Hintergrund

Die Kachelmann-Show

Der Wettermann meldete sich mit dem ersten öffentlichen Auftritt zurück. Er feierte sein Comeback und spielte mit den Medienleuten. Den kommentierenden Schlusspunkt setzte er per Twitter ab.

Setzte seinen Bekanntheitsgrad geschickt im Interesse seiner Firma ein: Jörg Kachelmann, heute Vormittag in Kloten vor den Medien. (Video: Jan Derrer)

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Nobel war die Adresse, welche Jörg Kachelmann für seinen ersten öffentlichen Auftritt nach dem Vergewaltigungsprozess gewählt hat: das Hotel Radisson Blue am Flughafen Kloten. Moderne Architektur, auf Hochglanz poliertes Messing am Treppengeländer, ein grosszügig gestylter Innenhof und jede Menge aufmerksames Personal in Uniform. Was für ein Kontrast zum Sitz des Unternehmens Meteomedia im appenzellischen Gais – einem älteren Haus, das mehr nach Kaserne denn nach moderner Medienzentrale aussieht.

Der Konferenzraum im siebten Stock, mit bester Aussicht auf die Pisten 28 und 16. Gelandet waren sie in Scharen, die Medienleute aus Deutschland. RTL, N-TV, ARD und ZDF, um nur die bekanntesten Medien zu nennen. Dutzende Journalisten aus dem In- und Ausland waren dem Aufruf Kachelmanns nach Kloten gefolgt.

Die Bekanntheit ausnützen

Die Einladung an die Medien versprach «einen Blick in die Zukunft» von Meteomedia. Das allein hätte wohl nicht einmal einen Viertel des heutigen Aufmarsches provoziert. Aber, sagte sich Kachelmann wohl, warum sollte man seine Bekanntheit – wenn auch auf Abwegen gesteigert und einigermassen ramponiert – nicht zu Geschäftszwecken verwenden? Ganz nach dem Motto, «jetzt erst recht».

«Das habe ich mir schon immer gewünscht, dass sich einmal so viele Journalisten für die Firma Meteomedia interessieren», sagte der im Nadelstreifenanzug angetretene Wettermann. Wohl wissend, dass die meisten seiner Vorgeschichte wegen nach Kloten reisten. Und er legte nach: Es sei schön, dass man sich so rege für die reine Wetterwissenschaft interessiere. Er spielte wahrlich mit den herbeigeeilten Medienleuten.

Künftig auf Youtube zu sehen

Kachelmann ist nicht naiv, er weiss, was Sache ist. Und das machte er damit auch direkt klar. Dass er die Angelegenheit auch aus Distanz betrachten kann, zeigte der Tweet, den er wenige Minuten vor Beginn der Pressekonferenz schrieb: «Hui, 20 Mikrofone auf dem Tischchen!»

Eine geschlagene Stunde mussten die Journalisten warten. Draussen startete eine Maschine nach der anderen, alternierend von den Pisten 28 und 16. Was die Medienleute zu hören bekamen, war wohl kaum, was sie hören wollten. Die Expansion von Meteomedia auf die Philippinen, ein neuer Videokanal auf Youtube und eine Kooperation mit einer deutschen Firma. Viele im Raum begannen gelangweilt auf ihren Handys herumzudrücken.

Brave Journalisten-Fragen

Dann, um 11.30 Uhr, Fragestunde. Allerdings mit der Einschränkung «auf das in der Einladung angekündigte Thema». Brav wurde Kachelmann gefragt, wie es um die Zusammenarbeit mit der ARD stehe – Kachelmann moderierte jahrelang «Das Wetter im Ersten». Das stehe nicht in seiner Entscheidung. Und: «Glauben Sie mir, es ist nicht so toll, wie Sie denken, auf der anderen Seite der Kamera zu stehen.»

Sie kamen dann doch noch, die Fragen, welche sich auf dem schmalen Grat zwischen Stochern in der Vergangenheit und Interesse an der Sache bewegten. Wie die Stimmung während seiner Abwesenheit in der Firma war und wie zu dieser Zeit gearbeitet wurde. Kachelmann trat zur Seite, ein Stellvertreter antwortete. Alles okay, wie es hiess. Kachelmann stand auf, um einzuwenden: «Ich habe seit vielen Monaten wieder voll für die Firma gearbeitet», so der Wettermann. Um nachzuschieben: «So weit das möglich war und die besonderen Umstände es zuliessen.»

Kein Hochdeutsch mehr

Besonders war der heutige Tag für Kachelmann nicht nur der Firma wegen. «Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, was wünschen Sie sich», so die RTL-Journalistin. Tatsächlich, es ist Kachelmanns 53. Geburtstag. So freundlich die Journalistin fragte, sie musste eine Niederlage einstecken. Dass Kachelmann nämlich sein Statement nur auf Schweizerdeutsch abgab, störte die RTL-Frau. Sie wollte es für ihre Zuschauer in Hochdeutsch, was ihr Kachelmann verweigerte. «Wir sind hier in der Schweiz.» Komisch, angefangen hatte er noch in Hochdeutsch.

Das war es, was einige deutsche Journalisten später mit bissigen Kommentaren quittierten. «Skurril», «grotesk» und «keine Sensation», sagten sie sich gegenseitig in die Mikrofone. Einige werteten Kachelmanns Verweigerung sogar als Seitenhieb gegen die deutschen Medien, die ihn in der Prozessberichterstattung hart bedrängten. Auch Schweizer Journalisten zeigten sich enttäuscht.

Mangos als Geschenk

Nüchtern gesehen war es ganz einfach Werbung in eigener Sache, was Kachelmann heute veranstaltete. Geschickt eingefädelt und kühl durchgezogen. Für die Journalisten gab es zum Schluss Mangos aus den Philippinen, dem neuen Tummelfeld Kachelmanns.

Mit dem Start der A380 von Singapore Airlines auf Piste 14 Richtung Asien endete auch die Pressekonferenz. Schnell durch die Seitentür verschwunden setzte Kachelmann einen weiteren Tweet ab: «Was für eine höfliche Journalistengruppe!» Offenbar hatte er sichs schlimmer vorgestellt. Die Journalisten müssten sich die Haare raufen.

Erstellt: 15.07.2011, 15:38 Uhr

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