Ein Bach ist schuld am Felssturz bei Gurtnellen

SBB-Geologe Marc Hauser erklärt, wie es zur zweiten Sperrung der Gotthardstrecke innerhalb eines halben Jahres kommen konnte.

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Herr Hauser, am Mittwoch ereignete sich ein Felsabbruch von ca. 150 Kubikmeter, von dem ein Felsblock der Grösse von 70 bis 80 Kubikmeter, die Gotthard-Bahnstrecke bei Gurtnellen beschädigte. Was war die Ursache?
Oberhalb des Absturzgebietes hat es einen kleinen Bach, der aufgrund der starken Niederschläge der letzten Tage so aufgestaut war, dass er umgelenkt wurde und am Hang zur Erosion führte. Auf diese Weise hat der jetzt abgestürzte Block an Halt verloren.

Anfang Juni dieses Jahres fand ganz in der Nähe schon mal ein Felssturz statt und danach eine grosse Sprengung von 2000 Kubikmeter Gestein mit 300 Kilogramm Sprengstoff. Hat dies den Gesteinsbrocken schon ins Rollen gebracht?
Nein, der Block blieb nach der Sprengung vor ein paar Monaten absolut stabil und hat sich seither keinen Millimeter bewegt.

Die Überwachung des Hangs in Gurtnellen hat gut geklappt. Die angebrachten Sensoren haben rechtzeitig Alarm geschlagen. Wie funktioniert dies genau?
In der Anlage sind Erschütterungssensoren an einem Steinschlagnetz angebracht. Bei Beschädigung reagieren sie in Sekundenschnelle und informieren die Zentrale, so dass der Zugverkehr sofort gestoppt werden konnte.

Gibt es noch andere Schutzmassnahmen?
Es wurden mehrere Tonnen Stahl in Form von Felsnägeln zur Stabilität des Hangs in den Berg eingefügt und an der Oberfläche über mehrere hundert Quadratmeter Stahlnetze gespannt. Hinzu kommt, dass wir die gesamte Felswand ständig online überwachen und jede Bewegung mit Hilfe von einem Lasermesssystem und auch über Geo-Radar beobachten. In den Fels selbst haben wir auch noch spezielle Sensoren, sogenannte Extensometer, installiert, um Bewegungen in den Spalten zu messen.

Auch Kokosmatten wurden vor ein paar Monaten am Hang ausgelegt. Was will man damit bezwecken?
Dies ist ein zusätzlicher Erosionsschutz und hilft die Oberfläche schneller zu begrünen. Denn die Matten sind mit einer Mischung aus Graskeimlingen bespritzt. Auch Stecklinge wurden dort gepflanzt, damit wieder ein Schutzwald wachsen kann.

Rechnen Sie mit weiteren abstürzenden Geröllmassen an dieser Bahnstrecke?
Zur Zeit sieht es nicht danach aus. Doch wir werden weiterhin jede kleinste Bewegung der Gesteinsbrocken im Auge behalten, um eine möglichst grosse Sicherheit zu garantieren. Die betroffene Felswand bei Gurtnellen ist dank all der Massnahmen inzwischen einer der am besten überwachten Hänge im Alpenraum. Dennoch bleibt die Natur unberechenbar, so dass Voraussagen nur beschränkt möglich sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.11.2012, 19:39 Uhr

Marc Hauser ist Geologe bei den SBB und zuständig für Naturrisiken.

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