Hintergrund

Ein Tüftler, ein brillanter Denker

Saad al-Hilli und seine Frau Iqbal sind zwei der Opfer des Vierfachmordes von Chevaline. Der erfolgreiche irakische Ingenieur lebte mit seiner Familie seit Jahrzehnten in England. Perfekt integriert.

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Ein liebevoller Vater und erfolgreicher Geschäftsmann, eine charmante, gebildete Frau, zwei reizende Töchter: Nachbarn und Bekannte in Claygate, im britischen Surrey, porträtieren die al-Hilli als Bilderbuchfamilie. Als Beispiel einer gelungenen Integration.

Saad al-Hilli, 50, und seine Frau Iqbal, 47, sind zwei der Opfer des Vierfachmordes bei Chevaline. Ihre siebenjährige Tochter Zeinab überlebte schwer verletzt, ihre vierjährige Tochter Zeena wurde Stunden später unversehrt unter den Toten im Auto gefunden. Die Ermittler sprechen von einer «schrecklichen Tat», Spuren am Tatort deuten darauf hin, dass die Opfer am Mittwoch aus nächster Nähe hingerichtet wurden.

Die Reise nach Frankreich hätte Saad al-Hilli «spontan» geplant, erzählt sein Treuhänder den britischen Medien. «Er war im Schuss, weil er noch vieles zu erledigen hatte», sagt Julian Steadman zu Independent.co.uk. Der Treuhänder traf al-Hilli kurz bevor er mit der Familie nach Dover fuhr, um von dort aus mit der Fähre den Ärmelkanal nach Frankreich zu überqueren. Die Buchhaltung zeige, dass al-Hilli in den letzen Wochen viel gearbeitet hätte. Nichts deute auf finanzielle Probleme hin.

Flucht aus dem Irak

Die Familie lebte in einer Villa in Claygate im Osten Londons. Der Wert des Gebäudes wird auf eine Million Pfund geschätzt. Der gelernte Ingenieur ist gebürtiger Iraker. Sein Vater Kadhim, ein Industrieller, floh mit seiner Familie 1970 vor dem Regime von Saddam Hussein. Laut Dailymail.co.uk war die Familie bei der Baath-Partei in Ungnade gefallen. Nach einem Aufenthalt im Libanon liess sich die Familie in England nieder.

Saad besuchte in Pimlico die Schule, spezialisierte sich in Mathematik, Physik und technischem Zeichnen. Seine Frau Iqbal lernte Saad in den 1980er Jahren im Urlaub in Dubai kennen, wo sie als Zahnärztin arbeitete. Ihre Mutter war nach Schweden emigriert. Saad und Iqbal sind seit Jahren verheiratet, sie gelten als Vorzeigeehepaar. Sie sei eine gute Gastgeberin und Köchin gewesen, er habe gerne mit den Töchtern im Garten gespielt, so Nachbarn. Iqbal hatte geplant, nach Einschulung ihrer jüngeren Tochter ihren Beruf als Zahnärztin wieder aufzunehmen, so eine Nachbarin zu Guardian.co.uk.

Satelliten und Computer-Design

Saad al-Hilli wird als Tüftler beschrieben, als brillanter Denker. Der leidenschaftliche Radfahrer und Badminton-Spieler arbeitete als Freelance bei Surrey Satellite Technology und war Inhaber einer Computer-Design-Firma. Vor zehn Jahren sei er für ein Unternehmen tätig gewesen, das Teile für die Luftfahrtindustrie und das Militär herstellt, schreibt Dailymail.co.uk. Al-Hilli sei den britischen Nachrichtendiensten seit 20 Jahren bekannt, so Dailymail.co.uk. Während des Irakkrieges sei er vom Nachrichtendienst während mehrerer Wochen überwacht worden.

Der mysteriöse Mord in Frankreich und die Herkunft und die Arbeit al-Hillis befeuern Spekulationen, wonach al-Hilli in einen Spionagefall verstrickt hätte sein können. Laut Dailymail.co.uk seien kurz nach dem Fund der Leichen am Tatort Mitarbeiter der britischen Botschaft gesehen worden, rund zwanzig Leute von «militärischem Aussehen».

Streit ums Erbe?

Eine weitere Spur, der die Ermittler nachgehen, ist die einer Familienfehde. Saads Eltern verstarben kurz nacheinander im vergangenen Sommer. Nach dem Tod ihres Vaters habe Saads Bruder Ziad ihn mehrmals «belästigt und bedroht», so eine Quelle zu Leparisien.fr. Es ging ums Erbe. Hintergrund des Streits seien Geld und Grundstücke in Grossbritannien, Spanien und Frankreich. «Es ist eine reizende Familie, die hart gearbeitet hat und keine Feinde hatte», so ein Nachbar. «Der Familienstreit ist das einzige Problem, das mir bekannt ist.»

Am Montag war die Familie al-Hilli in ihrem weinroten BMW-Kombi in Saint-Jorioz angekommen, einem französischen Dorf am Lac d’Annecy, 60 Kilometer südlich von Genf. Geplant war ein Campingurlaub bis Ende Woche auf dem Platz Le Solitaire du Lac. Am Mittwoch fährt die Familie gegen 13 Uhr in ihrem Kombi los Richtung Chevaline. Was danach geschieht, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Ein Royal-Air-Force-Veteran findet die Toten

So viel ist laut Polizei bekannt: Auf derselben Strasse, auf der die Familie kurz zuvor gefahren war, wird ein britischer Royal-Air-Force-Veteran auf dem Rad vom dreifachen Familienvater Sylvain Mollier überholt. Minuten später biegt der Brite in einen Waldparkplatz ab. Dort entdeckt er den BMW mit zerschossenen Scheiben und laufendem Motor. In der Nähe liegt die Leiche von Mollier, der wahrscheinlich sterben musste, weil er Zeuge der Bluttat geworden war. Im Inneren des Wagens sieht der Veteran die Leichen von Saad al-Hilli, seiner Frau und ihrer Mutter.

Dann sieht der britische Veteran die siebenjährige Zeinab. Das Mädchen schwankt blutüberströmt auf ihn zu. Er leistet Erste Hilfe und ruft die Polizei. Um 16.20 uhr trifft die Polizei ein. Zeinab wird per Hubschrauber ins Spital in Grenoble geflogen, der Tatort wird abgeriegelt, um vor dem Eintreffen der Forensiker keine Spuren zu verwischen. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera fliegt über den BMW und findet nichts.

Gegen 23 Uhr erzählen Camper der Polizei, dass die Familie mit zwei Mädchen auf dem Campingplatz war. Um Mitternacht öffnen an den Tatort zurückgeeilte Ermittler die Hintertüre des BMW. Unter den Beinen ihrer toten Mutter versteckt finden sie die verstörte Vierjährige. Zeena hat das Blutbad als einzige körperlich unverletzt überlebt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2012, 14:31 Uhr

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