Krombach wieder als unbescholtener Arzt galt, Bamberski wurde sogar zu einer Zahlung von 100'000 französischen Francs verurteilt, weil Krombachs Anwalt nicht angehört worden sei.

Dann, als alles verloren schien, wendete sich der Plot wie in einem Thriller erneut. Der Verdacht kam mit aller Wucht zurück: Kalinka war bereits seit 15 Jahren tot, als Dieter Krombach 1997 wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht kam. Der Arzt gestand, eine 16-jährige Patientin mit Schlafmitteln betäubt und in der Praxis vergewaltigt zu haben. Dafür bekam er zwei Jahre auf Bewährung und verlor die Zulassung als Arzt. Ins Gefängnis aber musste er erst 2008. Das Landgericht Coburg verurteilte ihn zu zwei Jahren und vier Monaten, weil er in 28 Fällen trotz fehlender Arztzulassung 300'000 Euro eingesackt hat.

Da sich die deutschen Behörden weiter weigerten, Krombach nach Frankreich auszuliefern, begann Bamberski an ein Justizkomplott zu glauben. Spätestens jetzt reifte in ihm der Plan heran. Er würde den Mann nach Frankreich bringen lassen. Ein österreichischer Journalist vermittelte ihm den Kontakt zu einem Georgier und einem Kosovaren, die von Bamberskis Erlebnis so ergriffen waren, dass sie ihm helfen wollten.

Staatsanwalt zeigt «Verständnis»

Dieter Krombach ist gesundheitlich angeschlagen. Das Herz. Jedenfalls sagt er das immer wieder und bei jeder Gelegenheit. Sein Zustand liess es nicht zu, dass er im Oktober 2011 zur Verhandlung erschien, als das Gericht ihn zu 15 Jahren Haft verurteilte. Auch gestern und vorgestern fand der Prozess ohne ihn statt; er befindet sich im Pariser Gefängnis Prison de la Santé. Die Anhänger von Bamberski werfen Krombach vor, bei jeder Gelegenheit einen Herzinfarkt vorzutäuschen. In Wahrheit wolle er sich nur vor dem Prozess und vor der Strafe drücken.

Bamberskis Verteidiger Laurent De Caunes stellte den Mulhouser Richtern die Frage, die als Leitmotiv für die gesamten Fall Kalinka Bamberski gelten kann: Geht es hier um Recht oder Vergeltung, um Selbstjustiz oder Gerechtigkeit? «Kann man einen Vater verurteilen, wenn er seine Pflicht als Vater sowie als Mensch wahrgenommen hat und der Justiz ermöglichte, ihre Aufgabe wahrzunehmen?», fragte De Caunes. Für seinen Mandanten habe sich bei dieser Tat die Frage zwischen menschlichem Gewissen und dem Gesetz gestellt.

Der bekannte Elsässer Staatsanwalt Hervé Robin zeigte bei seinem letzten Prozess vor der Pension «ein gewisses Verständnis» für das Handeln von André Bamberski. Statt den fünf Jahren, die er hätte fordern können, verlangte er vom Gericht eine Strafe von sechs Monaten auf Bewährung. Das Urteil wird am 18. Juni eröffnet. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.05.2014, 12:13 Uhr

Ist 1982 im Haus ihres Stiefvaters Dieter Krombach gestorben: Die damals 14-jährige Kalinka Bamberski. (Bild: AFP )

Wurde 2011 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt: Der deutsche Arzt Dieter Krombach. (undatierte Aufnahme) (Bild: AFP )

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