Reportage

«Du wirst das schon gut machen, Vater»

Luca Mongelli ist erleichtert, dass Experten seine Aussagen stützen, wonach es nicht der Hund war, der ihn 2002 zum Invaliden machte. Seinen Vater begleitete er nicht nach Sion. Er lernt auf eine Lateinprüfung.

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Als Luca Mongelli von den Untersuchungsergebnissen des italienischen Expertenteams erfuhr, habe er erst einmal herzhaft gelacht, erzählt sein Vater Nicolas Mongelli. «Er sagte mir: Das ist ja genau das, was ich seit zehn Jahren erzähle!» Seit der damals siebenjährige Luca vor zehn Jahren aus dem Koma erwachte, als Tetraplegiker und blind, hat er stets dasselbe berichtet. Ihm bekannte Jugendliche hätten ihn drei Monate früher, am Abend des 7. Februar 2002, in Veysonnaz VS angegriffen und mit Zweigen geschlagen.

Der zuständige Untersuchungsrichter Yves Cottagnoud hatte sich allerdings von Anfang an an der These festgebissen, dass der sechsmonatige Schäferhund der Mongellis den Jungen so übel zugerichtet hatte. Der mit dem Fall überforderte Neuling Cottagnoud ignorierte jegliche Hinweise und Expertenstimmen, die seine These nicht stützten und den Hund sogar als Schuldigen ausschlossen. Zum Leidwesen der Mongellis, allen voran von Luca und seinem drei Jahre jüngeren Bruder Marco, liess die Justiz ihren Rocky einschläfern. Der Fall wurde 2004 ad acta gelegt.

«Ich habe andere Sorgen: Meine Lateinprüfung»

Die italienischen Experten um den bekannten Kriminologen Luciano Garofano sind sich im Gegensatz zu den Walliser Behörden einig, dass der Hund als Täter nicht infrage kommt. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung stellten sie heute Dienstag der Öffentlichkeit vor. Lucas Vater Nicolas Mongelli ist erleichtert. «Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass es sich lohnt, für meinen Sohn zu kämpfen.» Anders als an einer früheren Medienkonferenz war Luca Mongelli diesmal nicht in Sion. «Ich habe andere Sorgen. Meine Lateinprüfung am Freitag. Du wirst das schon gut machen, Vater», habe ihm Luca gesagt.

Der Jugendliche lebt heute in Giovinazzo bei Bari in Italien, geht dort ins Gymnasium. Die Familie zog nach Italien, nicht zuletzt, weil Luca dort trotz seiner Behinderung nicht in eine Sonderschule musste, sondern mit den anderen, «normalen» Kindern am Unterricht teilnehmen konnte. Er führt ein so normales Leben, wie es unter seiner Behinderung möglich ist. Liebeskummer inklusive. Drei Stunden Physiotherapie täglich. Und die Hoffnung, dass er noch mehr Fortschritte machen wird. «Zwischen 2002 und heute hat sich sein gesamter Zustand enorm verbessert», sagt sein Vater. Ob noch mehr möglich ist, weiss er nicht. «Man kann immer hoffen, aber man darf keine Wunder erwarten.»

Hoffen auf eine Zusammenarbeit mit den Walliser Behörden

Was Mongellis sehr gerne sehen würden, ist, dass die Walliser Justiz mit den italienischen Behörden kooperiert. Italien habe ja den jetzigen Walliser Generalstaatsanwalt Nicolas Dubuis, der den Fall von Cottagnoud übernommen hatte, um Rechtshilfe gebeten. «Ich hoffe, Herr Dubuis nimmt Kontakt mit seinem Amtskollegen in Rom auf», so Nicolas Mongelli. Neue Fakten seien ja vorhanden. Auf einem Röntgenbild haben die italienischen Experten etwa festgestellt, dass Luca nebst einem Kieferbruch auch eine gebrochene Nase hatte. «Nach bald elf Jahren hat Luca Gerechtigkeit verdient», so Mongelli. Er sei beeindruckt gewesen, wie professionell die italienischen Experten vorgingen, als sie prüften, ob Lucas und Marcos Aussagen glaubwürdig sind.

Und er wartet noch auf das Ergebnis der Untersuchung der vier Gutachter, die Generalstaatsanwalt Dubuis beauftragt hatte. Die Gutachter sollten die Zeichnung evaluieren, die Marco drei Jahre nach dem traumatischen Ereignis in der Schule machte. Während mehrere Experten es für sehr wahrscheinlich halten, dass Marco das gezeichnet hat, was er an jenem Abend gesehen hat, steht das Ergebnis der offiziell beauftragten Gutachter noch aus.

Erstellt: 08.01.2013, 17:05 Uhr

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