Die Angst vor dem Serienmörder

61 Leichen sind in den letzten sechs Jahren aus den Kanälen Manchesters gefischt worden. Ein Experte hält es für möglich, dass hier ein Serienkiller sein Unwesen treibt.

In diesem Kanal in Manchester starben mehrere Männer. Foto: Getty Images

In diesem Kanal in Manchester starben mehrere Männer. Foto: Getty Images

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Auf seine heisse Partyszene ist Manchester immer stolz gewesen. Nachts geht es hoch her in den Pubs und Clubs der nord­englischen Stadt. Nun aber fragen sich manche Bewohner, ob Manchester ein dunkles Geheimnis birgt, inmitten seiner Vergnügungsviertel – ob gar ein Serienkiller dort sein Unwesen treibt, der Feierlustige ins Verderben stürzt.

61 Leichen sind, wie sich jetzt herausstellt, in den letzten sechs Jahren aus Manchesters Kanälen gefischt worden. Das ist ein Toter alle 36 Tage. Besonders viele sind entlang Canal Street am Saum des partylustigen Gay Village – des Schwulenviertels der Innenstadt Manchesters – gefunden worden. Die meisten der Toten sollen junge Männer gewesen sein.

Nach Ansicht der Polizei sind etliche der jungen Leute wahrscheinlich schwer alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss nachts in den Kanal gestolpert oder von Steinmäuerchen ins Wasser gefallen. Mancherorts warnen inzwischen Schilder vor dem «erheblichen Risiko». Metallgitter und gläserne Trennwände sind errichtet worden, um Nachtschwärmer vorm Sturz in den Kanal zu bewahren. Einige der Ertrunkenen, vermutet man bei der Polizei, hätten sich wohl auch selbst töten wollen.

Jackson schliesst Suizide aus

Das ist für Professor Craig Jack­son aber keine befriedigende Erklärung. Jackson, Leiter des Fachbereichs Psychologie an der City-Universität von Birmingham, hat das Phänomen näher untersucht. «Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass eine so alarmierend hohe Zahl von Toten das Ergebnis von Unfällen oder Selbsttötungen ist», meint Jackson. «Mit Suiziden habe ich mich gründlich beschäftigt. Und ich kann kategorisch sagen, dass Leute nur äusserst selten Kanäle für diese Art des Todes wählen.»

Die Selbsttötungstheorie kaufe er niemandem ab, erklärt Professor Jackson weiter. «Damit bliebe uns nur die Annahme, dass die Bevölkerung Manchesters ganz unglaublich tollpatschig und leichtsinnig ist – und ich glaube nicht, dass das wirklich stimmt.» Auch London, Nottingham oder Birmingham hätten jede Menge Kanäle und keinen Mangel an Kneipen entlang dieser Wasserläufe: «Aber in den Kanälen dort haben wir nur einen Bruchteil der Zahl der Toten, die es in Manchester gibt.»

Dass die Betreffenden von jemandem in den Kanal gestossen wurden, könne man nicht ausschliessen, hat Jackson in der Zeitung «Daily Star» vermeldet. Ein übler Killer habe womöglich die Hand im Spiel. Seither wird in Manchester dunkel von einem «Pusher», einem mörderischen Schubser, gemunkelt. Auch die Bezeichnung «Gay Slayer» (Schwulenschlächter) war in der Stadt schon zu hören. Zwei der 61 Fälle hat der Psychologieprofessor als Indiz für seine Vermutungen angeführt. Ein 22-Jähriger namens Chris Brahney verschwand nach einem Open-Air-Konzert, als er allen Kontakt zu seinen Freunden verlor. Er wurde zehn Tage später im Kanal aufgefunden. Die Untersuchungsrichterin gestand Brahneys Eltern, sie könne leider nicht erklären, wie ihr Sohn in den Kanal gekommen sei. Sie sprach ein «offenes Verdikt» aus – Ursache des Kanalsturzes unbekannt. Die Leiche des 18-jährigen Souvik Pal wurde drei Wochen nach einer Silvesterparty im Kanal gefunden. Überwachungskameras zeigten, wie Pal den Nachtclub zusammen mit einem unbekannten Mann verliess. Anschliessend kehrte der Unbekannte allein zurück zum Nachtclub. Die Identität des Mannes ist bis heute nicht geklärt worden. Auch in diesem Fall blieb die Ursache des Sturzes unbekannt.

Nur männliche Leichen

In der örtlichen Presse sind derweil besorgte Fragen von Lesern laut geworden. «Alle Ertrunkenen waren Männer, und zwar in ähnlichem Alter und sogar von ähnlichem Aussehen», hiess es in einer Mail an die «Manchester Evening News». Ein anderer Leser meinte: «Viele Frauen tragen doch hohe Absätze und sind auch sturzbetrunken. Wie kommt es, dass sie nicht in den Kanal gefallen sind?»

Die Polizei von Manchester warnt allerdings vor Schauergeschichten, die sich nicht beweisen lassen. Jeder einzelne Fall werde genau untersucht, hat die Polizeibehörde erklärt – und bisher habe man «keine Verbindung zwischen den verschiedenen Vorfällen entdeckt».

Erstellt: 16.01.2015, 23:05 Uhr

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