Der ruhige Atem des Co-Piloten

Wie kann jemand, der so normal wirkt, eine so schreckliche Tat begehen? Die Frage ist falsch gestellt.

Die Tat bleibt unerklärlich: Kerzen zum Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes. Foto: Marius Becker (Keystone)

Die Tat bleibt unerklärlich: Kerzen zum Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzes. Foto: Marius Becker (Keystone)

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Vom Moment, als der Co-Pilot den Sinkflug des Airbus A320-211 einleitete, bis zum Aufschlag der Maschine dauerte es acht Minuten. Im Cockpit blieb es still. Das ergibt die Analyse des Stimmenrekorders. Das Gerät registrierte nichts ausser dem Atem des Co-Piloten. Ruhig, regelmässig.

Ein häufig gehörter Satz über das Leben von Massenmördern: Es ist normal verlaufen. Viele der jungen Männer aus dem Westen, die sich den islamistischen Terrormilizen anschliessen, hatten eine normale Kindheit. Wenige Nachbarn von Familien, deren Leben in Mord und Selbstmord endete, haben Abnormales bemerkt. Die meisten Amokläufer an amerikanischen Schulen waren normal zur Schule gegangen. Laut den letzten Ermittlungen litt der 27-Jährige Co-Pilot an einer Krankheit, die er seinem Arbeitgeber verschwiegen hatte. Aber auch er scheint ein normales Leben geführt zu haben, unspektakulär wie ein Linienflug.

Gerade das macht ihn im Nachhinein so bedrohlich. Wenn ein Täter sich bis zu seiner abnormen Tat normal verhielt, lässt er sich nicht als geistig verwirrt, psychotisch oder fanatisch aussortieren, es gibt keine Erklärung für sein Verhalten, von dem sich die anderen distanzieren könnten. Wenn sich keine schwere Schäden in einer Täterbiografie finden, lässt sich die Tat nicht erklären. Das macht sie noch gefährlicher, weil sie etwas Willkür­liches bekommt. Wenn ein normaler Mann 149 Menschen und sich selber umbringt, ohne Hass, Fanatismus oder Psychose, was ist dann von seiner Normalität zu halten?

Normal heisst nicht unauffällig

Die Frage ist falsch gestellt, weil das entscheidende Wort falsch verstanden wird. Wer in diesem Kontext normal sagt, meint unauffällig. Das heisst aber etwas anderes. Normalität hängt von Kontexten ab: kulturellen, ethnischen, historischen, situativen. In einem Fussballstadion trinkt man Bier aus der Dose, im Schauspielhaus Champagner aus dem Glas. Am französischen Hof war es normal, Parfüm statt Seife zu benutzen, jede Ecke war ein WC. Das kleine Volk der Urapmin in Papua-Neuguinea betrieb bis in die Sechziger Kannibalismus. In manchen katholischen Ländern gelten Marien-Erscheinungen als Ausdruck von Glauben, nicht von Psychose. In Ruanda wurde der Genozid zum Alltag.

Das Fehlen von Gefühlen

Normalität meint ein der Situation angemessenes Verhalten, Unauffälligkeit ist eine anpasserische Leistung. Unauffällig wirkt bloss normal, es kann auch das Gegenteil implizieren. Viele Pädophile bleiben unauffällig. Psychopathen können sich unauffällig verhalten, weil sie keine Empathie für andere empfinden, keine Nervosität oder Scham. Depression ist eine unauffällige Krankheit, der Schwermütige versinkt in sich selber. Unauffälligkeit kann gehen bis zur Selbstverleugnung. Bei manchen Patienten macht sie Psychologen am meisten Sorgen.

Ein Flugzeug voller Passagiere zerschellen zu lassen, ist nicht normal, zu keiner Zeit und in keinem Kontext. Warum der Co-Pilot es getan hat, warum er nicht nur sein eigenes Leben, sondern das seiner Passagiere und Kollegen zu beenden bereit war, lässt sich nicht erklären, weil zu wenig bekannt ist. Vielleicht wird es keine Erklärung geben. Dass aber der Täter ein unauffälliges Leben geführt hat: Das ist kein Widerspruch zu seiner Tat.

Erstellt: 28.03.2015, 00:03 Uhr

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