«El País» verteidigt den toten Stierkämpfer

Víctor Barrio liess als erster Torero seit 1985 sein Leben in der Arena. Kurz nach seinem Tod ging ein Shitstorm los – jetzt ertönen erste Heldengesänge.

Gefährliches Spiel: Der verstorbene Victor Barrio bei einem Stierkampf in Madrid (Archiv).

Gefährliches Spiel: Der verstorbene Victor Barrio bei einem Stierkampf in Madrid (Archiv). Bild: Keystone

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Soll man sich darüber freuen, wenn ein junger Torero sein Leben verliert? Wo hört das Engagement gegen Stierkämpfe auf, wo fängt die Pietätlosigkeit an? Diese Fragen diskutiert derzeit die Twitter- und Facebook-Community, nachdem am Wochenende der 29-jährige Víctor Barrio in einer Stierkampfarena in Aragonien sein Leben verlor. Die Hörner von Stier Lorenzo, 529 Kilo, Nummer 26, hatten ihn tödlich ins Herz getroffen.

Als ehrgeiziger und aufstrebender junger Stierkämpfer galt Víctor Barrio, der sich erst mit 20 Jahren zum ersten Mal vor einen jungen Bullen gestellt hatte. Ein Mann von beeindruckender Statur, 1,90 Meter gross, der seinen späten Einstieg mit Fleiss und Willen wettmachte. Ein Shootingstar, würde man sagen, ginge es nicht um eine derart unpopuläre Disziplin. Die «Antitauristas», die Stierkampfgegner, bejubelten das Hinscheiden des jungen Toreros umgehend in den sozialen Medien und wünschten seinen Berufskollegen ebenfalls den Tod. Dies geht nun offenbar selbst einigen von jenen zu weit, die mit der umstrittenen Tradition nicht viel anfangen können.

«Ihr, die euch jetzt über den Tod eines Toreros freut, seid nicht Tierliebhaber, sondern schlechte Personen.»

«Ich bin noch nie an einen Stierkampf gegangen, aber wenn ich die Grausamkeiten einiger Stierkampfgegner so lese, bin ich bald so weit.»

Kein Wort über Stierkampf-Kritik

Stierkämpfe werden auch in Spanien unpopulärer, die Arenen sind immer schlechter besetzt. Der Tod von Barrio wird die Diskussion weiter antreiben, ob die Tradition noch zeitgemäss ist. Allerdings nehmen die grossen spanischen Medien die Debatte kaum auf. Die grösste Zeitung «El País» stilisiert den Torero-Jungstar in einem pathetischen Kommentar zum Helden und Märtyrer hoch. Er beweise, dass die meistgefürchtete Regel der Stierkämpfer immer noch gelte: Der Stier stirbt, der Stierkämpfer kann sterben. Barrios Blut, fährt der Kommentator weiter, sei nicht vergebens geflossen. Sein Tod verpflichte dazu, die Toreros zu respektieren, und erinnere daran, dass das Leben aufs Spiel zu setzen mehr als ein Wortspiel sei.

Die wichtige spanische Sportzeitung «Marca» mahnt die Stierkampfgegner, es sei nicht der Moment, Barrios Tod für eine Hetze gegen die Corridas zu instrumentalisieren. In früheren Zeiten habe der Tod eines Stierkämpfers zu allgemeiner Bestürzung geführt – heute scheine der junge Tod durch die Hörner eines Stieres eine gerechte Bestrafung zu sein. Und auch hier wird der Torero zum Helden, dessen Opfer den Stierkampf ehre.

Wahnsinn oder Leidenschaft?

«El Mundo» nimmt den Tod von Víctor Barrio, der vor knapp zwei Jahren geheiratet hatte und eine Witwe hinterlässt, zum Anlass für eine Rückblende auf die Stierkämpfer, die in spanischen Arenen ihr Leben gelassen haben. Der letzte war 1985 der beliebte Torero José Cubero Sánchez, genannt «El Yiyo» und heute mit einer Statue vor der Stierkampfarena in Madrid verewigt.

Auch in einem weiteren Artikel von«El País» wird die hitzige Debatte um den Stierkampf mit keinem Wort erwähnt. Was für die meisten ein Wahnsinn sei, versucht der Autor die Mentalität des Matadors zu erklären, bedeute für den Stierkämpfer eine Obsession, ohne die er nicht leben könne. Aber verrückt, das müsse man schon sein, um Torero zu werden. Und zitiert den verstorbenen Stierkämpfer mit einem Tweet: Er habe immer geglaubt, dass die Ängstlichen das Leben leben und die Mutigen es geniessen. Selbst wenn manchmal der Preis dafür zu hoch sei. (thu)

Erstellt: 11.07.2016, 12:38 Uhr

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