Die schlimmsten Mordfälle der Schweiz

Von den Sonnentempler-Massakern bis zur Bluttat von Menznau: Diese Morde haben die Schweiz erschüttert.

Polizeieinsatz auf dem Kronospan-Gelände in Menznau LU, wo am 27. Februar 2013 ein Mitarbeiter fünf Kollegen tötete.

Polizeieinsatz auf dem Kronospan-Gelände in Menznau LU, wo am 27. Februar 2013 ein Mitarbeiter fünf Kollegen tötete. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Fall Menznau

Am Morgen des 27. Februar 2013, an seinem freien Tag, eröffnet ein langjähriger Mitarbeiter des Holzverarbeiters Kronospan in Menznau LU das Feuer auf seine Arbeitskollegen. Zwei Personen werden sofort getötet, auch der Täter kommt ums Leben. Eine weitere Person stirbt einen Tag später, nach fünf Wochen im Spital das fünfte Opfer. Der Täter hatte in der Kantine des Unternehmens mindestens 18 Schüsse aus seiner Pistole abgegeben.

Der 42-jährige gebürtiger Kosovare, ein Maschinist, lebte mit seiner Frau und drei Kindern in Willisau Luzern. Er arbeitete während 17 Jahren bei Kronospan. Gemäss Angaben der Firmenleitung war er ein ruhiger Mitarbeiter. Er habe jedoch seit Oktober 2012 unter einer akuten paranoiden Schizophrenie gelitten, teilte die Luzerner Staatsanwaltschaft später mit. So habe der Mann regelmässig im Familienkreis die Überzeugung geäussert, dass er von dunklen Mächten, Organisationen und von Arbeitskollegen ausspioniert und verfolgt würde. Die Tat sei kaum voraussehbar gewesen. Der Gutachter geht davon aus, dass die Tat in einem «akuten Schub» begangen wurde. Das genaue Motiv und der Auslöser der Tat bleiben weiterhin unbekannt.

Der Fall Leibacher

Am 27. September 2001 erschiesst Friedrich Leibacher im Zuger Regierungsgebäude 14 Menschen. Der bis an die Zähne bewaffnete Mann hatte seine Tatwaffen – zwei Pistolen, ein Sturmgewehr 90 und ein Repetiergewehr für Schrotmunition – legal von Privaten erworben. Mit rund 90 Schüssen tötete er 3 Regierungs- und 11 Parlamentsmitglieder und verletzte 18 weitere Menschen zum Teil schwer. «Der blindwütige Angriff dauerte 2 Minuten und 34 Sekunden», heisst es im Bericht. Um 10.34 Uhr schoss er sich eine Kugel in den Kopf. Leibacher hatte die Tat minutiös geplant: ein Testament errichten lassen und bei einem Zürcher Unternehmen für seine Bestattung bezahlt. Die Mutter erhielt einen Abschiedsbrief. Trotzdem hatte Leibacher einen Roller als mögliches Fluchtfahrzeug gemietet.

Der Amokschütze von Zug, Friedrich Leibacher, aufgenommen 1991 in der Dominikanischen Republik. Bild: Keystone/Sonntagszeitung

Dem mehrfachen Mord war ein Konflikt mit den Zuger Behörden vorausgegangen. Er hatte seinen Anfang genommen in einem Streit mit einem Buschauffeur. Im psychiatrischen Gutachten heisst es, Leibacher sei eine «komplex gestörte Persönlichkeit» gewesen, die ausgesprochen überlegt gehandelt und niemanden einbezogen habe. Leibachers Leben ist eine Chronik des Scheiterns: Als 12-Jähriger inhaftiert ihn die Zuger Polizei ein erstes Mal, als 16-Jähriger wird er vom Psychiater als «nicht ungefährlicher Psychopath» bezeichnet. Leibacher wurde in Heime eingewiesen, verstiess unzählige Male gegen das Gesetz: als 13-Jähriger wegen Schiessens mit einem Luftgewehr, dann wegen Diebstahls, Hehlerei, Betrugs, Unzucht mit Kindern und der illegalen Einfuhr von Waffen. Er war zweimal mit Frauen aus der Dominikanischen Republik verheiratet.

Die Sonnentempler

«Wir gelangen ans Ende unseres Zyklus. Bereitet euch darauf vor, diese Welt zu verlassen. Der Transit findet heute Nacht statt.» Mit diesen Worten ordnet der französische Sonnentempler-Gründer Joseph Di Mambro am Abend des 4. Oktober 1994 telefonisch das Massaker an, das am nächsten Morgen die Welt erschüttert. Auf einem Bauernhof in Cheiry im Kanton Freiburg liegen 23 Leichen mit Plastiktüten über dem Kopf, mit Klebeband verschnürt, die meisten Körper von Kugeln durchsiebt. In Salvan im Wallis werden 23 verkohlte Leichen gefunden. Die Opfer sind vergiftet und dann verbrannt worden. In der Schweiz und in Kanada sterben in jener Nacht 53 Sektenmitglieder; Männer, Frauen und Kinder. Zu den fünf Toten, die in Kanada gefunden werden, gehörte ein fünfjähriger Junge. Ihm ist ein schwerer Brieföffner ins Herz gerammt worden.

Das Bauernhaus in Cheiry FR, wo 23 verkohlte Leichen der Sonnentemplersekte gefunden wurden. Bild: Keystone/Str

Ein Überlebender des Massakers hatte Benzingeruch im Keller des Chalets in Salvan wahrgenommen und wegen der wirren Reden seiner Glaubensbrüder Verdacht geschöpft. Die Sektenmitglieder hätten die 54 Tempelritter von Saint-Antoine, die 1310 bei lebendigem Leib verbrannt worden waren, verehrt, sagt er. «Das 54. Opfer hätte ich sein sollen», sagte der Überlebende später. Weil Sektengründer Di Mambro selbst einer der Toten in Salvan war, glaubten die Ermittler, die Sekte habe sich aufgelöst. Doch nur ein Jahr später wurden auf einer Lichtung bei Grenoble weitere 16 Sonnentempler tot aufgefunden. Und im März 1997 fand man in Kanada noch einmal fünf Tote. Auf den Tod waren die Sektenmitglieder seit 1993 vorbereitet worden. Es sei ein Übergang in eine bessere Welt, wurde ihnen verheissen.

Günter Tschanun

Am 16. April 1986 um halb neun Uhr betritt Günther Tschanun mit einem geladenen Revolver das Amtshaus IV an der Uraniastrasse in Zürich. Der 45-Jährige ist Chef der Stadtzürcher Baupolizei, des heutigen Amts für Baubewilligungen. Er geht in das Büro eines Bauingenieurs und schiesst ihm in den Kopf, wenig später tötet er drei weitere Mitarbeiter. Eine fünfte Person überlebt ihre Schussverletzungen nur knapp. Darauf flüchtet der Chefbeamte mit dem Zug nach Frankreich, in ein Hotel im Burgund. Drei Wochen später nahm ihn die Polizei fest. Das Obergericht verurteilte ihn zu 20 Jahren Haft. Anfang 2000 nach 14 Jahren kann Tschanun das Gefängnis jedoch wegen guter Führung wieder verlassen.

Günther Tschanun verlässt nach der Urteilsverkündung am 29. Februar 1988 das Zürcher Obergericht. Bild: Keystone/Str

21 Monate lange hatte Tschanun als Chefbeamter gearbeitet. War mit seiner Aufgabe überfordert, arbeitete Tag und Nacht und kam wegen seines Kontrollwahns und seiner Detailversessenheit trotzdem nicht vom Fleck. Die Hilfe seiner Mitarbeiter lehnte der Architekt ab. Gemäss des Zürcher Obergerichts trugen auch die Opfer und der Stadtrat aufgrund der grossen Belastung – Tschanun leistete teilweise ein Arbeitspensum von bis zu 86 Stunden pro Woche – eine Teilschuld. Das Lausanner Bundesgericht attestierte Tschanun jedoch Überforderung und keinen Einfluss dieser Mobbing-Theorie auf die Tat, weswegen er 1990 in zweiter Instanz zu drei zusätzlichen Jahren verurteilt wurde. Heute soll der gebürtige Österreicher unter anderem Namen weiterhin in der Schweiz leben.

Werner Ferrari

24 Jahre alt ist Werner Ferrari, als er am 6. August 1971 zum ersten Mal mordet. Sein Opfer: der 10-jährige Daniel Schwan aus Reinach BL. Ferrari wird zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt und nach acht Jahren Haft aus der Zürcher Strafanstalt in Regensdorf vorzeitig entlassen. Wenige Monate später beginnt eine Mordserie an Kindern, wie sie die Schweiz noch nie erlebt hat. Zwischen Mai 1980 und August 1989 verschwinden elf Kinder – das jüngste sechs, das älteste vierzehn. Acht von ihnen findet man tot, von dreien fehlt bis heute jede Spur.

Werner Ferrari wird am 6. Juni 1995 in den Gerichtssaal in Wettingen geführt. Bild: Keystone/Walter Bieri

Die Polizei tappt lange im Dunkeln. Bis am 30. August 1989. An diesem Tag läutet bei der Kantonspolizei Solothurn das Telefon. Ferrari, der Aargauer, der nun in Olten lebt, ist am Apparat und erklärt dem Beamten, dass er mit dem Mord an der neunjährigen Fabienne vor vier Tagen nichts zu tun habe. Eine Stunde später sitzt Ferrari in Haft. Noch in der U-Haft gesteht er vier Morde (unter anderem jenen an Fabienne), bestreitet aber den Mord an der zwölfjährigen Ruth, die 1980 tot in einem Waldstück bei Würenlos gefunden wurde. Trotzdem wird er 1995 wegen fünffachen Mordes verurteilt. Der Journalist und Buchautor Peter Holenstein glaubt ihm und findet Hinweise, dass Ferrari nicht der Mörder von Ruth sein kann. 2007, zwölf Jahre nach dem ersten Urteil, befindet das Bezirksgericht Baden Werner Ferrari im Fall von Ruth für unschuldig. Für die anderen vier Morde bleibt er in Haft.

Mordfall Seewen

Waldeggli heisst das Gartenhaus in Seewen, wo am 9. Juni 1976 fünf Leichen gefunden werden. Wer die Familie mit 13 gezielten Kopfschüssen aus nächster Nähe umgebracht hat, ist bis heute ungeklärt. Die Befragung von über 9000 Personen, 38 Hausdurchsuchungen und eine Fülle von Hinweisen aus der Bevölkerung brachten die Ermittler nicht weiter.

Das Waldhaus im Mordfall Seewen (SO), aufgenommen am 7. Juni 1976. Bild: Keystone/Str

Carl Doser, damals ein 29-jähriger Arbeitsloser, Waffennarr und introvertierter Einzelgänger, kommt nach heutigen Erkenntnissen am ehesten infrage. Am 2. September 1996 demontierte ein Handwerker am Ritterweg 1 in Olten eine altmodische Kücheneinrichtung. Im Hohlraum entdeckte er zwei Plastiksäcke. Im einen steckte ein Unterhebel-Repetiergewehr der Marke Uberti, Modell 1866. Im anderen lag Munition und ein Pass, lautend auf Carl Dose. Ballistische Tests ergaben, dass es sich um die Tatwaffe handelte. Das Versteck befand sich in der Wohnung, in der die Mutter des mutmasslichen Täters bis zu ihrem Tod 1980 gelebt hatte. Der Sohn war jedoch bereits im Jahr 1977 spurlos verschwunden. Zwei Personen wollen den mutmasslichen Täter in Kanada, 1995 in British Columbia und 1996 in Jasper gesehen haben. Sollte Doser der Polizei noch ins Netz gehen, hätte er nichts mehr zu fürchten: Die Tat ist nach 20 Jahren verjährt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2016, 19:40 Uhr

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