Ein Mohnblumen-Meer der Erinnerung

Mit 888'246 Blumen aus Keramik gedenken die Briten ihrer Kriegstoten – eine gelungene Touristenattraktion.

Die rote Flut der Keramikblumen füllt den Graben am Tower of London. Jede Blume steht für einen im Krieg Gefallenen. Foto: Neil Hall (Reuters)

Die rote Flut der Keramikblumen füllt den Graben am Tower of London. Jede Blume steht für einen im Krieg Gefallenen. Foto: Neil Hall (Reuters)

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«Erstaunlich» fand Catherine, die Herzogin von Cambridge, die Kunstinstallation am Tower. «Spektakulär» nannte Prinz William, was er sah. Königin Eli­zabeth war immerhin «beeindruckt». Und beeindruckt waren auch die Heerscharen ihrer Untertanen und der Touristen, die zum Tower zogen: Vier Millionen Menschen sollen es insgesamt gewesen sein.

Im hundertsten Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs war den Briten an einer besonderen Würdigung ihrer Kriegstoten gelegen. Die schuf ihnen ein Keramikblumen-Designer aus dem nordenglischen Derby.

Paul Cummins hatte die Idee, im Burggraben des Tower of London für jeden im Weltkrieg getöteten Soldaten aus Britannien und seinem damaligen Empire eine künstliche Mohnblume zu pflanzen. 888'245 Blumen sind es geworden. Die letzte, die 888'246ste, wird heute, am Waffenstillstandstag, ins Gras an der Themse gesteckt.

Ein rotes Mohnblumen-Meer hat sich so rund um den Tower ergossen. An das Blutbad des Kriegs soll diese mächtige Blumenflut erinnern. Die Installation ist zu einer visuell überwältigenden Darbietung geworden, die nicht wenige Betrachter zu Tränen gerührt hat.

Lange Menschenschlangen haben sich zum Tower gewunden, je mehr und je schneller Cummins’ Projekt seit dem Sommer an Umfang gewann. Einhellig haben Politiker und Medien auf der Insel die Blumenschau zum idealen Symbol des Weltkriegs-Gedenkens erkoren. Eine einsame Stimme, die des Kunstkritikers Jonathan Jones vom linksliberalen «Guardian», hat sich allerdings gegen das rasche Mitgefühl, das kollektive Erschauern gestemmt.

«Zu schön und dekorativ»

Jones, ein Cambridge-Historiker, ist der Meinung, dass das Mohnblumen-Meer schlicht zu schön und «zu dekorativ» sei, um seinen Betrachtern die Schrecken des Krieges und die Ursachen seines Ausbruchs nahezubringen.

Ausserdem gefällt es dem «Guardian»-Journalisten nicht, dass mit dem symbolischen Blutbad am Tower ausschliesslich der britischen und britisch-imperialen Kriegstoten gedacht wird: «Wenn wir uns den Great War nur als britische Tragödie vorstellen können, dann haben wir nicht viel aus der Geschichte gelernt.»

Seine unbotmässige Meinung trug dem couragierten Kritiker wütende Reaktionen aus dem ganzen Establishment ein. Mit «Spott und Häme» wage es ein Exponent der Linken hier, ein nationales Denkmal zu verunglimpfen, wetterten die Rechtsblätter im Königreich.

Premierminister David Cameron rühmte seinerseits «die atemberaubende Darbietung», mit der all derer gedacht werde, «die unsere Freiheit verteidigt haben» – bis hin nach Afghanistan, wo 453 britische Soldaten und Soldatinnen starben.

Oberst Richard Kemp, Ex-Kommandeur der britischen Streitkräfte in Afghanistan, verkündete in der konservativen «Times» stolz, dass «künftige Opfer dieses Mohnblumen-Meer noch anschwellen» lassen würden.

Wer verdient am Verkauf?

Anfangs hiess es, der Gewinn aus dem Verkauf der 888'246 Keramikblumen – 25 Pfund pro Stück – werde Wohlfahrtsorganisationen zufliessen. Später wurde bekannt, dass nur ein Zehntel an karitative Verbände geht. So musste sich Designer Cummins gegen den Vorwurf verteidigen, er habe Millionen gescheffelt.

Profitabel fand die Installation jedenfalls Londons Bürgermeister Boris Johnson. Er erkannte in dem Kunstwerk «eine globale Zuschauerattraktion» und sprach sich dafür aus, die Blumen länger im Burggraben zu belassen.

Nun soll das Meer der Mohnblumen schrittweise bis Weihnachten zur blossen Erinnerung werden – wie der Krieg, dem es gewidmet ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 22:38 Uhr

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