Kopf des Tages

Die barmherzige Schwester

Die US-Ordensschwester Margaret Farley wird vom Vatikan gerügt: Wegen ihres Buches über Sexualethik.

Dicke Post aus Rom: Ordensschwester und ehemalige Yale-Professorin Margaret Farley.

Dicke Post aus Rom: Ordensschwester und ehemalige Yale-Professorin Margaret Farley. Bild: www.nhregister.com

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Es komme vor, dass Frauen in der Selbstbefriedigung grosse Erfüllung und eigene Möglichkeiten bei der Entdeckung der Lust fänden. «Viele haben das in ihren normalen geschlechtlichen Beziehungen mit Männern oder Liebhabern nicht erfahren oder davon nichts gewusst.» Masturbation könne Beziehungen durchaus mehr fördern als behindern.

Das ist keine Anleitung zur Onanie aus einer Frauenzeitschrift, sondern das Urteil einer amerikanischen Professorin und Nonne. Margaret Farley vom Orden der barmherzigen Schwestern vertritt diese Meinung in ihrem 2006 erschienenen Buch «Just Love» – «Nur Liebe. Ein Grundriss der christlichen Sexualethik». 2008 hat sie dafür den renommierten Louisville Grawemeyer Preis bekommen und eine breite Diskussion ausgelöst.

Der Ruhestand bewahrt vor Sanktionen

Auch im Vatikan: Nach einem Jahre dauernden Lehrprüfungsverfahren hat die Glaubenskongregation jetzt gegen Farley eine sogenannte «lehrmässige Not» veröffentlicht, eine fünfseitige offizielle Rüge. Diese hält fest: Ihr Buch ignoriere die Lehrmeinungen der Kirche oder präsentiere diese als Meinung unter vielen. Was die Masturbation anbelange, so habe die Kirche diese immer als «schwer ungeordnete Handlung» gebrandmarkt.

Farley gehört damit zu ganz wenigen Frauen, die der Vatikan mit einer eigenen Erklärung abstraft. Lehrprüfungsverfahren mit entsprechenden Strafen haben bei männlichen Theologen eine lange Tradition. Von Stephan Pfürtner bis Charles Curran wurden Theologieprofessoren wegen liberaler sexualethischer Positionen gemassregelt, bei den Frauen bisher einzig die deutsche Uta Ranke-Heinemann, die ihren Lehrstuhl verlor. Farley wurden vom Vatikan nur deshalb keine Sanktionen auferlegt, weil sie heute Professorin im Ruhestand ist. Die mutige und gescheite Frau hatte zuvor an der Universität Yale christliche Ethik gelehrt. Sie stand auch mehrere Jahre der Katholisch-theologischen Gesellschaft Amerikas vor.

Dem Vatikan droht bald weiteres Ungemacht aus den USA

Der Vatikan begnügt sich damit, katholische Pädagogen davor zu warnen, ihr Buch in der Erziehungsarbeit zu nutzen. Es trage zur Verwirrung der Gläubigen bei – namentlich durch ihre Rechtfertigung von Scheidungen oder homosexueller Partnerschaften.Farley wörtlich: «Ich meine, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen und Handlungen aufgrund derselben Sexualethik wie heterosexuelle Beziehungen gerechtfertigt sein können.» Für Papst und Vatikan verstösst das aber gegen die Heilige Schrift, welche homosexuelle Handlungen als Akte schwerer Verderbtheit und Verstoss gegen das Naturgesetz werte. Insgesamt manifestiere Schwester Farley «ein mangelhaftes Verständnis der objektiven Natur und des natürlichen Sittengesetzes», heisst es in der Erklärung.

Schwester Pat McDermott, die Präsidentin der barmherzigen Schwestern in Amerika, bedauerte das Schreiben aus dem Vatikan gestern zutiefst. Denn die Massregelung von Farley liest sich wie die amtskirchliche Statuierung eines Exempels. Zwischen dem Vatikan und den US-Ordensfrauen schwelt ein Streit. Im April hat der Vatikan die Dachorganisation der meisten amerikanischen Nonnen harsch kritisiert. Er ordnete an, die Conference of Women Religious unter Aufsicht zu stellen. Roms Begründung: Die amerikanischen Schwestern wichen vom Dogma ab, engagierten sich zu wenig für das Recht auf Leben und verträten radikalfeministische Positionen.

Erstellt: 06.06.2012, 07:10 Uhr

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