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Ein richtiges Urteil, das niemanden freut

Der Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann ist mit einem Freispruch zu Ende gegangen. Was ist davon zu halten? Ein Kommentar von Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Gerichtsreporter Vincenzo Capodici.

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Endlich. Nach 44 teils turbulenten Prozesstagen, der Befragung von über 30 Zeugen und den Vorträgen von zehn Gutachtern hat das Landgericht Mannheim sein Urteil gesprochen. Jörg Kachelmann konnte das Gericht als freier Mann verlassen. Trotzdem: Was in der Nacht auf den 9. Februar 2010 zwischen dem 52-jährigen Wettermoderator und Sabine W. passierte, bleibt ungeklärt. Und wird es wohl immer bleiben. Wie der Gerichtsvorsitzende Michael Seidling bei der Urteilseröffnung erklärte, sind dem menschlichen Erkenntnisvermögen Grenzen gesetzt. Im Zweifel für den Angeklagten – so lautete das folgerichtige Urteil.

Das Ergebnis dieses Prozesses, der zum Medienspektakel verkam, wird an Kachelmann und seiner Ex-Freundin hängen bleiben. Sabine W. ist – sofern sie tatsächlich Opfer einer Vergewaltigung war – ein weiteres Mal gedemütigt und verletzt worden. Die Urteilseröffnung nahm sie jedoch emotionslos zur Kenntnis.

Auch Kachelmann kann trotz des Freispruchs nicht zufrieden sein. Seine Verteidigung hatte versucht, die 38-jährige Ex-Geliebte als Lügnerin darzustellen, die aus Rache und Hass den Wettermoderator zu Unrecht belastet habe. Das Gericht befand allerdings, dass die Aussagen von Sabine W. insgesamt glaubhaft seien, obwohl sie in einigen Punkten nachweislich gelogen habe. Von einer Falschbeschuldigung könne nicht ausgegangen werden. Aber auch Kachelmann habe – bei seiner Einvernahme vor dem Haftrichter - nicht immer die Wahrheit gesagt, erklärte das Gericht weiter. Kachelmann beteuerte immer seine Unschuld – und bekam einen Freispruch zweiter Klasse. Dieser Freispruch bedeutete nicht, dass «das Gericht von seiner Unschuld überzeugt ist», sagte der Gerichtsvorsitzende Seidling. «Es gibt aber begründete Zweifel an seiner Schuld.»

Das Urteil von Mannheim war nicht zuletzt für die Staatsanwaltschaft eine empfindliche Schlappe. Sie konnte keinen einzigen eindeutigen Beweis vorlegen. Sie präsentierte zum Beispiel ein Messer ohne klare DNA-Spuren und argumentierte mit Verletzungen fragwürdigen Ursprungs. Die Staatsanwaltschaft machte allzu oft den Eindruck, als habe sie sich in eine Sache verrannt. Um sich weiteres Ungemach zu sparen, sollten die Ankläger auf eine Berufung verzichten.

Im Kachelmann-Prozess gab es aber auch Gewinner. So zum Beispiel die Pflichtverteidigerin Andrea Combé, die ein brillantes Plädoyer hielt, das wie eine Vorlage für den Entscheid des Landgerichts Mannheim daherkam. Oder der Hamburger Staranwalt Johann Schwenn, der Ende November Reinhard Birkenstock ersetzte. Schwenn, ein Mann zwischen Arroganz und Brillanz, überschritt zwar immer wieder die Grenze des Anstands. Es gelang ihm aber, Zweifel zu säen – vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung.

Zu den Gewinnern gehört auch das Landgericht Mannheim, das es sich bei der Wahrheitssuche nicht einfach machte. Mit seiner gründlichen Arbeit bot es ein Bild der Ernsthaftigkeit und Redlichkeit. Das Gericht lud mehr als zehn Ex-Geliebte von Kachelmann vor, um sich ein besseres Bild über das Beziehungsverhalten des Angeklagten zu machen. Das mutmassliche Opfer Sabine W. befragte es mehr als 22 Stunden. Das Gericht hörte sich unzählige Expertisen an. Nicht zuletzt wegen der akribischen Beweisaufnahme dauerte der Prozess sieben Monate länger als geplant. Der Erkenntnisgewinn nach mehr als 40 Verhandlungstagen besteht darin, dass die Zweifel an der Schuld Kachelmanns, die es schon zu Beginn gab, am Schluss des Prozesses bestätigt wurden. Im Zweifel für den Angeklagten: Es konnte kein anderes Urteil geben als ein Freispruch für Kachelmann.

Erstellt: 31.05.2011, 12:42 Uhr

Journalistin Alice Schwarzer, Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn, Staatsanwalt Andreas Grossmann und Journalistin Gisela Friedrichsen. (Video: Reuters )

Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Mannheim: Vincenzo Capodici.

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