Die 47 Toten von Würenlingen lassen ihm keine Ruhe

Der Ex-Gemeinderat kämpft unermüdlich dafür, dass der schwerste Anschlag in der Schweiz endlich aufgearbeitet wird.

«Niemand steht hin, alle reichen die heisse Kartoffel weiter»: Arthur Schneider beim Gedenkstein in Würenlingen. Foto: Sabina Bobst

«Niemand steht hin, alle reichen die heisse Kartoffel weiter»: Arthur Schneider beim Gedenkstein in Würenlingen. Foto: Sabina Bobst

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Arthur Schneider kehrt oft an den entsetzlichen Ort zurück. Auf die kleine Lichtung mit der Sandsteinsäule. Es ist ein warmer Spätsommertag, wohl einer der letzten des Jahres. Blätter rauschen, Vögel zwitschern, Schneider atmet schwer. Er, der sonst viel spricht, schweigt und überquert die Lichtung mit zügigen Schritten. Seine Fingerspitzen berühren den Sandstein. Seine blauen Augen ruhen auf den 47 Namen, die in die Säule eingelassen wurden. Die Toten von Würenlingen lassen dem alten Mann keine Ruhe.

Am 21. Februar 1970 verloren die 47 Menschen hier ihr Leben. Als die Swissair Coronado im Würenlinger Unterwald aufschlug und in Flammen aufging. Der Absturz des Linienflugs von Zürich-Kloten nach Tel Aviv ist bis heute der schwerste Terroranschlag in der Schweiz. Die Bilder haben sich in Arthur Schneiders Gedächtnis eingebrannt. Er war 29, als er zwischen Trümmern und Toten stand.

Die Akte bleibt geschlossen

Kurz nach dem Start war an Bord der Coronado ein Sprengsatz detoniert. Den hatten Mitglieder einer militanten Splittergruppe der palästinensischen Befreiungsfront gebaut. Die Bombe befand sich in einem Luftpost-Paket, das eigentlich in einer Maschine der israelischen EL-AL hätte hochgehen sollen. Durch einen Zufall wurde die tödliche Fracht auf den Flug SR 330, auf die Coronado umgeladen. Schnell wurden zwei Jordanier zu dringend Tatverdächtigen erklärt. Doch die mutmasslichen Attentäter mussten sich nie vor einem Gericht verantworten. Warum nicht? «Eine ehrliche Antwort hat die offizielle Schweiz nie geliefert», sagt Schneider – «vermutlich wird sie auch nie kommen.»

Als 2016 NZZ-Journalist Marcel Gyr in seinem Buch «Schweizer Terrorjahre» von einem angeblichen Geheim­deal zwischen der Schweiz und der PLO schrieb und ein bislang unbekannter Bericht des FBI auftauchte, ging Schneider in die Offensive. Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Absturz beantragte er bei der Bundesanwaltschaft die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Gleichzeitig nutzten Parlamentarier, darunter SVP-Mann Maximilian Reimann, eine bundesrätliche Fragestunde, um den Bundesrat mit dem angeblichen Geheimdeal und dem FBI-Papier zu konfrontieren. Der Flugzeugabsturz war zwischenzeitlich zurück im öffentlichen Schlaglicht.

Nun aber droht er endgültig zur Fussnote zu verkommen. Ende Juli verkündete die Bundesanwaltschaft Nichtanhandnahme. «Für das Attentat vom 21. Februar 1970 auf das Linienflugzeug Swissair Coronado HB-ICD, Kurs SR330, wird der Eintritt der Verfolgungsverjährung festgestellt.» Die Akte Würenlingen bleibt geschlossen.

«Goodbye Everybody»

Wenn Schneider Gäste hat, besucht er mit ihnen oft das Denkmal auf der Lichtung. Da sind Maturanden, die eine Arbeit über den Absturz schreiben. Angehörige, die Antworten suchen. Journalisten, die wissen wollen, wie das damals war an diesem trüben Februartag. Später nehmen sie am gemaserten Holztisch in seinem Haus platz. Er bietet Bläterliwasser an und schafft Ordner, Mäppchen, Dossiers und Briefe heran.

Dann erzählt er, wie er es schon hundertfach getan hat. Wie er damals ein junger Gemeinderat gewesen sei, der nebenher zwei Unternehmen geführt habe, sich an den Wochenenden Zeit für die Familie habe nehmen wollen und es doch nicht immer klappte. Er erzählt auch vom trüben Tag im Februar 1970, als die Coronado abstürzte und er die Druckwelle spürte. Wie er vom Balkon aus die Rauchsäule sah und in den Wald fuhr. Er spricht von den Angehörigen, die bis heute darunter litten, dass sich nie jemand dafür habe verantworten müssen. Sich nie jemand entschuldigte. Wie Schicksale in der Luft hängen blieben und die Verantwortlichen wegsterben. An den wichtigen Stellen wechselt Schneider ins Hochdeutsche. Fragen beantwortet er nicht ohne Bedenkzeit. Jedes Wort sitzt. Er hat sie ja alle schon ausprobiert.

Seine Erlebnisse hat er zusammen mit Zeitungsartikeln, Flugprotokollen und Wetterkarten zu einem Buch zusammengetragen. Er hat es «Goodbye Everybody» getauft. Es soll ein Mahnmal sein wie die Säule auf der Lichtung. «Eine Erinnerung daran, dass die Angehörigen bis heute auf Gerechtigkeit warten.»

In den Wirren des Nahostkonflikts

Schneider ist heute 77 Jahre alt, sein Haar hellgrau geworden. Mit zunehmendem Alter radikalisierte sich seine Haltung: «Dieses ganze Geschacher, niemand steht hin, alle reichen die heisse Kartoffel weiter.» Er verstehe, dass die Situation anfänglich schwierig gewesen sei. Tatsächlich war die Schweiz um die Jahrzehntenwende tief in die Wirren des Nahostkonflikts geraten.

Im Februar 1969 überfielen vier Bewaffnete am Flughafen Kloten eine El-Al-Maschine. Ein Jahr später stürzte die Swissair-Coronado ab. Im September 1970 wurde ein Swissair-Flug gekapert und das Flugzeug samt Insassen nach Zerqa in die jordanische Wüste entführt. Die Maschine wurde später am Boden gesprengt, die Insassen als Geiseln gehalten. Sie kamen alle frei, die letzten im Zuge eines Gegengeschäfts, für palästinensische Gefangene in der Schweiz.

Die Absturzstelle der Swissair Maschine in Würenlingen, die heute auch eine Gedenkstätte ist. Bild: Sabina Bobst

«Da wollte man keinen zusätzlichen Zunder», so Schneider. Was er hingegen nicht versteht, ist der Umgang mit der Katastrophe ein halbes Jahrhundert danach. «Der Fall wird unter dem Deckel gehalten, das macht doch keinen Sinn.» Die Angehörigen hätten ein Recht zu erfahren, wieso niemand verurteilt worden sei. «Irgendwann muss doch mal jemand Flagge zeigen.»

Das habe er schliesslich auch immer getan, sagt er – 40 Jahre lang, als Parteiloser im Würenlinger Gemeinderat, davon 16 Jahre als Präsident. Da sei er einer gewesen, der sich nach dem Aufstehen erst einmal gefragt habe: «Was kann ich heute für meine Leute tun?» Den direkten Weg habe er genommen. Immer. «Geradeaus! Links, rechts, das gab es bei mir nicht.» Und wer denke, dass die Sache mit der Verfügung der Bundesanwaltschaft gegessen sei, der habe sich geschnitten.

Aufgeben ist nicht drin

So ist das mit Arthur Schneider: Aufgeben ist nicht drin. Eine Haltung, die ihm nicht nur Sympathien einträgt. Hört man sich in Würenlingen um, dann sagen manche: Irgendwann ist auch mal gut. Dem Herrn Schneider fällt es schwer, loszulassen. So sei das mit seinem Gemeindepräsidium gewesen, so sei das bei der Coronado. Was bringt das alles noch?

Die Bundesanwaltschaft hat den Fall ad acta gelegt. Auf dem juristischen Weg scheint Schneider am Ende angekommen zu sein. Politisch hat der Fall längst an Bedeutung verloren. Selbst Maximilian Reimann, Schneiders einstiger Verbündeter im Nationalrat, sagt: «Ich bedaure das Schicksal der Angehörigen, akzeptiere den Entscheid der Bundesanwaltschaft aber.» Er ist überzeugt, die Bundesanwaltschaft habe sich nochmals alle Mühe gegeben, so viele Jahre nach dem Terroranschlag doch noch Licht ins Dunkel zu bringen. Selbst Schneiders Frau sagt: «Lass es sein.» Er aber antwortet: «Ich lasse jetzt nicht lugg.»

Ein Hinterbliebener spricht von einem Messer, das in seinem Rücken stecke.

2015 hat er sein Buch an Parlamentarier und Bundesrätinnen verschickt. Das habe damals etwas ausgelöst, glaubt er. Dass es umsonst gewesen sein soll, will er nicht akzeptieren. Er sieht sich als Fürsprecher, in erster Linie für Würenlingen, in zweiter für die Hinterbliebenen. «Die haben ja sonst keine Lobby.» Und bei den Angehörigen stosse sein Engagement auf Dankbarkeit.

Einer der Hinterbliebenen spricht von einem Messer, das in seinem Rücken stecke. «Schon wieder wurden wir verletzt.» Abgeschlossen? Davon könne keine Rede sein. Er schätzt Schneiders kompromisslose Art, sein Engagement sei nicht selbstverständlich. «Wenn sich alle so einsetzen würden, hätten wir längst eine Lösung.» Die Lösung wäre für diesen Angehörigen eine Antwort auf die Frage: Wieso musste sich nie jemand für den Anschlag verantworten? Keine Rache, kein Geld, ein Darum. Der Angehörige, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, vermutet hinter Schneiders Motivation aber noch etwas anders: «Der Mann musste das alles mit ansehen.»

Tod und Trümmer

Es ist der 21. Feburar 1970, kurz nach Mittag. Arthur Schneider sitzt auf der Couch und sieht fern. Er kann nicht wissen, was sich im Luftraum über der Zentralschweiz abspielt: Ein Sprengsatz zündet bei einer Swissair-Maschine auf dem Weg nach Tel Aviv. Die Crew der Coronado will nach Kloten zurückfliegen und notlanden. In der Maschine breitet sich Rauch aus, sie kommt vom Kurs ab. Über Würenlingen setzt der Pilot einen letzten Funkspruch ab: «Goodbye everybody.» Dann stürzt die Coronado ab.

In Würenlingen vibrieren die Fensterscheiben. Schneider zuckt zusammen, dann steht er auf. Vom Balkon aus sieht er den Rauch. Er nimmt seine Jacke, setzt sich ins Auto. 15 Minuten später geht er durchs Unterholz, wenig später steht er zwischen umgeknickten Bäumen, Metallfetzen und Körperteilen. Die Coronado hat eine Wunde in den Wald geschlagen. Der Boden ist übersät mit Trümmern. In den Baumwipfeln baumeln Kleiderfetzen. In der Luft hängt Kerosingeruch. Schneeregen fällt aus einem grauen Himmel.

«Dieser Absturz ist nicht mein Hobby»

Spätsommer 2018. Arthur Schneiders Blick fixiert gemasertes Holz. Er sitzt an seinem Tisch vor Akten, Ordnern und Bläterliwasser. Draussen arbeitet ein Rasensprenger, eine Kreissäge kreischt. Schneider streicht mit dem Daumen über die Tischkante und sagt: «Dieser Absturz ist nicht mein Hobby.» Er sagt diesen Satz oft, am Telefon, auf der Lichtung und nun auch am Tisch. Er ist Schneiders Schutzschild, den er hochzieht, wann immer man ihn nach seiner Motivation fragt. Nach dem Grund, weshalb er noch immer nach Antworten sucht.

Worin genau liegt seine Motivation? Mehrmals setzt Arthur Schneider an. «Ich tue das für die Angehörigen.» Er überlegt. «Gegen das Vergessen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.09.2018, 23:12 Uhr

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