Einkaufstourismus bodigt Botty in Basel

Ein weiteres Detailhandelsgeschäft kann in der Basler Innenstadt nicht mehr überleben. Botty muss den Laden in der Gerbergasse endgültig schliessen.

Botty schliesst das Geschäft in der Gerbergasse.

Botty schliesst das Geschäft in der Gerbergasse.

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«Wir haben alles versucht», sagt Max Thommen. Der 83-jährige elegante Herr – gemeinsam mit seiner Tochter Andrea Thommen Geschäftsinhaber des Schuhladens Botty – steckt in schwierigen Zeiten. Am Samstag gab Geschäftsführer Markus Haefeli den 19 Angestellten schweren Herzens bekannt, dass man auf Ende Juli aufgeben und dem Personal kündigen müsse. «Für uns alle ist dies ein schwerer Schlag, nicht nur finanzieller, sondern auch emotionaler Art», sagt er. Und: «All unsere Verhandlungsbemühungen sind gescheitert!»

Monatelang kämpften die drei, um das Geschäft zu retten, doch die Umstände arbeiteten gegen sie: Die Behörden, die mit dem 8er-Tram und dem Innenstadt-Fahrverbot den Einkaufstourismus nach Deutschland förderten, der Entscheid der Schweizer Nationalbank, den Euromindestkurs aufzugeben, ein neuer Hausbesitzer, der für eine finanziell tragbare Anschlusslösung keine Hand bot. Jetzt muss mit Botty nach diversen anderen ein weiterer Familienbetrieb in der Basler Innenstadt aufgeben. Ein Geschäft mit einem Gesicht weniger – eines, das fachkundige Beratung statt einsame Kaufentscheide bot.

Doch beginnen wir von vorne. Vor 31 Jahren hatte Max Thommen gemeinsam mit seiner Tochter die Botty Basel AG in der Freien Strasse eröffnet – mit Erfolg. Das Geschäft boomte, man konnte Leute anstellen. Doch vor sechs Jahren kaufte ein holländischer Investor die Liegenschaft, in der heute der Apple Store ist. «Da wäre der Mietzins um 50 Prozent gestiegen», sagt Thommen. Mit der Erneuerung des Vertrags hätten die Botty-Inhaber ab dem Jahr 2011 anstatt 1 Million Franken 1,5 Millionen bezahlen müssen. Doch das liessen die Einnahmen nicht zu. Die Familie Thommen war daher gezwungen, eine andere Liegenschaft zu suchen. Fündig wurde sie in der Gerbergasse, der Mietzins war rund halb so teuer, wie der neue in der Freien Strasse gewesen wäre – und die Besitzerfamilie Fricker-Brentzel gewährte zunächst einen Mietnachlass – schliesslich kam man aus demselben Metier und kannte die Nöte und Sorgen in der Schuhbranche.

1,5 Millionen für nichts investiert

Alles liess sich bestens an. So investierte die Familie Thommen 1,5 Millionen Franken aus der eigenen Tasche, um das Haus für das neue Geschäft fit zu machen. «Es war eine Bauruine – 50 Jahre lang war innen nichts mehr gemacht worden», sagt Thommen. «Wir halfen mit, aus dem Haus eine Perle zu machen und hätten nie daran gedacht, dass die Familie verkauft.»

Doch es folgte ein Rückschlag nach dem anderen. Es begann mit dem Einkaufstourismus – die Konsumenten begannen, über die Grenze oder online einzukaufen. Auch das Wetter mit seinen milden Wintern und kalten, nassen Sommern spielte ihnen einen Streich. Man musste teuer einkaufen: Vertreiber können ihre Ware nicht direkt bei den Fabriken kaufen, sondern müssen sie bei Vertretern bestellen, die für die Schweizer rund 20 Prozent draufschlagen. Dann folgte die Sperrung der Innenstadt, die zusätzlich Kunden vom Einkaufen abhält, und das 8er-Tram, das neu über die Grenze fährt. «Da kommen Einkaufstouristen aus der ganzen Schweiz mit ihrem Einkaufswägelchen, steigen beim Bahnhof in den 8er und fahren über die Grenze zum Einkaufen», sagt Haefeli.

Man habe sich nach Kräften gewehrt, Aktionen gemacht, mit Rabatt Kunden zu locken versucht, doch irgendwann nützte alles nichts mehr. «Als auch die Euro-Untergrenze fiel, fegte ein Tsunami über uns hinweg», sagt Haefeli. So fehlte im Januar Geld in der Kasse. Mittlerweile war auch das Haus verkauft worden.

Sitzen auf einer Zeitbombe

Doch Max Thommen hatte einen Nachfolger gefunden, auch er Inhaber einer Botty AG. Aber der neue Liegenschaftsbesitzer beharrte auf dem vollen Mietzins – diese stattliche Summe wäre jedoch auch für den Nachfolger nicht zu zahlen gewesen. «Die Politiker sagen stets, dass man flexibler sein und die Läden länger offen halten muss. Doch dies gleicht Preis- und Währungsdifferenzen nicht aus», sagt Haefeli. Er vermutet, dass es anderen ähnlich gehen wird. «Man sitzt in der Innenstadt mit diesen hohen Mietzinsen und den widrigen Umständen auf einer Zeitbombe.»

«Mir tun die Mitarbeitenden leid. Diese sind teilweise bis zu 30 Jahre da», sagt Thommen. Trotzdem bereut er die drei Jahrzehnte im Detailhandels­geschäft nicht. «Es war eine schöne Zeit.»

Ab heute beginnt bei Botty an der Gerbergasse 44 der Liquidationsverkauf mit 50 Prozent auf alles. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.04.2015, 07:11 Uhr

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Die städtische Verkehrspolitik zwang Botty unter anderem zum Aufgeben. Schadet die Stadt dem Detailhandel?

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