Grossbritannien

Ein «echter Chaot» kommt ins Stottern

Londons Bürgermeister Boris Johnson wird von der BBC blossgestellt. Nun muss er sich um seine politische Zukunft Sorgen machen.

Unter Beschuss: Boris Johnson bei einer Pressekonferenz in London 2012.

Unter Beschuss: Boris Johnson bei einer Pressekonferenz in London 2012. Bild: Keystone

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Boris Johnson gilt schon seit einer Weile als gut platzierter Kandidat für die Nachfolge David Camerons. Sollte Britanniens Konservative Partei bei einem schlechten Wahlergebnis 2015 ihren Parteichef ablösen wollen, wäre der Londoner Bürgermeister einer der Spitzenanwärter für die Tory-Führungsrolle.

Seit fünf Jahren Mayor of London, und voriges Jahr problemlos wiedergewählt, hat Johnson jedenfalls genug Gelegenheit gehabt, sich auf der Weltstadtbühne als Freigeist des konservativen Lagers, als unkonventioneller Rechtsausleger und wortgewandter Populist zu profilieren. Fast täglich tritt er im Fernsehen auf. Mit seinem Witz und einem fahrigen Charme vermag er auch Labour-Leute zu faszinieren.

Kein Wunder, dass Johnson den Blick fest auf die Unterhauswahlen von 2015 fixiert hat – auch wenn er, um den Regeln zu genügen, bei diesen Wahlen ein eigenes Mandat erringen, also vorzeitig aus dem Bürgermeisteramt ausscheiden müsste. Als weiteren Schritt auf seinem Weg nach oben betrachtete der Mayor deshalb eine in dieser Woche von der BBC ausgestrahlte Dokumentation unter dem Titel «Boris Johnson: Der unaufhaltsame Aufstieg».

«A nasty piece of work»

Unter anderem zeigt der Film ihn als wackeren Fünfjährigen in einem Schlauchboot einen Fluss hinuntersteuern. Und später als unentwegten Radler, als cleveren Eton-Schüler, als eindrucksvollen Debattenkönig an der Universität von Oxford. Mutter Charlotte wird mit der Bemerkung zitiert, ihr Sohn sei schon von Geburt an «ein echter Champion» gewesen, ein Meister aller Klassen.

Allerdings werden dem Sprössling auch ein paar schlechte Noten ausgestellt. Einen «echten Chaoten» nennt Sir Max Hastings den Mann, der einmal beim «Daily Telegraph» für ihn gearbeitet hat. Der Verleger Conrad Black, der Johnson bei der Zeitschrift «The Spectator» einstellte, betrachtet ihn mittlerweile als «gerissenen Fuchs, der sich als Teddybär ausgibt». Und «Private Eye»-Boss Ian Hislop hält den Möchtegern-Premier für «unseren Berlusconi». Nur sei er halt «einiges lustiger» als dieser.

Schon bevor die Dokumentation aber zu rollen begann, hatte bereits ein anderer BBC-Journalist Johnson gewaltig ins Stottern gebracht. Der Radio- und Fernseh-Veteran Eddie Mair hatte Johnson bei einem Interview ins Gesicht gesagt, dass er ja wohl «ein übler Patron» – «a nasty piece of work» – sei. Mair erinnerte Johnson daran, dass ihn die Londoner «Times» einmal «wegen eines erfundenen Zitats» gefeuert hatte. Und dass der frühere Tory-Vorsitzende Michael Howard ihn aus dem Schattenkabinett geworfen hatte, weil er über eine aussereheliche Beziehung log.

«Ist der Top-Job jetzt futsch?»

Überdies musste sich Johnson vorhalten lassen, dass er mal einem in Rage geratenen Freund die Adresse eines Journalisten gegeben hatte, dem dieser Freund «die Rippen brechen» wollte. Er habe den Freund ja nur «bei Laune halten» wollen, verteidigte sich Johnson. Sein Unbehagen aber, seine wachsende Panik über den Verlauf des Interviews mit Mair war dem Mayor klar anzusehen. Ob man denn nicht, bettelte er, «über etwas anderes reden» könne?

So schwer angeschlagen habe man Johnson noch nie erlebt, waren sich Freund und Feind im Anschluss an die Sendung einig. «Ist der Top-Job jetzt futsch?» fragte die «Times» sogar baff. Echte Boris-Fans wollen sich allerdings nicht kirre machen lassen. Sie sind sich sicher, dass ihr Held sich rasch wieder aufrappeln wird. Dass er die blonde Mähne schüttelt und sich einfach wieder ins politische Getümmel wirft.

Das scheint auch der gebeutelte Johnson so zu sehen. Er räumte prompt ein, dass Mair im Interview mit ihm «hervorragende Arbeit» geleistet habe. «Wo kämen wir denn hin, wenn ein BBC-Moderator kein Tory-Scheusal mehr attackieren dürfte?», fragte er grinsend. Man solle Mair «einen Oscar» verleihen – «oder gleich den Pulitzer-Preis».

Erstellt: 27.03.2013, 06:36 Uhr

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