«Ein paar Minuten haben unsere heile Welt zerstört»

Nachrichten aus der Stille: In Willisau gedachten gestern Nachmittag Hunderte der Opfer der Bluttat in der Holzfirma Kronospan.

Die Besucher verlassen die Kirche von Willisau: Trauerfeier für die Opfer der Bluttat von Menznau.

Die Besucher verlassen die Kirche von Willisau: Trauerfeier für die Opfer der Bluttat von Menznau. Bild: Doris Fanconi

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Gut 600 Personen in der katholischen Kirche in Willisau sind still. Nicht totenstill – aber still für die Toten. Soeben sind die Kirchenglocken verstummt, die letzten Ankömmlinge haben Platz genommen oder stehen in der hintersten Reihe der fast vollen Kirche.

Draussen im 7000-Seelen-Städtchen scheint die Sonne vom blassblauen Himmel. Mütter gehen mit ihren Kinderwagen spazieren, Dorfbewohner erledigen in der Bilderbuch-Altstadt ihre Einkäufe. In der Kirche ist all das weit weg, die Helligkeit draussen. «Sie wurden gestern mit der dunkelsten Seite unserer Gesellschaft konfrontiert», wird der Luzerner Regierungsrat Guido Graf später zur Trauergemeinde sagen.

Der ökumenische Gedenkgottesdienst beginnt mit einer Oboe und einer Klarinette. Musik als Vermittlerin der Sprachlosigkeit. Auf der kleinen Treppe liegt ein Blumenkranz: «In tiefer Trauer – die Belegschaft von Kronoswiss». Rechts und links sitzen zwei Samariterinnen, in den vordersten vier Reihen Vertreter der Politik.

Holzspäne als Nachrichten

Der katholische Pfarrer Martin Walter beginnt zu sprechen. «Wir wollen ein Zeichen der Menschlichkeit setzen», sagt er, «wir sind da.» Dann tritt Kronospan-Chef Mauro Capuzzo nach vorne. Er seufzt tief, hält die Augen gesenkt. Dann räuspert er sich und beginnt mit leiser Stimme: «Wir sind alle fassungslos. Ein paar Minuten haben unsere heile Welt plötzlich zerstört.» Seine Stimme bricht, er ist den Tränen nahe. «Ich wünschte mir, ich könnte die richtigen Worte finden», sagt Capuzzo. Die Pausen nehmen ihm die Aufgabe ab.

«Die Frage wieso lässt uns nicht mehr los.» Er betont den guten Zusammenhalt in der Kronospan-Belegschaft. «Wir haben schon vieles zusammen durchgemacht.» Dann erhebt sich die Trauergemeinde für eine Gedenkminute. Einzig ein Spatz piepst in die Stille. Capuzzo ist an seinen Platz zurückgekehrt und wird von Tränen geschüttelt.

Dann spricht Regierungsrat Guido Graf. «Mit den richtigen Worten Trost spenden, ist heute nicht möglich», sagt er. Ebenso wenig wie ein normaler Arbeitsablauf bei der Kronospan im Moment. «Nichts ist mehr so, wie es war», auch für die Angehörigen des Täters. «Auch sie brauchen jetzt unsere Unterstützung», sagt Graf.

Ein Gefühl teilen

Gemeinsam mit den Pfarrern betet die Trauergemeinde. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.» Der katholische Gemeindeleiter von Menznau erzählt eine Geschichte aus der Bibel. Doch er kann sie nicht zu Ende führen. Bei «wir hatten gehofft, dass » bricht er ab, dreht sich um und setzt sich wieder hin. Die Stille bleibt.

In der ganzen Kirche werden nun Bleistifte und Holzspäne verteilt. Produkte der Kronospan. «Niemand kann den gestrigen Tag ungeschehen machen», sagt Pfarrer Walter. Wer wolle, könne nun einen Wunsch oder eine Nachricht an die Opfer und die Angehörigen aufschreiben. «Es ist der Versuch, ein Gefühl zu teilen.» Vor dem Altarraum stehen drei grosse Glasvasen. An jede ist mit schwarzem Band eine rote Rose gebunden. Die Menschen gehen langsam nach vorne, legen ihre Holzspäne in die Vasen. Eine junge Frau weint, viele blicken wie versteinert. Sitzen bleibt niemand. Angehörige stützen sich auf dem Weg nach vorne, lassen sich Zeit, bis langsam wieder Stille einkehrt.

Drei Vasen mit drei Rosen

Pfarrer Walter schwenkt Weihrauch über die Vasen und spricht mit der Gemeinde die Fürbitte. «Herr, erbarme dich». Dann werden die Glasvasen rausgetragen, langsam verlassen auch die Gottesdienstbesucher die Kirche. Ohne ein einziges Wort. Auf dem Vorplatz ragt ein steinerner Jesus am Kreuz in die Höhe. Die untergehende Sonne scheint noch knapp über ein gegenüberliegendes Dach. Die Holzspäne werden auf eine Feuerstelle gegeben und angezündet. Schweigend sehen die Leute zu, manche halten sich im Arm.

Der Wunsch nach einer Trauerfeier sei sofort und von vielen in der Gemeinde geäussert worden, sagt Walter. Man habe den Betroffenen keine Interpretation der Ereignisse aufdrängen wollen. «Auf den Holzspänen konnte jeder, der wollte, eine individuelle Botschaft hinterlassen.» Er hoffe, die Trauerfeier habe einigen den Ausstieg aus der Spirale negativer Gedanken ermöglicht.

Die schweigende Versammlung hat sich aufgelöst. Vor der imposanten weissen Kirche stehen noch die drei Vasen mit den drei Rosen. Und unsichtbar, still daneben, sollte eigentlich noch eine vierte stehen.

Erstellt: 01.03.2013, 07:07 Uhr

Menznau nach dem Amoklauf: Eine Gemeinde nimmt Abschied. (Video: Keystone )

«Einer spielte den Winkelried»

Auch am Tag nach dem Amoklauf von Menznau schossen die Spekulationen ins Kraut. Wirklich gesichert sind bloss die weiterhin spärlichen Informationen der Luzerner Polizei. Gestern Nachmittag bestätigten die Behörden, dass im Verlauf des Vormittags ein weiteres Opfer an den Folgen der erlittenen Verletzungen gestorben ist. Damit sind bisher vier Menschen umgekommen. Über den Gesundheitszustand der übrigen sechs verletzten Personen lagen der Polizei keine Informationen vor. Weiterhin unklar ist, ob der 42-jährige Täter sich selbst richtete oder von Angestellten auf dem Firmengelände getötet wurde. Die Polizei machte auch gestern keine Angaben dazu. Eine zuverlässige Quelle sagte gegenüber dem TA, dass der Amokläufer in einem Handgemenge überwältigt worden sei. In der Betriebskantine seien etwa zwanzig Personen anwesend gewesen. «Einer der Angestellten spielte dabei den Winkelried», so die Quelle. Während dieser Mitarbeiter den Täter auf den Boden gedrückt habe, habe sich ein Schuss aus der Pistole gelöst, an dessen Folgen der Täter starb. Bei dem Angestellten handelt es sich aber nicht um den ebenfalls getöteten Schwinger Benno Studer, sondern um einen der sechs Verletzten.

Definitiv ausgeschlossen werden kann seit gestern, dass es sich bei der Tatwaffe um eine Armeewaffe handelt. Laut Polizeiangaben verwendete der Täter eine Pistole der Marke Sphinx, Modell AT 380. Wie er in den Besitz dieser Waffe gekommen ist und ob er diese legal besessen hat, ist Gegenstand der weiteren polizeilichen Abklärungen.

Wie ein kurzer Blick ins Internet zeigt, kann die Sphinx AT 380 hierzu- lande in verschiedenen Waffenläden zu einem Preis von rund 1000 Franken erworben werden. Hergestellt wird die Handfeuerwaffe von der in Interlaken ansässigen Sphinx Systems, einer Tochterfirma der Nyoner Kriss Group SA. Ihre Waffen werden hauptsächlich an Polizeikorps und Armeen im In- und Ausland sowie an Sportschützen geliefert. Das Waadtländer Unternehmen ist Anfang Jahr in die Schlagzeilen geraten, weil es Pistolen via die Vereinigten Staaten nach Saudiarabien liefern wollte. Der entsprechende Exportantrag wurde aber vom Bundesrat wegen der heiklen Menschrechtssituation abgelehnt. Gemäss Handelsregister gehören dem Verwaltungsrat der Kriss Group SA unter anderen der ehemalige Rüstungschef der Schweizer Armee, Jakob Baumann, sowie Ex-Korpskommandant Alain Rickenbacher an. (mso)

Trauerfeier für die Opfer in Willisau. (Video: Keystone )

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