Porträt

Die Strippenzieherin

Jewgenija Timoschenko-Carr: Kämpferin für die Sache ihrer Mutter, Rockerbraut und gewiefte Geschäftsfrau.

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Wer einen in der Heimat verwurzelten britischen Rockstar zu einem dauerhaften Leben in der Ukraine überreden kann, muss gute Argumente haben. Jewgenija Timoschenko-Carr lebt seit 2005 mit dem elf Jahre älteren Hardrocker Sean Carr in Kiew, der dort die Band Death Valley Screamers gründete. Derzeit stellt die 31-Jährige ihre kommunikativen Fähigkeiten aber vor allem bei der Verteidigung ihrer Mutter unter Beweis, der ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko.

Die wichtigste ukrainische Oppositionspolitikerin ist wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Sollte sie dank einer Amnestie wieder auf freien Fuss kommen, hätte sie dies nicht nur den internationalen Protesten, sondern auch ihrer Tochter zu verdanken. Denn Jewgenija wird nicht müde, die Sache ihrer Mutter gegenüber der Weltpresse mit hoher Kunstfertigkeit zu vertreten.

Geschickte Strategin

Die Juristin, Philosophin und Politologin, die an der London School of Economics studiert hat, spielt gekonnt auf der Klaviatur der Emotionen. Den von Julia Timoschenkos Attacken während des Prozesses zermürbten Richter Kirejew bat sie geradezu flehentlich um Gnade. «Die Freiheit und das Leben meiner Mutter hängen von Ihrer Entscheidung ab», umwarb sie ihn – wohl wissend, dass dies den Richter erst recht als skrupellosen Apparatschik erscheinen lassen würde. Das Urteil sei «lange vor Prozessende geschrieben worden, denn die Entscheidung liegt allein bei Präsident Janukowitsch», behauptete sie. Tatsächlich gehen Beobachter davon aus, dass sich der Staatschef durch das Verfahren seiner stärksten Kontrahentin entledigen wollte.

Jewgenija Carr fügt sich perfekt in die Rolle der Emissärin ihrer charismatischen Mutter, der sie in puncto Klugheit, Schönheit und Eloquenz in nichts nachsteht. Die offene Bühne wählt die 31-Jährige allerdings nur gelegentlich. Meist gilt es dann, sich (und ihre Mutter) ins rechte Licht zu rücken. Das war 2005 bei ihrer aufsehenerregenden Hochzeit mit Rocker Sean Carr so. Knapp ein Jahr nach der orangen Revolution in der Ukraine setzte sie damit ein Zeichen für die neue Westorientierung des Landes. Und das war 2010 so, als Jewgenija ihrer Mutter im Präsidentenwahlkampf mit Model-Auftritten zu zusätzlichem Glanz verhalf.

Faszinierende Mischung

Jewgenija kann aber auch anders. Sie beherrsche die Kunst des Strippenziehens, heisst es in Kiew. Ihre Arbeit bestehe darin, ausländische Investoren in die Ukraine zu locken, sagt sie selbst. Medienberichten zufolge sitzt sie bei diversen ukrainischen Grossunternehmen im Aufsichtsrat und ist Hauptaktionärin des Energieriesen EESU. Das wiederum ist jene skandalumwitterte Firma, die einst der Mutter gehörte.

Julia Timoschenko gelangte mit EESU in den 90er-Jahren als «Gasprinzessin» zu einem milliardenschweren Vermögen. Verbindlichkeiten des Unternehmens soll sie allerdings auf den Staat abgewälzt haben. Auch dafür droht ihr nun eine Anklage. Es könnte also zu einem weiteren Prozess kommen, in dem Mutter und Tochter Seite an Seite auftreten.

Ob es nur die Familienbande sind, die Julia und Jewgenija einen, oder ob vor allem das gemeinsame geschäftliche Interesse die beiden zusammenschweisst, lässt sich schwer sagen. Hardrocker Sean Carr jedenfalls vermochte sich der Faszination dieser Mischung nicht zu entziehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2011, 14:44 Uhr

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