Die Menschenbilder von Rubigen

Am Sonntag ging das Energiewendefestival in Rubigen zu Ende, Höhepunkt war ein symbolisches Menschenbild auf einer Wiese.

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Rund 250 Menschen stehen in einem Feld in Rubigen, der Wind zerrt an ihren Kleidern. Von Helfern in gelben Westen wurden sie zu einem Muster dirigiert, das auf dem Boden noch wie ein Wirrwarr aussieht. In rund 10 Metern Höhe, auf einer der zwei Hebebühnen im Feld, entsteht aus den Menschenketten aber plötzlich ein Bild – das Zeichen für radioaktive Strahlung. «Und jetzt folgt den Helfern mit den Flaggen», ruft eine Frau auf der Hebebühne in ein Megafon. Langsam setzen sich die Menschen am Boden in Bewegung und verschieben sich nach aussen, bis sie auf dem Feld ein riesiges Windrad bilden. «Und jetzt bewegen!», brüllt die Frau. Die 250 Festivalbesucher schreiten langsam im Kreis – das Windrad dreht sich.

Ein Ja statt eines Nein

«Es ist ein Symbol», sagt Peter Scholer, Mediensprecher des Energiewendefestivals, zurück auf dem Festivalgelände. «Ein Signal nach Bundesbern, dass Investitionen in erneuerbare Energien nötig sind.» Besonders wichtig, betont er, sei dies im Hinblick auf die Debatte zur Energiestrategie 2050 im Nationalrat. Das Energiewendefestival in Rubigen ist für Scholer das erste seiner Art. «Es ist das erste Mal, dass wir Ja sagen.» Ansonsten habe sich der Protest immer mit einem «Nein» geäussert: ein Nein zu Atomstrom, zu fossilen Energien, zu AKW. «Jetzt sagen wir Ja zur Energiewende.»

Diese Botschaft wollte Scholer zusammen mit einer Trägerschaft von rund 80 Gruppierungen wie Greenpeace oder der Juso während zweier Wochen zelebrieren. Höhepunkt war neben Workshops und Konzerten das Menschenbild am Samstag. Im Vorfeld waren aber nicht 250 Festivalteilnehmer, sondern bis zu 3000 angekündigt worden, die das symbolische Windrad zum Drehen bringen würden. «Es ist schade, sind nicht mehr da», sagt Scholer. Er sitzt auf einer Bank beim Infozelt und schaut zur liebevoll dekorierten Küche, wo Helfer vegane Menüs in Teller schöpfen.

«Möglicherweise entsteht nicht derselbe Druck, wie wenn man gegen etwas protestiert.» Zieht ein Nein also mehr Menschen an? Scholer lächelt. «Ein Nein kennen sie, eine Demo kennen sie.» Ja zu sagen, müsse anscheinend noch etwas geübt werden. Auf dem Festivalgelände sind viele der Teilnehmer ebenfalls enttäuscht von den Besucherzahlen. Eine Gruppe von Jugendlichen sieht dafür aber einen anderen Grund als Scholer: «Nach Fukushima wären sicher Tausende Leute da gewesen», sagt ein 20-Jähriger. «Das Interesse flaut automatisch ab, wenn nicht kurz vorher eine Katastrophe passiert ist.» Dabei, sagt er, habe sich die Lage in den zerstörten Reaktoren in Japan in den letzten Jahren keinesfalls verbessert.

Im Camp sind ähnliche Stimmen zu hören. «Die Menschen sind wieder gleichgültig geworden», sagt eine ältere Frau resigniert, die bereits seit Dutzenden Jahren gegen AKW protestiert. Und ein junger Mann in einem Greenpeace-T-Shirt fügt an: «Nach Fukushima, im Jahr 2011, marschierten 20000 im Menschenstrom gegen Atom mit.» Ein Jahr später seien es dann nur noch 8000 gewesen.

Auswirkungen aufs Budget

Die fehlenden Teilnehmer werden sich auch auf das Budget der Organisatoren auswirken. Aufbau und Infrastruktur des Festivals haben laut Peter Scholer rund 150000 Franken gekostet, er rechnet mit einem Defizit. Dieses soll von den Trägerorganisationen gedeckt werden. Entmutigt ist Scholer dennoch nicht: «Ich bin ein alter Kaiseraugstler», sagt er und blinzelt in die Sonne. «Wir haben mit weniger Leuten schon mehr erreicht.»

Erstellt: 15.09.2014, 07:18 Uhr

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