Ein Neuanfang nach dem Flugzeugabsturz

Polen trauert um seinen Präsidenten: Flugzeugabstürze von Politikern veränderten oft den Lauf der Geschichte. In Pakistan führte der Tod von Diktator Zia ul-Haq zur Demokratie.

Der Flugzeugcrash vor 22 Jahren veränderte Pakistan auf einen Schlag in einer Art, wie wohl kein Staatsstreich es vermocht hätte.

Der Flugzeugcrash vor 22 Jahren veränderte Pakistan auf einen Schlag in einer Art, wie wohl kein Staatsstreich es vermocht hätte.

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Es war drückend schwül und der Himmel dunstig, als Pak One, ein Hercules-Transportflugzeug mit eingebauter VIP-Kapsel, am 17. August 1988 von der Militärbasis in Bahawalpur abhob. Die Uhr zeigte 15.46 Uhr. Ein Sturm kündigte sich an. General Zia ul-Haq, seit elf Jahren Militärmachthaber Pakistans, und zahlreiche andere Generäle sollten zusammen mit US-Botschafter Arnold Raphael und dem amerikanischen Militärattaché vor dem Unwetter zurück in die Hauptstadt Islamabad, 530 Kilometer weiter nördlich, gebracht werden.

Überrall Verrat

Die meisten von ihnen waren am Morgen nur widerwillig angereist, um eine Vorführung des neuen amerikanischen Abrams-Panzers zu verfolgen. Auch Zia ul-Haq. Der 64-jährige General witterte überall Verrat. Die Sowjetarmee befand sich auf dem Rückzug aus Afghanistan, ohne dass er, der Pakistans Einflussgebiet mithilfe islamistischer Propaganda und bewaffneter Mujahedin auf den Hindukusch ausdehnen wollte, einen Regierungschef seiner Wahl in Kabul hatte installieren können.

Gegen seinen Willen hatte der von ihm eingesetzte Premier in Genf ein Abkommen zwischen den USA, der UdSSR, Afghanistan und Pakistan unterzeichnet, das die Lösung der Machtfrage den Afghanen überliess – und pakistanische Nichteinmischung garantierte. Der Diktator war ausser sich: Er setzte den Premier ab, eine Säuberungswelle im Militär wurde erwartet.

Beten Richtung Mekka

Die Schiessübung in der Wüste war ein Reinfall: Der Abrams-Panzer verfehlte bei zehn Versuchen das Ziel zehnmal. Die Gäste wurden danach zum Mittagessen in die Offiziersmesse gebracht. Der Diktator ass zum Schluss ein Eis, begab sich aufs Flugfeld, betete Richtung Mekka und lud die Honoratioren, die in anderen Flugzeugen angereist waren, zum Rückflug in der Pak One ein.

Einzig Generalleutnant Aslam Beg, der Stellvertretende Vorsitzende des Generalstabs, lehnte ab. Er winkte am Rand der Piste, als die Hercules C-130 anrollte. Was darauf geschah, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die Einwohner eines 30 Kilometer entfernten Dorfes beobachteten, wie das Flugzeug sich am Himmel bewegte wie auf einer Achterbahn, dreimal auf und ab, und dann senkrecht in die Tiefe schoss, sich in den Boden bohrte und explodierte. Ein Feuerball verschlang Zia ul-Haq und die anderen 31 Menschen in der 27 Jahre alten Maschine. Es war 15.51 Uhr.

Und plötzlich war alles anders

Der Jet von Generalleutnant Beg erreichte die Unglücksstelle wenig später. Er kreiste ein paar Mal, bevor er nach Islamabad weiterflog. Beg, der einzige Überlebende in der pakistanischen Militärspitze, übernahm die Kontrolle – und ordnete Wahlen an. So gelangte Benazir Bhutto, die Tochter des von Zia 1977 geputschten und später gehängten Premiers, Zulfikar Ali Bhutto, an die Macht.

Der Flugzeugabsturz vor 22 Jahren veränderte die politische Landschaft Pakistans auf einen Schlag in einer Art, wie wohl kein Staatsstreich es vermocht hätte: Die islamistische Militärdiktatur wich sang- und klanglos einer wackligen Zivilregierung. Die «New York Times» sprach vom «Ende einer Ära des atomaren und islamistischen Aufrüstens». Das stimmte damals. Doch inzwischen hat die Welt den 11. September 2001 erlebt und einen neuen Krieg in Afghanistan. Pakistan befindet sich, nach der Diktatur von General Pervez Musharraf, an einem ähnlichen Punkt wie nach Zias Fall vom Himmel.

In den Trümmern seiner Maschine wurden Spuren des Sprengstoffs Nitropenta (PETN) gefunden. Die amerikanischen und pakistanischen Ermittler schlossen mechanisches Versagen aus. Pilot und Co-Pilot seien möglicherweise mit Nervengas ausser Gefecht gesetzt worden. Ein Sabotageakt ist laut dem 365-seitigen Untersuchungsbericht hinter dem Absturz zu vermuten. Die Frage aber, wer dafür verantwortlich war, liessen die Ermittler offen. Und so gibt es bis heute nur Spekulationen und Verdächtigungen. Der pakistanische Diktator hatte viele Feinde.

Sein Aufstieg aus einfachen Verhältnissen war so bemerkenswert wie sein Fall. Zia ul-Haq zeichnete sich im Militär primär durch seine Religiosität aus. Es war eine Überraschung, dass Premierminister Bhutto 1976 ausgerechnet diesen kleinen und nervösen Mann zum Generalstabschef ernannte. 18 Monate später stellte Zia ul-Haq ihn kalt.

Der General hatte Bhutto umschmeichelt mit Sätzen wie: «Sie sind der Retter Pakistans, wir sind Ihnen zu totaler Loyalität verpflichtet.» Mit ähnlichem Gesäusel überzeugte er die USA nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979, Pakistan beim Aufbau einer Guerilla von Gotteskriegern im Nachbarland zu unterstützen. Eben noch ein Paria wegen des pakistanischen Atomwaffenprogramms, avancierte er so zum Vorkämpfer des Westens gegen die rote Gefahr und strich Milliarden Dollar an Hilfsgeldern ein.

Feinde rund die Welt

Sein erklärtes Ziel war, Pakistan ein Nationalbewusstsein einzuimpfen mit Religion, die alle ethnischen Differenzen vergessen machen sollte. Er predigte moralische Erneuerung, führte Schariagerichte ein, verbot Pissoirs, weil der Prophet Mohammed angeblich gegen das Urinieren im Stehen gewesen war, und sorgte dafür, dass amtliche Mitteilungen mit einer Beschwörung Allahs begannen. Vieles blieb Fassade, weil der Afghanistankrieg einen florierenden Drogen- und Waffenhandel mit sich brachte, der sein Regime korrumpierte. Statt eine «Festung des Islam» errichtete er laut Experten eine internationale Drehscheibe des Terrorismus.

Er war ein US-Alliierter, der sich Washingtons Einflussnahme widersetzte und zum Hindernis auf dem Weg zur Befriedung Afghanistans geworden war. Die CIA wird darum des Attentats auf Zia verdächtigt. Oder stand die andere Grossmacht dahinter? Der pakistanische Diktator hatte sich die Sowjetunion durch seine Einmischung in Afghanistan zum Feind gemacht. Die indische Regierung ihrerseits hatte festgestellt, dass die Sikh-Separatisten im eigenen Land von Pakistan mit Kalaschnikows und Raketen ausgerüstet wurden. Israel verfolgte die atomare Aufrüstung der Islamischen Republik mit Besorgnis. Und im pakistanischen Militär gab es zahlreiche weniger religiöse Offiziere, die Angst vor der anstehenden Säuberungswelle hatten. Allen war mit dem Ende von Zias Regime gedient. «Sein Tod», erklärte Benazir Bhutto, «muss auf göttliche Intervention zurückzuführen sein.»

Erstellt: 13.04.2010, 06:36 Uhr

Wo Staatsmänner starben.

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