«Es ist wie in einem Zombie-Film»

Nach dem Taifun Haiyan sind Hunderttausende von der Aussenwelt abgeschnitten. Michelle Patterson vom Philippinen-Netzwerk Noi-P sagt, wie die Menschen im Krisengebiet leben und was in der Politik falsch läuft.

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Die Zeitungen sind voll von Berichten über den Taifun Haiyan. Stehen Sie in Kontakt mit Menschen vor Ort?
Ja, nach langem Warten habe ich gestern ein Lebenszeichen der Mutter meines Göttibuben erhalten. Die Familie lebt im Norden der Insel Cebu. Für kurze Zeit ist die Internetverbindung zustande gekommen, und wir konnten uns über Facebook austauschen. Ich habe sie sofort über den Verbleib meiner Familie ausgefragt. Denn von meinen Angehörigen habe ich bis heute nichts gehört. Sie hat mir dann erzählt, dass sie meine Cousine für circa eine Stunde auf Facebook online gesehen habe. Doch persönlich erreicht habe ich sie noch nicht.

Wie sind die Zustände auf der Insel Cebu?
Der Sturm hat die Familie meines Patenkinds schwer getroffen. Alle haben ihre Häuser verloren. Offenbar haben sie eine Stunde pro Tag Strom. Besonders schlimm ist es, weil das Erdbeben Mitte Oktober bereits grosse Schäden hinterlassen hat. Nun, wo sie das Schlimmste überstanden haben, kommt der Sturm Haiyan und macht alles wieder zunichte. Sie stehen unter Schock, es ist sehr viel zurzeit. Für mich ist es schwierig abzuschätzen, wie gross der Schaden wirklich ist.

Wie meinen Sie das?
Wenn man einen Filipino fragt, wie schlimm es ist, sagt er: «Gott sei Dank leben wir alle noch.» Die Menschen dort haben einen ganz anderen Bezug zu ihren Sachen. Verliert in der Schweiz jemand sein Haus, bricht sein ganzes Leben zusammen. Auf den Philippinen sagt man sich dann, uns geht es gut. Es ist eine andere Welt.

Mehrere Tausend Philippiner und Nachkommen leben in der Schweiz. Wie ist die Stimmung in der Community?
Alle stehen sehr solidarisch zu ihrer Heimat und sind bemüht, in irgendeiner Form zu helfen. Mit den acht Gründungsmitgliedern von Noi-P stehen wir zurzeit in engem Kontakt. Wir tauschen Informationen aus, die jeder von seinen Verwandten oder Bekannten aus den Philippinen erhält. Die Berichte sind sehr unterschiedlich.

Inwiefern?
Ganz schlimm müssen die Zustände in Tacloban City sein. Die Eltern eines Mitglieds von uns leben dort. Dort sind die Leute auf der Suche nach Essen und sauberem Trinkwasser. Die Hilfe kommt noch immer nicht an. Lastwagen bleiben wegen des vielen Schlamms und Schutts am Boden stecken oder werden überfallen. Aus Angst vor Plünderungen verbarrikadieren sich viele gruppiert in den Notunterkünften, eine Person schiebt abwechselnd Wache. Langsam werden die Menschen dort ungeduldig, sie haben keine Informationen und wissen nicht, wie es weitergeht. Dazu kommt die Bedrohung der eigenen Sicherheit. Es ist wie in einem schlechten Zombie-Film.

Wie organisieren Sie sich zurzeit in Ihrer Networking-Plattform Noi-P?
Zuerst haben wir sehr unkoordiniert agiert, das Ausmass der Katastrophe war so überraschend. Auf einen Schlag kamen viele Anfragen von TV-Stationen und Radiosendern. Zuerst hatten wir alle ein grosses Bedürfnis, uns mitzuteilen. In den letzten Tagen haben wir gemerkt, dass wir nicht dramatische Porträts unserer Familien kommunizieren wollen, sondern nachhaltig korrekte Informationen vermitteln möchten. Uns ist es wichtig, dass das, was heute in der Zeitung steht, in einem Monat nicht bereits wieder vergessen ist. Denn der nächste Taifun kommt bestimmt.

Überrascht Sie das grosse Interesse der Medien?
Das ist schwierig zu sagen, weil ich sehr stark involviert bin. Nach der Fukushima-Katastrophe in Japan oder dem Tsunami in Thailand war ich tief betroffen und habe mich über die Medien informiert. Seit dem Supertaifun auf den Philippinen widme ich mich beinahe keinem anderen Thema mehr. Ich schreibe darüber, rede mit Leuten und überlege mir, wie ich helfen kann. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass die Philippinen ein so grosses Thema in den Zeitungen sind. Einerseits ist es schön, die grosse Solidarität zu spüren, andererseits will man auch, dass die Situation im Land richtig dargestellt wird.

Plant Noi-P, Geld ins Land zu schicken?
Wir überlegen laufend, was den Menschen dort am meisten hilft – auch für die Zukunft. Es ist schwierig. Das Ganze ist einfach eine Nummer zu gross. Dabei sind auch Hilfsorganisationen wie die Glückskette oder das Rote Kreuz ein Thema. Für mich habe ich nun entschieden, den Vater eines Noi-P-Mitglieds zu unterstützen. Auf Bohol koordiniert er mit anderen den Wiederaufbau von zerstörten Häusern. Verglichen mit den Projekten der grossen Organisationen ist es ein kleines Projekt. Aber dafür fliesst das Geld ohne Umwege in ein Projekt, das den Menschen dort sofort nützt.

Haben Sie sich überlegt, auf die Philippinen zu fliegen?
Als ich vor einigen Tagen in der Schule sass, habe ich mich plötzlich gefragt: «Was mache ich hier eigentlich?» Ich habe mir überlegt, wie es wäre, zwei Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen und zu meinen Verwandten zu fliegen. Aber das war eine rein emotionale Reaktion. Ich glaube, ich würde dort nicht viel bewirken können und mich zudem selbst in Gefahr bringen. Dazu kommt, dass ich meine Familie bisher noch nicht erreichen konnte. Ich weiss gar nicht, wo sie sind. Doch mir hilft der Gedanke, dass meine Familie zusammenhält, wenn es hart auf hart kommt. Wir werden sie sicherlich von hier aus unterstützen. Meine Eltern machen dies bereits seit Jahren.

Die Philippinen werden immer wieder von Taifunen heimgesucht. Was ist Ihrer Meinung nach das Hauptproblem?
Die Natur lässt sich nicht aufhalten. Jedoch könnte die Politik mehr machen, als sie bislang tut. Auf den Philippinen herrscht eine starke Klassengesellschaft – wenn sie auch nicht als solche deklariert wird. Drei bis fünf Prozent der Einwohner gehören zu den Superreichen. Wäre das Geld besser verteilt, könnte man vorbeugen und zum Beispiel Bunkersysteme bauen. Man hat früh genug gewusst, wann der Taifun kommt und die Regierung hat sehr schlecht informiert und agiert. Das sollte einfach nicht mehr passieren. Gerade in den letzten Tage bringen soziale Netzwerke diese Zustände zutage. Auf Instagram ist ein Foto aufgetaucht, wie der Vizepräsident kurz nach der Katastrophe auf einer Party Karaoke singt. Zudem gibt es Berichte, wonach sich die Tochter eines Prominenten gerade mit Spendengeldern einen Porsche gekauft haben soll. Solche Zustände zeigen, dass die Philippinen ein typisches Drittweltland sind. Aber eine Nation kann man nicht ändern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2013, 19:50 Uhr

Ihr Herz schlägt für die Philippinen: Einige der Noi-P-Mitglieder versammelt. Michelle Patterson ist vorne in der Mitte zu sehen. (Doppelklick für Grossansicht)

Zur Person und zur Organisation

Michelle Patterson ist Halbfilipina und eine von acht Gründungsmitgliedern von Noi-P, einem Netzwerk für Philippiner und ihre Nachkommen in der Schweiz. Die Organisation hat das Ziel, den Zusammenhalt zu fördern und Informationen über das Land weiterzugeben.

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