Interview

«Die Normalität hat mich überfordert»

Natascha Kampusch lebte mehr als acht Jahre in Gefangenschaft. Sie sagt, sie habe bis heute Schwierigkeiten, sich frei zu fühlen. Morgen kommt ihre Geschichte als Film in die Kinos.

«Freiheit ist für mich, wenn ich mal nicht an irgendetwas denken muss»: Natascha Kampusch bei der Premiere ihres Films «3096 Tage» in Wien.

«Freiheit ist für mich, wenn ich mal nicht an irgendetwas denken muss»: Natascha Kampusch bei der Premiere ihres Films «3096 Tage» in Wien. Bild: Daniel Gebhart de Koekkoek/TA

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Weshalb sind wir hier?
Na ja, Sie wollten mich interviewen, und ich hab mir gedacht: Okay, mach ich.

Wieso haben Sie eingewilligt?
Na ja, ich kannte Sie zwar vorher nicht, aber jetzt hätte ich so oder so eingewilligt, weil Sie so ein einnehmendes Wesen vor sich hertragen.

Ich meinte eher: Sie haben Schreckliches erlebt. Wieso sind Sie immer noch in der Öffentlichkeit und geben Interviews?
Ach so! (überlegt) Das ist schwierig! Eigentlich ist es ja so, dass mich die Öffentlichkeit nicht loslässt. Auch im negativen Sinne. Und da will ich etwas entgegenhalten. Natürlich ist es auch wichtig, dann Öffentlichkeit zu haben, wenn es um wichtige Projekte geht. Aber es kann auch sein, dass ich irgendwann beschliesse, völlig privat zu sein. Das lasse ich mir aber noch offen.

Sind solche Auftritte sinnvoll für die Aufarbeitung dessen, was Sie erlebt haben?
Ja, wobei ich das Aufarbeiten mehrheitlich privat mache. Aber ich versuche diesen medialen Rummel ein bisschen über die Medien wieder zu verarbeiten. Es hat mich schon traumatisiert, dass damals direkt nach meiner Flucht bei der Polizeiwache in Gänserndorf schon die Paparazzi standen. Aber ich habe einen Weg gefunden, damit umzugehen. Meine Journalistenphobie habe ich überwunden.

Wie sieht Ihre private Aufarbeitung aus?
Das können Gespräche in der Therapie sein, aber genauso gut auch das Aufbauen eines neuen, lebenswerteren, schöneren Lebens.

Befinden Sie sich in einer klassischen Psychoanalyse?
Nein, das kann ich nicht, da flippe ich aus. Dieses Sichhinlegen, während der andere dasitzt und einem ins Genick flüstert, das ist ein bissel schwierig. Eine normale Gesprächstherapie auf psychoanalytischer Basis ist wohl das Beste für mich.

Womit füllen Sie sonst Ihr Leben?
Ich versuche anderen Menschen privat wie sozusagen beruflich zu helfen. Und ich will die Matura machen und dann studieren. Womöglich Psychologie.

Hatten Sie nach dem Ende Ihrer Gefangenschaft irgendwann mal das Gefühl von Normalität?
Es kommen sehr viele sonderbare Menschen auf einen zu, wenn man so etwas erlebt hat. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte eher, dass ich Menschen begegnen würde, die mir helfen wollen. Man kann sich nicht wirklich in die Normalität zurückziehen.

Wussten Sie eigentlich überhaupt noch, was Normalität ist?
Nein, nicht wirklich. Es gab in der Situation selbst so etwas wie eine Norm, aber die Situation in Freiheit hat mich überfordert. Es gab so viele Menschen, auf die man sich einstellen musste. Ich habe lernen müssen, dass das unmöglich ist. Dass man immer jemanden vor den Kopf stossen muss.

Was bedeutet Normalität für alltägliche Dinge wie Ernährung?
Das war sehr schwierig. Mein Umfeld hat nicht akzeptieren wollen, dass ich nicht gleich von null auf hundert alles Mögliche essen konnte. Ich war da selber auch nicht konsequent genug: Es hat mir Spass gemacht, mehrere Portionen von etwas zu essen. Ich kann mich erinnern, dass ich am Anfang manchmal Unmengen Schokolade und Eis oder drei Döner in mich reingestopft habe.

Wie gehen Sie jetzt damit um?
Mittlerweile bin ich Vegetarierin und achte genauer auf meine Ernährung. Vielleicht hätte ich den Speiseplan aus der Gefangenschaft mit einem Apfel und einem alten Stück Brot pro Tag länger beibehalten und dann langsam ausbauen sollen.

Sie hatten während acht Jahren nur eine Bezugsperson. Wer sind heute Ihre nächsten Bezugspersonen?
Viele Menschen kommen einfach auch nicht mit meinem Schicksal klar. Deswegen hab ich jetzt keine engen Bezugspersonen. Vielleicht ein paar Freunde, aber so eng ist die Beziehung zu ihnen auch wieder nicht. Letztendlich ist meine Conclusio aus dem Ganzen: Man bleibt auf sich alleine gestellt.

Ihnen schlägt viel negative Kritik entgegen. Besonders Frauen reagieren oft heftig.
Ich denke, Frauen werden generell in unseren Gesellschaften so erzogen, dass sie sich mehr passiv verhalten und mehr auch bereitwillig in die Opferrolle gehen sollen. Deshalb werden mich Frauen eher anfeinden, weil sie ja grundsätzlich finden, dass das normal ist und dass das bei mir vielleicht ein bisschen schlimmer war, aber dass sie sich ja auch irrsinnig viel verbieten oder vergeben müssen, damit sie ihrer Frauenrolle gerecht werden.

Sie hatten im Fernsehen eine Talkshow mit dem Titel «Natascha Kampusch trifft ...». Wieso?
Ich fand das ganz spannend. Aber ich hab das nicht ertragen, weil ich so einen Stöpsel im Ohr hatte, über den mir die Regie Anweisungen geben konnte. Das war irritierend.

Was war Ihr Konzept?
Ich wollte die Menschen mal von einem ganz anderen Blickwinkel zeigen. Ich habe mich zum Beispiel getraut, Niki Lauda zu fragen, ob es nicht extrem egoistisch war, sich in einen Rennwagen zu setzen, wenn man zu Hause Frau und Kinder hat.

War es nicht naiv, nicht zu sehen, dass Ihnen dabei Ihr Schicksal in die Quere kommt und alles überlagert?
Ja, das war vielleicht ein bisschen naiv. Ich wollte einfach immer schon was mit den Medien machen, schon als Kind. Man hat mir auch immer wieder gesagt, ich solle doch Schauspielerin werden. Ich wollte dem dann auch entsprechen und hatte mir das als grosses Ziel gesetzt. Ich habe immer Radio- und Fernsehsendungen nachgespielt, die Nachrichten zum Beispiel oder die Tiersendung «Wer will mich?», in der ein neues Zuhause für Haustiere gesucht wurde.

Am Donnerstag läuft «3096 Tage» an, die Verfilmung Ihrer Geschichte. Muss man sich den Film Ihrer Meinung nach ansehen?
(wartet lange) Natürlich!

Wieso?
Die Menschen, die die Geschichte schon verfolgt haben, werden sich diesen Film anschauen, weil sie ein Interesse an meinem Schicksal haben. Weil es ihnen nahegeht. Und dieser Film ist sicher keiner, bei dem man am Plakat vorbeischlendert und denkt: «Hm, sieht gut aus, da könnten wir doch mal reingehen und uns einen schönen Abend machen.»

Der Film ist in gewissen Punkten wesentlich expliziter als das Buch. Haben Sie nicht Angst, damit ganz hässliche Altherren-Fantasien zu bedienen?
Die Fantasien existieren – ob ich es will oder nicht. Ich denke, das hat auch die Medienwelt dazu veranlasst, nach meiner Selbstbefreiung alle möglichen Spekulationen und Verschwörungstheorien aufzustellen.

Wie eng haben Sie am Film mitgearbeitet?
Ich habe mit Bernd Eichinger einige Gespräche geführt. Wir wollten dann noch ein weiteres Treffen vereinbaren, aber dazu kam es leider nicht mehr. Ich habe dann auch mit Constantin-Film und Regisseurin Sherry Hormann weiter über das Projekt kommuniziert. Das war eine recht konstruktive Zusammenarbeit, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass Bernd Eichinger tot war und das Drehbuch weiterentwickelt werden musste. Es ist nun zwar nicht der Film geworden, zu dem ich eingewilligt habe, aber ich finde ihn gut.

Was empfinden Sie, wenn Sie sich den Film anschauen?
Ich bin natürlich nicht so bewegt wie die Zuschauer, die nichts damit zu tun haben. Es ist ja meine Geschichte. Aber natürlich kommen da auch wieder Erinnerungen hoch und Dinge, die ich schon längst verdrängt und weggeschoben hatte. Aber das ist eben das Risiko.

Nach 3096 Tagen ist Ihnen die Flucht gelungen. Die Tage in Gefangenschaft beschäftigen Sie heute noch immer stark. Ist Freiheit eine Illusion?
Ja, wahrscheinlich. Freiheit ist auf jeden Fall ein Stück weit eine Illusion. Man ist in so vielen Dingen unfrei, kann vieles nicht beeinflussen. Deshalb bin ich auch auf eine gewisse Art und Weise stolz auf mich, weil ich mir die Freiheit zu gewissen Dingen nehme. Diese ganzen Kritiker sind auch frei, ihr Leben so zu leben, wie sie wollen. Ich tue ihnen ja nichts.

Gibt es manchmal für Sie heute Momente, in denen Sie das Gefühl haben, frei zu sein?
Ja, manchmal. Freiheit ist für mich, wenn ich mal nicht an irgendetwas denken muss. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2013, 08:04 Uhr

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Niemanden auf durchschnittlichem Informationsstand kann die Geschichte von Entführung und Gefangenschaft Natascha Kampuschs noch unvorbereitet treffen. Sie ist, wie man so sagt, um die Welt gegangen. Sie wurde Interview und autobiografischer Bericht, psychologisches Opferprofil und melodramatischer Lokaltermin. Auch Verschwörungstheorie ist aus ihr geworden, und jeder durfte (und darf es noch) seine Meinung dazu haben, bis das Wirkliche, Natascha Kampusch selbst und ihr Leiden, fast nur noch aus Meinungen bestand und kaum noch aus Wahrheit.

Und in all diesem Gemenge sind nun die anständigen Motive, das unanständige Geschäftsmodell und überhaupt das Problem des Spielfilms zum Fall Kampusch zu finden. Das Drama «3096 Tage» (so lange hielt der Täter Priklopil Natascha gefangen auf sechs Quadratmeter Kellerverlies) wird beworben mit der Behauptung, es überführe letzte Unsicherheiten in Sicherheit. So beweist ja das Kino gern seinen realitätsbewussten Anstand, und da beweist sich dann oft sein Unanstand: Wenn es darauf besteht, nicht mehr fiktiv zu sein, nur weil etwas, das es erzählt, passiert ist.

Es ist aber gegen seine Natur. Achteinhalb Jahre Gefangenschaft mit ihrer Routine und ihrer widersprüchlichen, perversen Intimität sind nämlich nicht eigentlich dramatisch. Deshalb beschleunigt «3096 Tage» den zähen Fluss der Zeit und begeht Verrat am Wesen der Isolation. Was wir jetzt sehen, sind zwei wunderbar intensive junge Hauptdarstellerinnen in der Kampusch-Rolle (Amelia Pidgeon, Antonia Campbell-Hughes) und eine Inszenierung (Regie: Sherry Hormann), die sich um respektvolle Diskretion bemüht. Was wir dennoch haben – objektiv sozusagen –, ist eine Konzentration von Leiden zum Leidensspektakel; oder auch: die nach Spekulation riechende Betätschelung einer Missbrauchsrealität. Soweit man sie liess, hat Natascha Kampusch den Film scheints abgenommen und als Wirklichkeitsbild akzeptiert. Das ist zu respektieren. Ein Kriterium von künstlerischer Wahrhaftigkeit ist es noch nicht. (csr)




3096 Tage (D 2013). 109 Minuten. Buch: Ruth Toma, Bernd Eichinger. Regie: Sherry Hormann. Mit Antonia Campbell-Hughes, Amelia Pidgeon, Thure Lindhardt u. a. In Zürich ab Donnerstag: Arena 3, Capitol 1.

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